Der Fleiß der andern.
Zur Definition von Arbeit und Produktivität.

Bernhard Klevenz
www.bklevenz.de

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Vorbemerkung


Die Theorie von Marx ist nicht identisch mit dem Marxismus. Der Marxismus ist die politische Nutzanwendung dieser Theorie.

Die Marxsche Theorie musste "schöpferisch weiterentwickelt" werden, um politisch von Nutzen sein zu können. Was dafür nicht geeignet war, wurde der "Unreife des jungen Marx" zugeschrieben.

Der Marxismus ideologisiert die Kapitalproduktion als gesellschaftliche Arbeit. Er ist keine Theorie der Befreiung der Arbeiterklasse, sondern eine Theorie ihrer Ausbeutung im Namen der "Gesellschaft", das heißt des Staates.

Dieser Aufsatz ist 1998 entstanden und seither einige Male überarbeitet worden.

B. K., Dezember 2013


1  Arbeit

  "LABOR, n One of the processes by which A acquires property for B.''
Ambrose Bierce, The Devil's dictionary

1.1  Arbeit und Nicht-Arbeit, Tätigkeit und Erwerbstätigkeit

Umgangssprachlich bezeichnet man eine Tätigkeit als Arbeit, wenn sie keine Freude, sondern Mühe bereitet.1 ,,Das Schaffen ist eine Arbeit'', obwohl bekanntlich nicht jeder, der sich abmüht, arbeitet, und andererseits auch längst nicht jeder, der arbeitet, sich damit abmüht. Auch ist keineswegs ,,jede planmäßige, zielgerichtete Tätigkeit zur Befriedigung eines Bedürfnisses, bei der geistige oder körperliche Kräfte eingesetzt werden'' (nach ,,Meyers Grosses Universallexikon'') Arbeit. Menschliche Tätigkeit überhaupt ist zu trennen von der Arbeit, das heißt der Sorte Tätigkeit, die der Arbeitslose los ist.
Es gibt Menschen, die nicht arbeiten; untätige Menschen gibt es nicht - nur wer tot ist, tut nichts. (,,Faul'' ist einer ja nicht, weil er nichts tut, sondern weil er nicht tut, was er nach der Meinung anderer tun sollte.) Leben ist Tätigkeit, Tätigkeit ist Leben. Die spezifisch menschliche Lebenstätigkeit unterscheidet sich aber von der aller anderen Tiere in dem Maße, wie der Mensch in der Lage ist, seine Lebensbedingungen selbst herzustellen, ,,sein Leben selbst zu produzieren'': Ein Tier geht ein, wenn es seine Lebensbedingungen nicht mehr in der Natur vorfindet, der Mensch kann Feuer machen, Tiere und Pflanzen züchten oder Nahrungsmittel konservieren. Nur deshalb konnte er alle Klimazonen der Erde besetzen, obwohl er von seiner sonstigen körperlichen Beschaffenheit her eigentlich nur in wenigen tropischen Gebieten leben könnte.
Aus dieser Fähigkeit folgt alles, was den Menschen sonst noch vom Tier unterscheidet. Diese Fähigkeit ist auch Voraussetzung dafür, dass Arbeit überhaupt stattfinden kann, doch war und ist andererseits die Produktion des eigenen Lebens nicht immer Arbeit. Damit eine Tätigkeit Arbeit wird, reicht es nicht aus, daß sie nützlich ist. Arbeit ist Tätigkeit für Geld, deren Resultat verkauft (,,veräußert'') wird, eine Ware ist. Sofern diese Ware nicht in einem (,,materiellen'') Gegenstand besteht, sondern etwa in Ordnung, Sicherheit, Sauberkeit oder dem ästhetischen oder sonstigen Genuß eines zahlenden Kunden, bezeichnet man die entsprechende Arbeit als Dienstleistung.2
Allerdings kann Arbeit nur ein Dienst werden, den ein anderer mir erweisen oder eine Tätigkeit, die ein anderer für mich verrichten kann.3 Deshalb können sexuelle Betätigungen Arbeit sein, das Essen jedoch nicht, selbst wenn der Esser ins Schwitzen kommen sollte. Eine Prostituierte arbeitet, eine Hausfrau dagegen nicht, denn sie verkauft weder ihre Dienste noch ihre Arbeitskraft, obwohl alle ihre Dienste für sich genommen auch Gegenstand von Erwerbstätigkeit sein könnten. Alle Tätigkeiten, die nicht für Geld stattfinden, also keine Ware produzieren, sind keine Arbeit, mögen sie auch vom Standpunkt der Moral oder der ,,Gesamtgesellschaft'' noch so nützlich oder notwendig sein. Wenn es Stand der Arbeitswissenschaft ist, dass ,,eine Definition von Arbeit, die einerseits Aktivitäten wie Spiel oder Sport eindeutig ausschließt und andererseits in Grenzfällen wie z. B. Börsenspekulation oder Prostitution hinreichend trennscharf ist, kaum zu treffen'' sei
( LUCZAK [], S. 2), glaube ich eine durchaus trennscharfe Unterscheidung gefunden zu haben.

Es gibt zwei Arten von Arbeit:
  • Die Arbeit, die dem Lebensunterhalt dient, Massenarbeit, massenhaft angeboten und massenhaft konsumiert. Massenarbeit ist - unter den Bedingungen hochindustrialisierter Länder - identisch mit Lohnarbeit, Massenarbeiter mit Lohnarbeiter, unabhängig von der Rechtsform in der sie stattfindet.4 Der Lohn des geringqualifizierten Massenarbeiters definiert den Wohlstand aller andern.
  • Die Arbeit, die im ,,Disponieren über die Arbeit anderer'' (MAX WEBER)(der ersten Gruppe) besteht, Leitungsarbeit. Sie besteht darin, die Massenarbeit zu verwerten.5
Beides dient selbstverständlich gleichermaßen der Erzielung von Einkommen. Einkommen aus Leitungsarbeit ist höher, und zwar nicht zehn, zwanzig oder dreißig Prozent, sondern um ein Vielfaches des Massenarbeiterlohns. Der Unterschied der Einkommen hat selbstverständlich nichts mit der individuellen Verausgabung von Lebenskraft ("Leistung'') zu tun, ist aber dennoch nicht willkürlich. Der quantitative Unterschied ist zugleich der qualitative: Diese Sorte Einkommen ist eben nicht nur Lebensunterhalt, sondern Anteil an der Beute, am Mehrwert.

Keine Arbeit ist Vergnügen, aber die leitende Arbeit begründet den materiellen Vorteil, die soziale Stellung und die komfortableren Lebensumstände des Arbeitenden. Es ist daher selbstverständlich und berechtigt, daß solche Leute in ihrer Arbeit mehr sehen als ein Lebensmittel.

Die Massenarbeiter produzieren eine Ware, wenn auch eine andere als sie normalerweise meinen. Was sie, gleichgültig welchem ,,Beruf'' sie nachgehen, Tag für Tag produzieren und zu verkaufen haben, ist nicht die Ware oder Dienstleistung, die ihr Arbeitgeber zu Markte bringt, sondern die Fähigkeit, ihrem Arbeitgeber diese Ware zu produzieren, d. h. ihre Arbeitskraft. Die einzige Ware, die der ,,unmittelbare Produzent'' unmittelbar produziert, ist er selbst. Ob er beim Schaffen schwitzt oder nicht: Mit dem Zeug, das sein Arbeitgeber herstellt, hat er ebensowenig zu tun wie das Rennpferd mit dem Pferderennen. Er ist nicht Produzent, sondern Produktionsmittel, ,,Humankapital''. 6
Nicht-Arbeit, also Tätigkeit außerhalb der Erwerbstätigkeit, unterscheidet sich von dieser nicht notwendigerweise dadurch, dass sie unwichtiger, angenehmer oder weniger mühsam ist; sie kann ebenso wie Arbeit ein Produkt hervorbringen, das ,,irgendein menschliches Bedürfnis, sei es des Magens oder der Phantasie'' (nicht notwendigerweise des Produzenten selbst) befriedigt, doch ist ihr Produkt nichts anderes als eben ein zu irgend etwas nützliches Ding. Fertigt jemand zu seinem Spaß oder aus Notwendigkeit für sich und die Seinen einen Tisch an, ist Zweck und Resultat seines Tuns nichts als ein Tisch; wenn das gute Stück fertig ist, wird es aufgestellt und benutzt, und damit ist die Geschichte zu Ende.
Wenn jemand dagegen Tische herstellt, um sie zu verkaufen, führt er zwar die gleichen Arbeitsgänge durch und benutzt das gleiche Material, doch ist der Zweck seines Tuns kein Tisch, sondern Einkommen, jedenfalls der Erwerb (mindestens) seines Lebensunterhalts. Die Tische sind nur ein Mittel dazu: genauso gut hätten es Schokoladenpudding, Mineraldünger oder Autoreifen sein können. Ein weiteres Beispiel: Das häusliche Geschirrspülen ist für die meisten weder Arbeit noch Hobby. Wir ,,müssen'', sofern es niemand für uns tut, ebenso kochen oder abspülen, wie wir arbeiten ,,müssen''. Es sind dies aber zweierlei Notwendigkeiten: Die erstere ergibt sich aus der Sache selbst, die Spülerei mag so lästig sein wie sie will, ihr Zweck und Resultat ist eben das saubere Geschirr, nichts anderes. Die Notwendigkeit der Arbeit des Geschirrspülens hingegen - beispielsweise als Küchenhilfe in einem Restaurant - ergibt sich nicht aus der Sache selbst, sondern aus einer bestimmten sozialen Lage: das Ziel des Geschirrspülens ist hier nicht das saubere Geschirr, sondern der Lebensunterhalt der Spülerin. Dem Arbeitenden ,,erscheint die Erhaltung seiner individuellen Existenz als Zweck seiner Tätigkeit und sein wirkliches Tun gilt ihm nur als Mittel'', er ,,betätigt sein Leben, um Lebensmittel7 zu erwerben.'' (Karl MARX[], Exzerpte aus James Mill, Élémens d'économie politique, in: MEGA2 IV, 2, S.455). Die Erwerbstätigkeit (hiermit ist nicht nur Lohnarbeit gemeint) ist nicht seine Selbsttätigkeit, sondern ,,Verlust seiner selbst, Aufopferung seines Lebens''.
,,Der Arbeiter fühlt sich (...) erst außer der Arbeit bei sich und in der Arbeit außer sich. Zu Hause ist er, wenn er nicht arbeitet, und wenn er arbeitet, ist er nicht zu Haus. Seine Arbeit ist daher nicht freiwillig, sondern gezwungen, Zwangsarbeit. Sie ist nicht die Befriedigung eines Bedürfnisses, sondern ein Mittel, um Bedürfnisse außer ihr zu befriedigen. Ihre Fremdheit tritt darin rein hervor, dass, sobald kein physischer oder sonstiger Zwang existiert, die Arbeit als eine Pest geflohen wird.'' (Ökonomisch-philosophische Manuskripte, 1844, MEGA2 1, 2, S. 367[])
Arbeit ist nicht Tätigkeit, sondern Entfremdung8 und Veräußerung der Tätigkeit, nicht Äußerung, sondern Veräußerung des Lebens. Tätigkeit ist konkret, Arbeit ist abstrakt, und diese Abstraktheit ist ihr nicht äußerlich (,,die Form der Lohnarbeit''), keine ,,Hülle'', die ,,gesprengt'' werden könnte, sondern ihr Wesen. Der ,,stumme Zwang der Verhältnisse'' ist zwar keine Zwangsarbeit im Sinne von GuLag oder KZ, doch sehr wohl Zwang. Es wird behauptet (SOST []), MARX setze zu Unrecht Lohnarbeit gleich mit Arbeit überhaupt9; seine Darstellung der Erwerbstätigkeit als ,,bloßen Zwang'' zeige, dass es ihm noch schwer falle, ,,die Gesellschaftlichkeit der Arbeit in der kapitalistischen Produktionsweise zu begreifen.''
,,Die Arbeit als bloße Zwangsarbeit charakterisiert, erfasst nur die repressive Seite ihres Charakters; das attraktive Moment, das durchaus auch für die Arbeit unter dem Kapitalverhältnis Gültigkeit besitzt, ist darin völlig vernachlässigt.'' (SOST [], S. 63)
Es ist jedem Arbeitenden sehr anzuraten, sich mit seiner Arbeit anzufreunden, solange er keine andere Wahl hat. Das wird wohl das ,,attraktive Moment'' sein.
Der Arbeitszwang ändert sich aber nicht dadurch, dass der ,,stumme Zwang der Verhältnisse'' die offene Zwangsarbeit ersetzt.
Die Ideologisierung der Kapitalproduktion als ,,gesellschaftliche Arbeit'' verbindet die Marxisten10 noch mit den reaktionärsten Verteidigern der kapitalistischen Ordnung. Im Werk von MARX ist eine solche Ideologisierung nicht ausgeschlossen11; die Marxisten haben dieses reaktionäre Moment zum Grundstein ihrer Theorie gemacht. Die modische ,,Arbeitskritik'', die nicht zwischen der Tätigkeit und ihrer Entfremdung unterscheidet, muss die Negation der Arbeit für Nichtstun, Faulenzen oder, was dasselbe ist, zweckfreies und sinnloses Tun (,,Muße'' oder ,,Müßiggang'') halten und endlos über ,,Arbeit und Freizeit'' oder ,,Faulheit und Fleiß'' phantasieren.12 Der unbestreitbare Vorteil einer Gleichsetzung von Arbeit (Entfremdung von Tätigkeit) mit Tätigkeit besteht allerdings darin, daß man sich damit nicht nur geistige Anstrengungen erspart, sondern dem ,,allgemeinen Interesse'' aller an der produktiven Arbeit anderer Interessierten auch bares Geld. Denn Nützliches gibt es unbestreitbar immer genug zu tun, und in Wirtschaftskrisen sogar besonders viel - also kann es auch keine Arbeitslosigkeit geben. Jedenfalls keine, die öffentlich zu finanzieren wäre.

1.2  Naturbeziehung oder tätige Entfremdung. Der Arbeitsbegriff von Marx.

Wenn Marx den Menschen als ,,Resultat seiner eigenen Arbeit'' bezeichnet, versteht er unter Arbeit nicht nur die Erwerbstätigkeit, sondern die gesamte ,,Lebenstätigkeit'' oder ,,Betätigung der Lebenskräfte'' des Menschen. Erwerbstätigkeit, ,,Arbeit im nationalökonomischen Zustand'', ist nur eine historisch entstandene Abspaltung von jener Lebenstätigkeit.

(Erwerbs-)Arbeit (Arbeit als) Lebensbetätigung
abstrakt konkret
Mittel, um Bedürfnisse außer ihr zu befriedigen Befriedigung eines Bedürfnisses
Veräußerung des Lebens Lebensäußerung
Zwang freie Tätigkeit
Aufopferung des Lebens Selbsttätigkeit
Entfremdung Selbstverwirklichung

MARX spricht von ,,Abschaffung der Arbeit'', davon, dass ,,die kommunistische Revolution sich gegen die bisherige Art der Tätigkeit richtet, die Arbeit beseitigt'' (Deutsche Ideologie, MEW Bd. 3, S. 70) und ,,die Proletarier ihre eigene bisherige Existenzbedingung, die zugleich die der ganzen bisherigen Gesellschaft ist, die Arbeit, aufheben müssen.'' (ebd., S. 77) Mit Arbeit ist hier Erwerbsarbeit, speziell Lohnarbeit gemeint, denn nur diese lässt sich beseitigen oder aufheben.
Im Fortgang seines Werks nimmt MARX diese Trennung nicht mehr vor und geht dazu über, Arbeit als ewige Naturbeziehung und ,,Stoffwechsel mit der Natur'' zu verstehen. Erwerbs- bzw. Lohnarbeit ist hier nicht mehr Entfremdung der (dem Menschen natürlichen) Tätigkeit, sondern diese Tätigkeit selbst. Die negative Kritik wird damit zur Affirmation.
,,Alle Arbeit ist einerseits Verausgabung menschlicher Arbeitskraft im physiologischen Sinn, und in dieser Eigenschaft gleicher menschlicher oder abstrakt menschlicher Arbeit bildet sie den Warenwert. Alle Arbeit ist andererseits Verausgabung menschlicher Arbeitskraft in besonderer, zweckbestimmter Form, und in dieser Eigenschaft konkreter, nützlicher Arbeit produziert sie Gebrauchswerte.'' (Kapital, Bd. I, S. 28)
  • Die Ware ist nicht Wert, sondern einerseits Wertgegenstand, andererseits Gebrauchswert; die Arbeit ist nicht abstrakt, sondern einerseits abstrakt-menschlich, andererseits konkret-nützlich. (,,Doppelcharakter der Ware und der Arbeit'')
  • Abstrakte Arbeit, ,,Verausgabung menschlicher Arbeitskraft im physiologischen Sinn'' ist nicht Gegensatz, sondern Oberbegriff von ,,Verausgabung menschlicher Arbeitskraft in besonderer, zweckgebundener Form'' (konkrete Arbeit), so wie ,,Baum'' die Abstraktion von Buche, Eiche, Weide usw ist. Abstrakte Arbeit ist in dieser Darstellung nicht Entfremdung der menschlichen Tätigkeit, sondern Abstraktion der konkret nützlichen Arbeit.
Friedrich Engels lässt in der Schrift ,,Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen''13 die besagte Menschwerdung gleich mit der Arbeit beginnen:
(Die Arbeit ist) ,,die erste Grundbedingung alles menschlichen Lebens, und zwar in einem solchen Grad, dass wir in gewissem Sinn sagen müssen: sie hat den Menschen selbst geschaffen.'' (Engels[4], Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen, S. 9)
Erwerbs- bzw. Lohnarbeit ist hier nicht mehr Entfremdung der (dem Menschen natürlichen) Tätigkeit, sondern diese Tätigkeit selbst.
Wir finden also zweierlei Arbeitsbegriffe:
Davon ist nur der erste gegen die Ausbeutung gerichtet.
Der zweite, ,,marxistische'', ist Ausgangspunkt einer stockreaktionären Verherrlichung der Arbeit. In der Rezeption der MARXschen Theorie - gleichgültig um welche Richtung des Marxismus es sich dabei handelt - gibt es diese Zwiespältigkeit nicht.
,,Alle physischen Eigenschaften der Ware, die ihren Gebrauchswert ausmachen, werden durch die spezifische Arbeit, mit der sie hergestellt werden, bestimmt: die Weberarbeit bestimmt die Größe, die Feinheit und das Gewicht der Leinwand, die Töpferarbeit die Haltbarkeit, die Form und die Farbe des Topfes. Aber wenn die Waren auch das Ergebnis einer bestimmten, spezifischen Arbeit sind, so sind sie außerdem noch das Ergebnis gesellschaftlich-menschlicher Arbeit, das heißt eines Teils der Gesamtarbeitszeit, über die eine bestimmte Gesellschaft verfügt und auf deren Ökonomie (...) die Gesellschaft überhaupt beruht. Das allein macht die Waren vergleichbar. Die allgemein menschliche Arbeit also - abstrakt ausgedrückt, weil man von ihren spezifischen Merkmalen absieht, wie man bei der Addition von drei Äpfeln, vier Birnen und fünf Bananen von deren spezifischen Qualitäten abstrahieren muss, um einfach zwölf Früchte zu erhalten - ist die Grundlage des Tauschwerts. '' ( MANDEL14[], Marxistische Wirtschaftstheorie, S. 73f)
Abstrakte Arbeit, hier bezeichnenderweise ,,gesellschaftlich menschliche'' genannt, ist für Mandel also der Oberbegriff, die Abstraktion (,,Früchte'') der einzelnen konkreten Nützlichkeiten.

1.3  Arbeitszeit und Freizeit

Durch die Automatisierung und Rationalisierung, die ,,Verwissenschaftlichung der Produktion'' werde, so MARX, beständig die Mehrarbeit erhöht und in immer kürzerer Zeit immer mehr Nützliches und Notwendiges (Gebrauchswerte) produziert. Es entstehe ein ,,ungeheures Missverhältnis zwischen der angewandten Arbeitszeit und ihrem Produkt.'' (Grundrisse[5], S. 592) Dadurch arbeite das Kapital ,,beständig an seiner eigenen Auflösung'', die Arbeit nehme beständig ab, die ,,Freizeit'' (Nicht-Arbeit) beständig zu. Der Mensch werde in Zukunft nur noch Maschinen ,,bewachen und regulieren''. ,,Es ist nicht mehr der Arbeiter, der den modifizierten Naturgegenstand zwischen das Objekt und sich einschiebt, sondern den Naturprozess, den er in einen industriellen umwandelt, schiebt er als Mittel zwischen sich und die unorganische Natur, deren er sich bemeistert. Er tritt neben den Produktionsprozess, statt sein Hauptagent zu sein.'' (Grundrisse[5], S. 592 15 Damit höre die Arbeit ,,in unmittelbarer Form'' auf, die ,,Quelle des Reichtums'' zu sein. ,,Die freie Zeit (disposable time)'' werde Maßstab des Reichtums einer Gesellschaft.(ebd., S. 599)
,,Die freie Entwicklung der Individualitäten, und daher nicht das Reduzieren der notwendigen Arbeitszeit um Surplus zu setzen, sondern überhaupt die Reduktion der notwendigen Arbeit der Gesellschaft zu einem Minimum, der dann die künstlerische, wissenschaftliche etc. Ausbildung der Individuen durch die für sie alle freigewordene Zeit und geschaffnen Mittel entspricht.'' (ebd., S. 592 )
Die Freiheit der ,,freien Zeit'' ist Freiheit von Arbeit. Gleich wie groß der Anteil der ,,freien Zeit'' sein mag, solange die Arbeitszeit nicht gleich Null ist (was MARX ohnehin ausschließt), bleibt die Spaltung des Lebens bestehen; die ,,freie Entwicklung der Individualitäten'' steht damit aber immer noch im Gegensatz zur Produktion.
,,Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt wird, aufhört; es liegt also der Natur der Sache nach jenseits der Sphäre der Produktion. (...) Die Verkürzung des Arbeitstags ist die Grundbedingung.'' (Kapital, Bd. III[] [4], S. 765 f)
Obwohl MARX die Gegensätzlichkeit der Produktion überwinden möchte, behält er den Gegensatz zwischen notwendiger Arbeit und nicht von der Notwendigkeit bestimmten vorzugsweise ,,höheren Tätigkeiten'', Wissenschaft und Kunst bei. Der Notwendigkeit stellt MARX die Freiheit entgegen, dem Müssen das Wollen. Die Trennung zwischen Notwendigkeit und Freiheit, Müssen und Wollen, ,,Arbeit und Genuss'' (Moses HEß)16 wird somit nicht überwunden. Diese Spaltung des Lebens ist notwendiger Bestandteil der Klassenspaltung überhaupt; bleibt sie erhalten, ist nicht zu verstehen, wieso ,,die unmittelbare Arbeitszeit selbst nicht mehr in dem abstrakten Gegensatz zu der freien Zeit'' (ebd., 5.599) stehen, warum der ,,Fortschritt der Produktivkräfte'' oder die Verwissenschaftlichung der Produktion (Rationalisierung und Automatisierung) plötzlich dem Gewinn von ,,freier Zeit'' dienen sollte. Statt vom wirklichen Menschen auszugehen, ,,die Menschen zu nehmen wie sie sind und die Verhältnisse wie sie sein sollten'' 17 muss MARX daher im Widerspruch zu seinen eigenen Voraussetzungen18 einen ,,besseren Menschen'' einführen.
,,Die freie Zeit - die sowohl Mußezeit als auch Zeit für höhere Tätigkeit ist - hat ihren Besitzer natürlich in ein anderes Subjekt verwandelt und als dieses andere Subjekt tritt er dann auch in den unmittelbaren Produktionsprozess.''(ebd. S. 599)19
Der Marxismus setzt von vornherein genau wie die ,,bürgerliche'' Volkswirtschaftslehre unfreie und entfremdete Tätigkeit mit menschlicher Tätigkeit überhaupt gleich. Wenn Arbeit ,,Tätigkeit zur Befriedigung von Bedürfnissen'' ist, Herstellung von Gebrauchswerten, dann ist sie in der Tat eine Naturnotwendigkeit.
,,Mit der Herstellung von Werkzeugen beginnt die Arbeit.'' (Akademie der Wissenschaften der UdSSR[], Lehrbuch Politische Ökonomie, S. 19)
,,Durch die Arbeit verwandelten sich die vorderen Gliedmaßen des menschenähnlichen Affen in die Hände des Menschen.'' (Ebd., S.19)
,,Durch die Arbeit sonderten sich die Menschen aus der Tierwelt ab und es entstand die menschliche Gesellschaft.'' (S. 31)
Da kann sich einer, der nicht arbeiten will, kaum beschweren, dass man ihn nicht als Menschen behandelt - denn dann ist er ja auch keiner. (Bestenfalls kann man ihn tolerieren.) Das ist die reale Drohung hinter solchen allgemeinen Phrasen.
,,Um zu leben, müssen die Menschen Nahrung, Kleidung und andere materielle Güter haben. Um diese Güter zu haben, müssen die Menschen produzieren, müssen sie arbeiten. Arbeit ist die zweckmäßige Tätigkeit des Menschen, in deren Prozess er Naturstoffe zur Befriedigung seiner Bedürfnisse verändert und diesen anpasst. Die Arbeit ist eine Naturnotwendigkeit, ist die unerlässliche Existenzbedingung des Menschen. Ohne Arbeit wäre das menschliche Leben selbst unmöglich. ''(ebd., S. 7)20
Wäre die Arbeit tatsächlich eine Naturnotwendigkeit und unerlässliche Existenzbedingung des Menschen, dann wäre der Mensch tatsächlich eine einzigartige Fehlkonstruktion - ein Lebewesen, das seine eigene Existenz, sich selbst, als Unfreiheit und Mühe empfindet. Ein solches Wesen müsste eigentlich schon lange ausgestorben sein ...

2  Wert und Nutzen der Arbeitskraft

2.1  Wert und Nutzen der Ware im allgemeinen

Die politische Ökonomie von Adam Smith unterscheidet Gebrauchswert und Tauschwert.
,,Es ist zu beachten, dass das Wort Wert zwei verschiedene Bedeutungen besitzt. Es drückt manchmal die Nützlichkeit eines bestimmten Gegenstandes aus und manchmal die durch den Besitz des Gegenstandes verliehene Fähigkeit, andere Waren zu kaufen. Das eine kann man Gebrauchswert, das andere Tauschwert nennen.'' (Adam SMITH, Der Wohlstand der Nationen, S. 27)
Der Gebrauchswert einer Sache ist kein Wert, sondern ihre konkrete Nützlichkeit. Also nicht der wahre, richtige, natürliche etc. Wert eines Dings im Gegensatz zum falschen, überhöhten, fiktiven etc. Tauschwert, sondern überhaupt kein Wert, das heißt nichts, das sich in Mark oder Dollar ausdrücken ließe. Eine Sache ist Gebrauchswert, wenn ein Mensch sie gebrauchen kann. Sie kann auch Gebrauchswert sein, ohne Wert zu haben. Das Problem beginnt da, wo Adam Smith den Gebrauchswert von Wasser mit dem eines Diamanten vergleicht.
,,Die Gegenstände, die den größten Gebrauchswert haben, besitzen häufig einen geringen oder gar keinen Tauschwert, während andererseits diejenigen, die den größten Tauschwert haben, oft einen geringen oder keinen Gebrauchswert besitzen. Nichts ist nützlicher als Wasser, aber man kann damit kaum etwas kaufen oder eintauschen. Ein Diamant hingegen hat kaum irgendeinen Gebrauchswert, aber eine große Menge anderer Waren ist häufig dafür im Austausch erhältlich.'' (Adam SMITH, Der Wohlstand der Nationen, S. 27)
Sonnenlicht, Luft und Wasser sind zwar für jedes Leben auf der Erde unabdingbar, schmücken aber nur die wenigsten unter uns. Wenn jemand einen Diamanten zur Verbesserung seiner äußeren Erscheinung benötigt, kann ihm niemand sagen ,,Nimm Wasser, das hat einen höheren Gebrauchswert (und kostet nicht so viel).''
Gebrauchswerte verschiedener Dinge sind nicht vergleichbar - eben weil sie keine Werte sind. Wenn also Adam SMITH feststellt, der Gebrauchswert des Wassers sei ,,höher'' als der des Diamanten, während es sich mit dem Tauschwert umgekehrt verhalte, vermischt er Gebrauchswert und Tauschwert, setzt den Gebrauchswert als zweiten, eigentlichen, verborgenen Wert.
Es kann keinen ,,Widerspruch von Gebrauchs- und Tauschwert'' geben, denn damit zwei Dinge zueinander im Widerspruch stehen können, müssen sie erst einmal etwas Drittes gemeinsam haben, und das könnte im vorliegenden Fall nur der Wert sein. Da der Gebrauchswert aber kein Wert, sondern nichts anderes als die konkrete Nützlichkeit eines Dings ist, kann er nicht zum Tauschwert im Widerspruch stehen. Eine ,,Kollision von Stoff und Wert'' kann nicht stattfinden, außer wenn man den Gebrauchswert als den heimlichen, richtigen, gerechten etc. Wert im Gegensatz zum falschen, fiktiven, überhöhten etc. Tauschwert ansieht. Wenn der Kapitalismus ,,an seinen eigenen Widersprüchen zusammenbricht'', kann er nicht am ,,Widerspruch von Gebrauchswert und Tauschwert'' zusammenbrechen.21 Aus einer ähnlichen Verwechslung resultiert auch die klassische Vorstellung, dass der Wert durch die Arbeit (die Aufwendung von Mühe usw.) in den Gegenstand (,,das Rohmaterial'') einfließe, gewissermaßen als eine zwar sinnlich nicht wahrnehmbare, dem Gebrauchswert jedoch Austauschbarkeit verleihende Substanz.
,,Was immer er (sc. der Mensch) (...) jenem Zustand entrückt, den die Natur vorgesehen und in dem sie es belassen hat, hat er mit seiner eigenen Arbeit gemischt und hat ihm etwas hinzugefügt, was sein eigen ist.'' (John LOCKE, Über die Regierung, §27, 1696). ,,Vom Beginn ihres Arbeitstages (oder ihrer Arbeitswoche) in der Fabrik fügen die Arbeiter dem Rohmaterial, das sie bearbeiten, einen neuen Wert zu.'' (Ernest MANDEL, Einführung ...[] S. 48)
Die Lohnarbeiter fügen Wert zu - aber nicht dem ,,Rohmaterial'', sondern dem Kapital des Unternehmers. Dem Rohmaterial kann man alles mögliche hinzufügen, Farben, Schrauben, Löcher, Chemikalien, Hitze, Kälte oder was auch immer - aber eben keinen Wert. Wenn man den Wert als etwas betrachtet, das der Sache zugefügt wird, kann man ihn gerade nicht als soziales Verhältnis verstehen. Marx war sich dessen durchaus bewußt, aber die staatstragenden Marxisten des letzten Jahrhunderts nicht mehr, weshalb ihnen die Zeilen über den Fetischcharakter der Ware rätselhaft erschienen. Jeder Kauf hat genau zwei Seiten, von denen man ihn betrachten kann: Der (warenbesitzende) Produzent, der am Tauschwert seines Produkts interessiert ist, weist auf die verausgabte Arbeit und seinen Aufwand hin; der (geldbesitzende) Konsument interessiert sich jedoch nur für den ,,Nutzen'', den Gebrauchswert, den das Produkt ihm bringt. Dementsprechend gibt es im Kern auch nur zwei ,,Wert'' (eigentlich Preis-)theorien: Die Arbeitswertlehre oder ,,objektive Wertlehre'' der klassischen Ökonomie des 18. und 19. Jahrhunderts und der Marxisten des 20. Jahrhunderts betrachtet den Tauschvorgang aus der Perspektive des warenbesitzenden Produzenten. Umgekehrt nimmt eine ,,subjektive Wertlehre'' den Standpunkt des geldbesitzenden Konsumenten ein: ,,Unter dem wirtschaftlichen Wert verstehen wir gewöhnlich die Bedeutung, die ein Gut für seinen Benutzer hat''(Häuser[], Volkswirtschaftslehre, S. 78), also den Gebrauchswert. Der ,,Reichtum'' an Gebrauchswerten ist immer durch die individuelle Konsumtionsfähigkeit begrenzt. Man kann zwar zu wenig, aber nicht zu viel zum Leben haben. Wenn jemand von etwas genug hat, wie viel das auch immer sein mag, dann kann er auch nur ein Stück, Gramm oder Liter mehr davon nicht mehr gebrauchen, ist dieser ,,Überfluß'' also für ihn kein Gebrauchswert mehr. Er kann ihn wegwerfen, verschenken - oder verkaufen. Im letzteren Falle sind die betreffenden Dinge für ihn aber kein Gebrauchswert, sondern Tauschwert in Warengestalt. Einen ,,stofflichen Reichtum'' als Reichtum an Gebrauchswerten kann es nicht geben; reich kann man nur sein an Wert, sei es in Geld oder Ware. Wer alles hat, was er braucht, kann nicht reich sein; Reichtum beginnt erst da, wo einer mehr hat als er braucht. Wer beispielsweise hundert oder tausend paar Schuhe mehr besitzt als er benötigt (den Fall des Schuhsammlers oder -fetischisten, dem seine Schuhe ja nicht als Fußbekleidung, sondern zu einem andern Genuß dienen, einmal ausgeklammert), ist, was den Gebrauchswert anlangt, keineswegs reicher als einer, der gerade über die Menge an Schuhen verfügt, die er benötigt. Reicher ist er nicht an Schuhen, sondern an Tauschwert in Schuhgestalt. Arm ist man immer an Gebrauchswert, reich an Tauschwert; insofern stimmt es einfach nicht, wenn MARX in den ,,Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei'' (,,Kritik des Gothaer Programms'') die ,,Lesebuchphrase'': ,,Die Arbeit ist die Quelle alles Reichtums und aller Kultur'' so kritisiert:
,,Die Arbeit ist nicht die Quelle alles Reichtums. Die Natur ist ebensosehr die Quelle der Gebrauchswerte (und aus solchen besteht doch wohl der sachliche Reichtum!) als die Arbeit, die selbst nur die Äußerung einer Naturkraft ist, der menschlichen Arbeitskraft.'' (ebd., MEW Bd. 19, S. 17)
Freilich ist die Natur ebenso Quelle der Gebrauchswerte wie die menschliche Tätigkeit; Quelle des Tauschwerts und damit alles Reichtums ist einzig die kapitalproduzierende Arbeit.

2.2  Der notwendig ungenügende Lohn.

Auf dem Arbeitsmarkt wird die Ware Arbeitskraft gekauft und verkauft.
Der Lohnarbeiter, ,,Kleinhändler der Ware Arbeitskraft'', verkauft nur seine Arbeitskraft, nicht sich selbst; leider kann er nicht als Mensch mit seinen unveräußerlichen Rechten zu Hause bleiben und seine Arbeitskraft alleine zur Arbeit schicken. Die Arbeitskraft hat wie jede andere Ware einen (Tausch-) Wert und einen Gebrauchswert. Wie jede andere Ware wird sie um ihres Gebrauchswerts willen gekauft (konsumiert) und um ihres Tauschwerts willen verkauft. Produzent und zugleich Verkäufer dieser Ware ist der Lohnarbeiter, Konsument ist das Unternehmen, die ,,Firma'', das Geschäft. Die Konsumtion der Arbeitskraft ist die Produktion. Durch die Konsumtion aller andern Waren entsteht Müll, durch die Konsumtion von Arbeitskraft entsteht - unter bestimmten Umständen - Kapital. (Natürlich kann Arbeitskraft auch konsumiert werden, ohne dass Kapital entsteht, aber Konsumtion von Arbeitskraft ist die Voraussetzung, conditio sine qua non der Entstehung von Kapital.) Der Tauschwert der Arbeitskraft, das, was der gewöhnliche, massenhafte Lohnarbeiter normalerweise monatlich erhält, der Lohn, ist der Lebensunterhalt des Arbeiters22, seine - mehr oder weniger vollständige - Reproduktion. Zwar kann ein Lohnarbeiter im Prinzip mit seinem Einkommen dasselbe machen wie jeder andere Einkommensbezieher; er ist keineswegs gezwungen, es sinnlos zu verprassen, sondern kann es auch für ein Luxus-Einfamilienhaus sparen, der F.D.P. spenden, oder sich damit an einem Unternehmen beteiligen, sogar an dem seines Arbeitgebers. Vor dem Geld sind alle Menschen gleich, und das Geld des Lohnarbeiters wird nicht schlechter behandelt als jedes andere. Doch das ,,Kapital'' des Lohnabhängigen ist eben keines, sondern nur aufgeschobener unproduktiver Konsum. Wenn was schief geht, merkt er den Unterschied. Der Gebrauchswert der Arbeitskraft, also das, was der Unternehmer kauft und konsumiert, ist deren Fähigkeit, mehr Wert zu produzieren, als sie ihren Käufer gekostet hat. Der Preis der Lohnarbeit, der Lohn also, kann auch beim größten Arbeitskräftemangel nicht den Wert des Produzierten erreichen, denn wenn die Lohnarbeit ihrem Konsumenten keinen oder unzureichenden Mehrwert produziert, hat sie eben keinen Gebrauchswert mehr, ist also unverkäuflich. Andererseits muss der Lohn aber die Lebenshaltungskosten decken; eine elastische Größe zwar, aber in dem Maße, wie er das nicht mehr tut, besteht kein Grund mehr zu arbeiten. Wer von seiner Arbeit nicht leben kann, wird keineswegs sozialverträglich dahinscheiden, sondern seine Existenz anderweitig (durch Nebenverdienste, Kleinhandel, Diebstahl und sogenannte ,,Kriminalität'') zu sichern versuchen. Der mittels Lohnarbeit dem Unternehmer produzierte Wert muss enthalten:
  • a) den Wert des eingesetzten variablen und konstanten Kapitals, der verbrauchten lebendigen und sachlichen Produktionsmittel,
  • b) einen Zuwachs (Profit).
Wenn das Unternehmen den Teil a) nicht einbringt, ist das Geld fort. Ende.
Wenn es den Teil b) nicht einbringt, hat der Unternehmer zwar seinen Einsatz behalten, aber nichts gewonnen und alle Mühen und Umstände der Produktion waren umsonst.23
Insgesamt führt das Streben, die Löhne der Massenarbeiter unter die Lebenshaltungskosten zu senken, nicht zu einer Steigerung der Produktivität. Allerdings ist die Steigerung der Produktivität nicht die einzige Art sich zu bereichern. Mit dem Preis des Faktors Arbeit, des Gesamtarbeiters, den Lohnkosten des Unternehmers, ist noch nichts gesagt über die ,,Lohnfindung'', das heißt dessen Verteilung auf die lohnarbeitenden Individuen. Die erfolgt nämlich keineswegs einfach nach dem Anteil am Gesamtarbeiter, sondern nach der ,,Gerechtigkeit''. Lohnarbeiter existieren nicht als abstrakte Individuen, werden aber als solche bezahlt. Um drei, vier oder mehr Personen ,,ernähren'' zu können, wird also ein Massenarbeiter, ob er nun ,,viel'' oder ,,wenig'' verdient, immer zu wenig verdienen. Unter solchen Verhältnissen müssen daher tendenziell alle Arbeitsfähigen, und dabei in erster Linie die Frauen, denen ja nichts fehlt, was ihrer Verwertung entgegenstünde, in die Lohnarbeit mit einbezogen werden. Damit müssen aber auch bislang ,,häusliche'' Dienste und Produktionen in wirtschaftliche Dienstleistungen umgewandelt werden. Das liegt zwar, wie beschrieben, im Wesen der Lohnarbeit seit es sie überhaupt gibt. Im Unterschied zu früheren Zeiten (auch zur Zeit von Karl Marx) ist aber Lohnarbeit heutzutage kein Problem von Außenseitern und auch keine vorübergehende Phase im Leben von Einzelnen mehr. Die Reproduktion der Arbeitskraft, üblicherweise ,,das Leben'' genannt, wird dadurch in den hochindustrialisierten Staaten insgesamt teurer. Darin eingeschlossen ist auch die Nachzucht von Staatsbürgern. Als Dienstleistung bewertet, kostet die Aufzucht eines einzigen Kindes [nach Presseberichten] bis zum vierzehnten Lebensjahr ungefähr 300.000 DM (und zwar nur in der ,, Basisversion'', ohne weitere Ausbildung oder Studium), eine Summe, vor der selbst wohlhabende Bürger normalerweise zurückschrecken würden, zumal der Unterhaltungs- und Gefühlswert der kleinen Affen mit der Zeit schwindet, da sie ihren Erzeugern immer ähnlicher werden.24 In den hochindustrialisierten Ländern ist daher eine ständige ,,Sozialpolitik'' notwendig. Die Familie ist die höchstsubventionierte Institution überhaupt. Ohne diese direkten und indirekten Subventionen könnte sie nicht mehr bestehen; doch alle Maßnahmen zu ihrer Rettung beschleunigen ihren Untergang.25 Andererseits ist jedoch die patriarchale Familie die wichtigste Voraussetzung für niedrige Löhne. Auf ,,intakte Sozialstrukturen'', sc. die Familie als Ort der kostenlosen Wiederherstellung der Arbeitskraft und Aufzucht neuer Arbeitskräfte, ist das Kapital angewiesen wie der Betrüger auf Einfaltspinsel, muss sie jedoch andererseits ständig zerstören.
Es ist dies jener Vorgang, den bereits Rosa Luxemburg - in Bezug auf den Imperialismus im allgemeinen - beschrieben hat:
,,Der Kapitalismus ist die erste Wirtschaftsform mit propagandistischer Kraft, eine Form, die die Tendenz hat, sich auf dem Erdenrund auszubreiten und alle andern Wirtschaftsformen zu verdrängen, die keine andere neben sich duldet. Er ist aber zugleich die erste, die allein, ohne andere Wirtschaftsformen als ihr Milieu und ihren Nährboden, nicht zu existieren vermag, die also gleichzeitig mit der Tendenz, zur Weltform zu werden, an der inneren Unfähigkeit zerschellt, eine Weltform der Produktion zu werden. Er ist ein lebendiger historischer Widerspruch in sich selbst, seine Akkumulationsbewegung ist der Ausdruck, die fortlaufende Lösung und zugleich Potenzierung des Widerspruchs.'' (Rosa Luxemburg[], Die Akkumulation des Kapitals, Voltmedia, S.544)

2.3  Reichtum und Armut, Überfluss und Mangel

Was das ,,Wirtschaftssubjekt'' auch immer produzieren mag, es produziert immer dasselbe, nämlich Eigentum, und zwar seines. Dies gilt auch für jene Wirtschaftssubjekte, die durch Lohnarbeit ihren Lebensunterhalt verdienen. Sie produzieren sogar das eigentümlichste Eigentum, das man sich überhaupt vorstellen kann: ihr eigenes Leben. Rechtlich gesehen ist Eigentum die Beziehung der Menschen zu ,,Sachen'', natürlich nicht zu philosophischen Sachen an sich und allgemein, sondern zu ganz bestimmten, nämlich zu ihren Lebensmitteln, das Recht ,,mit der Sache nach Belieben [zu] verfahren und andere von jeder Einwirkung aus[zu]schließen.'' (§903 BGB) (,,Ius utendi et abutendi re sua quatenus iuris ratio patitur.'') - Umgekehrt wird durch dasselbe Recht der Eigner vom Gebrauch aller Sachen ausgeschlossen mit Ausnahme derer, die ihm selbst gehören; das Eigentum trennt daher auch im günstigsten Falle, nämlich wo es reichlich vorhanden ist, die Menschen von ihrer Gegenständlichkeit und damit von ihrer Verwirklichung.
,,Mein Lebensmittel (ist) eines andern, das, was mein Wunsch, ist der unzugängliche Besitz eines andern.'' MARX, Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEGA2 I. 2, S. 426] )
Arm ist man in dem Maße der Trennung von seiner Gegenständlichkeit. Armut ist die ,,vollständige Entwirklichung des Menschen, die vollständige Wirklichkeit des Unmenschen.'' (Marx)
Ebenso wie eine Tätigkeit nicht deshalb Arbeit ist, weil sie Mühe macht, ist eine Sache nicht deshalb Eigentum, weil ein Mensch sie schätzt, ausschließlich benutzt, gegen andere Interessenten verteidigt usw., wie gewöhnlich behauptet wird. Was eine Sache eigentumsfähig macht, ist ihre prinzipielle Veräußerbarkeit, unabhängig davon, ob der Eigner auch tatsächlich daran denkt, die betreffende eigene Sache auch zu verkaufen. Nur was käuflich ist, kann Eigentum sein. Arbeit und Eigentum sind zwei Seiten derselben Sache: Arbeit ist die Tätigkeit, Eigentum der Zustand der Entfremdung.
,,Das subjektive Wesen des Privateigentums, das Privateigentum als für sich seiende Tätigkeit, als Subjekt, als Person, ist die Arbeit. '' (Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEGA2 I, 2, S. 383) ,,Die Arbeit ist die lebendige Grundlage des Privateigentums, das Privateigentum als schöpferische Quelle seiner selbst. Das Privateigentum ist nichts als die vergegenständlichte Arbeit. Nicht allein das Privateigentum als sachlichen Zustand, das Privateigentum als Tätigkeit, als Arbeit muss man angreifen (...) Es ist eines der größten Mißverständnisse, von freier, menschlicher, gesellschaftlicher Arbeit, von Arbeit ohne Privateigentum zu sprechen. Die 'Arbeit' ist ihrem Wesen nach die unfreie, unmenschliche, vom Privateigentum bedingte und das Privateigentum schaffende Tätigkeit. Die Aufhebung des Privateigentums wird also erst zu einer Wirklichkeit, wenn sie als Aufhebung der 'Arbeit' gefasst wird. (..)'' ( MARX[], Über Friedrich Lists Buch 'Das nationale System der politischen Ökonomie'(1845); zuerst veröffentlicht in der Zeitschrift Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung`, Berlin 1972, S. 436)
Forderungen nach einer gleichen oder gerechteren Verteilung oder sogar einer völligen Abschaffung des Eigentums hat es schon immer und in allen Kulturkreisen gegeben (cf. KüNZLI[] 1986) 26 Die ,,Eigentumsfeindschaft'' als solche ist ebenso alt wie das Eigentum. Die tatsächliche historische Neuheit bei MARX besteht nicht darin, sondern im Verständnis des Eigentums als Zustand der Entfremdung und andere Seite der Tätigkeit der Entfremdung, der Arbeit. PIERRE-JOSEPH PROUDHON befasste sich in seiner Abhandlung ,,Was ist das Eigentum?''( ,,Eigentum ist Diebstahl!'') mit der Frage, warum Menschen ihr Leben lang hart arbeiten, ohne je etwas zu erwerben, während andere ihren Besitz mehren, ohne vom Schreibtisch aufzustehen. Er fordert keineswegs die Abschaffung des Eigentums überhaupt, sondern nur des nicht durch eigenhändige Arbeit erworbenen Eigentums (nur dieses bezeichnet er als Diebstahl) und seine Ersetzung durch den ,,sozial gebundenen'' (wie man heute sagen würde) und auf eigenhändiger Arbeit beruhenden Besitz.27 MARX bemerkt dazu:
,,Dass Proudhon das Nichthaben und die alte Weise des Habens aufheben will, ist ganz identisch damit, dass er das praktisch entfremdete Verhältnis des Menschen zu seinem gegenständlichen Wesen, dass er den nationalökonomischen Ausdruck der menschlichen Selbstentfremdung aufheben will. Weil aber seine Kritik der Nationalökonomie noch in den Voraussetzungen der Nationalökonomie befangen ist, so wird die Wiederaneignung der gegenständlichen Welt selbst noch unter der nationalökonomischen Form des Besitzes gefasst. Proudhon stellt nämlich nicht (...) dem Nichthaben das Haben, sondern der alten Weise des Habens, dem Privateigentum, den Besitz gegenüber. Den Besitz erklärt er für eine 'gesellschaftliche Funktion'. In einer Funktion aber ist es nicht das 'Interessante', den andern 'auszuschließen', sondern meine eigenen Wesenskräfte zu betätigen und zu verwirklichen. Es ist Proudhon nicht gelungen, diesem Gedanken eine entsprechende Ausführung zu geben. Die Vorstellung des 'gleichen Besitzes' ist der nationalökonomische, also selbst noch entfremdete Ausdruck dafür, dass der Gegenstand als Sein für den Menschen, als gegenständliches Sein des Menschen, zugleich das Dasein des Menschen für den anderen Menschen, seine menschliche Beziehung zum anderen Menschen, das gesellschaftliche Verhalten des Menschen zum Menschen ist. Proudhon hebt die nationalökonomische Entfremdung innerhalb der nationalökonomischen Entfremdung auf.'' ( MARX/ ENGELS, Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik, MEW Bd. 2, S. 43 f)
Auch eine Ersetzung des Eigentumsrechts durch ein sozial gebundenes Besitzrecht schaffe das Eigentum nicht wirklich ab. Der Besitz und auch der gleiche Besitz ist immer noch eine nationalökonomische Form, das heißt eine Form des Habens, und beruht als solche ebenfalls noch darauf, dass die Menschen einander nicht als Menschen, sondern als Besitzer von Dingen gegenübertreten, mit anderen Worten: PROUDHONs Eigentumskritik überwindet das Eigentum nicht. MARX und ENGELS - und darin unterschieden sie sich von Proudhon wie von den meisten anderen Sozialisten - wollten gerade keinen Beitrag zur Nationalökonomie leisten, sondern kritisierten bereits das theoretische Feld der ,,Bereicherungswissenschaft'' (Aristoteles). Sie sind nicht gegen eine bestimmte Form des ,,Habens'', das heißt des Eigentums, sondern gegen das Eigentum selbst. Auch der ,,gleiche Lohn'' wäre - einmal davon abgesehen, dass gleicher (leistungsunabhängiger) Lohn im Widerspruch stünde zur Lohnarbeit - immer noch Lohn, und die Produktion damit immer noch Produktion von Kapital (Ök.-phil. Manuskripte 1844, l.c., S. 373). Gerade weil das Eigentum Zustand der Entfremdung ist und nicht einfach ein Willensakt, eine Frage der ,,Verfügungsgewalt'', kann es durch Verfügungen wie Verstaatlichung oder, verschleiernd ausgedrückt, ,,Vergesellschaftung'' nicht aufgehoben werden. Ebenso wie es unter den Bedingungen der Kapitalproduktion Gesellschaft nur in Form staatlicher Gewalt gibt, kann auch gesellschaftliches Eigentum nichts anderes sein als Staatseigentum; dies unterliegt aber den selben Gesetzen wie jedes andere Eigentum. Insofern mit ,,Vergesellschaftung des Eigentums" mehr gemeint sein sollte als dessen Verstaatlichung (wo gibt es das?), ist es nur eine paradoxe Formulierung für ,,Abschaffung des Eigentums''. Auch in einer selbstverwalteten Produktivgenossenschaft (,,Genossen, schafft!'', wie der Volksmund das Wort herleitet), wie demokratisch oder sozialistisch auch immer, sind die Produktionsmittel Kapital, ist die Produktion Kapitalproduktion, also (Lohn-)Arbeit. Das Eigentum ist wie der Warentausch, dessen ,,statische'' Seite es ist, nicht innerhalb der ursprünglichen, naturwüchsigen Sippenverbände, sondern im Kontakt verschiedener, einander fremder Verbände entstanden, ,,an den Grenzen der ursprünglichen Gemeinwesen'' (so MARX in den Grundrissen), nicht innerhalb dieser selbst. Marx bestreitet explizit, dass die Produktion des menschlichen Lebens schon immer (,,von Natur aus'') auf dem Warenaustausch beruht habe.
,,Wie eine Manchester Familie von Fabrikarbeitern, worin die Kinder im Austauschverhältnis zu ihren Eltern stehen und ihnen Kost und Logis bezahlen, nicht die herkömmliche ökonomische Organisation der Familie darstellt, sowenig ist das System des modernen Privataustausches überhaupt die naturwüchsige Ökonomie der Gesellschaft. Der Austausch beginnt nicht zwischen den Individuen innerhalb eines Gemeinwesens, sondern da, wo diese Gemeinwesen aufhören, an ihrer Grenze, an dem Punkt des Kontaktes verschiedener Gemeinwesen.'' (Grundrisse..., S. 763)
Doch spricht MARX in den Manuskripten auch von einem ,,wahrhaft menschlichen und socialen Eigentum'', das durch die Abschaffung des Privateigentums verwirklicht würde.
,,Der Sinn des Privateigentums - losgelöst von seiner Entfremdung - ist das Dasein der wesentlichen Gegenstände für den Menschen, sowohl als Gegenstand des Genusses wie der Tätigkeit.'' (Ök.-phil. Manuskripte 1844, MEGA2 1.2, S. 434f)
Als Zustand der Entfremdung kann das Eigentum überhaupt nicht ,,losgelöst von seiner Entfremdung'' existieren. Der Sinn des Eigentums ist die Trennung des Menschen von seinen Lebensmitteln, nicht deren Dasein für ihn. Die Marxsche Eigentumskritik ist in sich widersprüchlich. Deshalb wird aus der Abschaffung des Eigentums die Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln.
,,Was den Kommunismus auszeichnet, ist nicht die Abschaffung des Eigentums überhaupt, sondern die Abschaffung des bürgerlichen Eigentums. In diesem Sinne können die Kommunisten ihre Theorien in dem einen Ausdruck: Aufhebung des Privateigentums! zusammenfassen.'' (Kommunistisches Manifest, MEW Bd. 4, S. 475) ,,Der Kommunismus nimmt keinem die Macht, sich gesellschaftliche Produkte anzueignen, er nimmt nur die Macht, sich durch diese Aneignung fremde Arbeit zu unterjochen. '' (ebd., S. 477) ,,Die kapitalistische Produktions- und Aneignungsweise, daher das kapitalistische Privateigentum, ist die erste Negation des individuellen, auf eigene Arbeit gegründeten Privateigentums. Aber die kapitalistische Produktion erzeugt mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses ihre eigene Negation. Es ist Negation der Negation. Diese stellt nicht das Privateigentum wieder her, wohl aber das individuelle Eigentum auf Grundlage der Errungenschaften der kapitalistischen Ära, der Kooperation freier Arbeiter und ihrem Gemeingut an der Erde und den durch die Arbeit selbst produzierten Produktionsmitteln.'' (Kapital Bd. 1[], Ffm 1969, S. 705)
Wie PROUDHON zwischen ,,Eigentum'' und ,,Besitz'' unterscheidet MARX zwischen ,,Privateigentum'' (bürgerliches Eigentum) und ,,individuellem Eigentum''. MARX spricht ebenso wie PROUDHON dem auf eigener Arbeit beruhenden Eigentum eine andere Qualität zu als dem auf Anwendung fremder Arbeit beruhenden. Individuelles Eigentum hält MARX für naturgegeben, nicht für gesellschaftlich entstanden:
,,Jede Produktion ist Aneignung der Natur innerhalb und vermittels einer bestimmten Gesellschaftsform (...) Die Geschichte zeigt (...) Gemeineigentum (z. B. bei den Indern, Slawen, alten Celten etc.) als die ursprünglichere Form, eine Form, die unter der Gestalt des Gemeindeeigentums noch lange eine bedeutende Rolle spielt. Von der Frage, ob der Reichtum sich besser unter dieser oder jener Form des Eigentums entwickle, ist hier noch gar nicht die Rede. Dass aber von keiner Produktion, also auch von keiner Gesellschaft die Rede sein kann, wo keine Form des Eigentums existiert, ist eine Tautologie. Eine Aneignung, die sich nichts zu eigen macht, ist eine contradictio in subiecto. '' (Grundrisse[] der Kritik der politischen Ökonomie, Berlin 1974, S. 9)
Im Widerspruch zu den zuvor zitierten Passagen wird hier behauptet, dass die menschliche Tätigkeit das Eigentum hervorbringe und nicht die Veräußerung dieser Tätigkeit. Wenn ein Mensch ein Werkzeug herstellt oder eine Behausung baut, hat dies zwar unbestritten eine andere Qualität als wenn ein Vogel oder Affe sein Nest baut; damit er diese Gegenstände als Eigentum herstellt, sind noch ganz bestimmte andere Voraussetzungen notwendig. Die Produktion von Lebensmitteln nur für den eigenen Gebrauch schafft kein Eigentum. Der Bruch mit dem Eigentum ist bei MARX und ENGELS ebenso unvollständig wie bei PROUDHON: die ,,nationalökonomische Form'' überwindet auch MARX nicht. Die Kritik, die MARX und ENGELS an PROUDHON üben, trifft sie auch selbst. MARX ist in Bezug auf das Eigentum ebenso widersprüchlich wie in Bezug auf die Arbeit. Auch diese Widersprüchlichkeit nehmen die Marxisten nicht wahr; unter ,,Abschaffung des (Privat-)Eigentums'' verstehen sie (ebenso wie die von ihnen abhängigen Antikommunisten) nichts anderes als dessen Verstaatlichung. Es geht ihnen auch nur um die Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln, wobei dieses noch differenziert wird in ,,Arbeitseigentum'' und ,,Ausbeutereigentum''.28 Doch ist diese ,,Differenzierung zwischen Gebrauchs- und Verbrauchseigentum einerseits und dem Macht über fremde Arbeit verleihenden Eigentum andererseits'' (MEGA2, I.2., Einleitung, S. 48) keineswegs ein Erkenntnisfortschritt von MARX auf dem Weg zum ,,wissenschaftlichen Sozialismus'', wie immer behauptet wird, sondern ein von Früheren übernommenes Element, das wir auch bei PROUDHON und genau jenen ,,frühen Kommunisten'' finden, von denen MARX sich in dem Manuskript von 1844 distanziert. So heißt es etwa bei Morelly:
,,Nichts in der Gesellschaft wird als Eigentum jemandem ausschließlich gehören als die Sachen, wovon er einen gegenwärtigen, wirklichen Gebrauch machen wird, sei es für seine Bedürfnisse, seine Vergnügungen oder seine Tagesarbeit.'' (Code de la nature, zitiert bei KüNZLI 1986[32], S. 221 f)
Gerade das, was die marxistische und sozialwissenschaftliche Literatur bei MARX als Utopie oder theoretische Unreife bezeichnet, ist jedoch die eigentliche historische Neuheit. Ebenso wie keine Macht der Welt das Geld daran hindern kann, sich vom nützlichen und wohltätigen Tauschmittel in ausbeuterisches Kapital zu ,,verwandeln'', ebensowenig kann das persönliche oder ,,Arbeitseigentum'' vom ,,Ausbeutereigentum'', dem ,,Kommando über fremde Arbeit'' getrennt werden. Herbert Marcuse schreibt 1932 in seinem Aufsatz ,,Neue Quellen zur Grundlegung des historischen Materialismus'' (der ersten wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit den kurz zuvor veröffentlichten Manuskripten von 1844) über den Eigentumsbegriff:
,,Dies ist die allgemeinste positive Bestimmung des wahren Eigentums: das Vorhanden- und Verfügbarsein all der Gegenstände, deren der Mensch zur freien Verwirklichung seines Wesens bedarf. Dies Vorhanden- und Verfügbarsein realisiert sich als Eigentum, was durchaus nicht selbstverständlich ist, sondern darin gründet, dass der Mensch nie einfach und unmittelbar hat, wessen er bedarf, sondern die Gegenstände erst dann wirklich besitzt, wenn er sie sich angeeignet hat. So ist es der Sinn der Arbeit, die Gegenstände als bearbeitete dem Menschen zu eigen zu geben, sie zur Welt seiner freien Selbstverwirklichung und Selbstbetätigung zu machen.''(Werke[], Bd. 1, S. 538)
Eigentum besteht ja gerade in der Negation des ,,Vorhanden- und Verfügbarseins.'' Wenn Marcuse diese Negation ,,positiv bestimmen'' will, bringt er damit zum Ausdruck, dass er sich auch die Negation des Eigentums nur als eine besondere (bessere, vernünftigere, wie auch immer) Form des Eigentums vorstellt, nicht als Eigentumslosigkeit. Die Aneignung der Produkte resultiert aus der (naturnotwendigen) Produktion der Lebensmittel selbst, nicht aus der Entfremdung dieser Produktion.
Eigentumslosigkeit erscheint daher bestenfalls als negative Utopie, als Zustand der Regellosigkeit und des Verfalls. Man glaubt, dass der Mensch, wenn er sich seine Lebensmittel nicht mehr aneignet, jeden Bezug zu ihnen, schließlich zu seiner Umwelt überhaupt verliert. Eher hält man es für möglich, dass er sich zum Jäger und Sammler oder gar zum Affen zurückentwickelt, als dass er seine Reproduktion bewußt regelt. Die Radikalität der Arbeitskritiker besteht darin, dies als Positivum hinzustellen:
,,Die einzig akzeptable Wirtschaftsform in dieser Gesellschaft ist Sperrmüllabfuhr. Jeder schmeißt das, was er nicht unmittelbar verwenden noch Vergnügen daran finden kann, auf die Straße, für jeden, der vorbeikommt, frei zum eigenen Gebrauch. Man sollte dieses Verfahren auf die gesamte Ökonomie ausdehnen, die ohnehin nur noch Müll produziert, um durch den Beginn des freien Gebrauchs aller Dinge dem Wert den Todesstoß zu versetzen. Alle Produktionsvorgänge, die zur Herstellung von Menschen gewünschter Dinge als Vorbereitung gewünschter Genüsse nötig sind, müssen, soweit wie möglich vollautomatisiert, umgestaltet werden. '' (Lucifer Dionysios, Sonne und Faulheit, in: Paul LAFARGUE[12], S. 10)
Eine solche ,,Sperrmüllwirtschaft'' wäre jedoch gerade keine bewußte Reproduktion der Gesellschaft. In ihr ist die Reproduktion immer noch eine Angelegenheit des Zufalls, der individuellen Geschicklichkeit, Stärke usw., das heißt aber zwangsläufig des von der Gesellschaft getrennten Individuums. Gerade der ,,freie Gebrauch aller Dinge'' wäre auf einer solchen Grundlage unmöglich.

3  Produktivität

3.1  Die Zweideutigkeit des Produktivitätsbegriffs bei Adam Smith

Unter Produktivität versteht man allgemein das Verhältnis Ausbringung zu Einsatz, Input zu Output, der aufgewandten Arbeitskraft und der sachlichen Produktionsmittel zur erzeugten Menge, entweder a) der Gebrauchswerte (,,stoffliche Produktivität'' ) oder b) des Kapitals (Kapitalproduktivität). Die stoffliche Produktivität kann gleichbleiben oder sogar steigen, obwohl die Kapitalproduktivität fällt. Die Unklarheit des Produktivitätsbegriffs entsteht aus der Vermischung oder Verwechslung von Gebrauchswertproduktivität und Kapitalproduktivität.
,,Die jährliche Arbeit eines Volkes ist die Quelle, aus der es ursprünglich mit allen notwendigen und angenehmen Dingen des Lebens versorgt wird, die es im Jahr über verbraucht. Sie bestehen entweder aus dem Ertrag dieser Arbeit oder aus dem, was damit von andern Ländern gekauft wird. (...) Ein Volk ist (..) um so schlechter oder besser mit allen Gütern, die es braucht, versorgt, je mehr oder weniger Menschen sich in den Ertrag der Arbeit oder in das, was sie im Austausch dafür erhalten, teilen müssen. Zwei Faktoren bestimmen nun in jedem Land diese pro-Kopf-Versorgung: Erstens die Produktivität der Arbeit als Ergebnis von Geschicklichkeit, Sachkenntnis und Erfahrung, und zweitens das Verhältnis der produktiv Erwerbstätigen zur übrigen Bevölkerung. Von beiden Umständen muss es jeweils abhängen, ob in einem Land das Warenangebot im Jahr über reichlich oder knapp ausfällt, gleichgültig, wie groß ein Land ist oder welches Klima es hat. Überfluß oder Mangel an Gütern dürfte vorwiegend von der Produktivität der Arbeit abhängen.''(Adam SMITH[], Der Wohlstand der Nationen, Einführung und Plan des Werkes, S. 3)
Also ist produktive Arbeit diejenige, die die ,,nützlichen und angenehmen Dinge unseres Lebens'' erzeugt. ,,Ertrag der Arbeit'' ist nicht Wert, sondern Gebrauchswert. SMITH spricht auch nicht von Individuen oder Kaufleuten, die wie im wirklichen Leben Waren kaufen oder verkaufen, sondern von ,,Ländern und Völkern'', die, als handle es sich um eine kommunistische Utopie, einander mit Gebrauchsgütern versorgen. Auch wo SMITH schreibt
,,Die Arbeitsteilung dürfte die produktiven Kräfte der Arbeit mehr als alles andere fördern und verbessern'' ( SMITH, ebd., S. 9)
ist von der Erzeugung von Gebrauchswerten, der ,,technischen Produktivität'' die Rede. Bei der Erörterung der Kapitalbildung gibt Adam SMITH dagegen eine andere Definition von Produktivität.
,,Es gibt eine Art von Arbeit, die den Wert eines Gegenstandes, auf den sie verwendet wird, erhöht; es gibt eine andere, die keine solche Wirkung besitzt. Jene kann als produktiv bezeichnet werden, da sie einen Wert hervorbringt, diese als unproduktiv. So vermehrt ein Fabrikarbeiter den Wert des Rohmaterials, das er bearbeitet, im allgemeinen um den Wert des eigenen Lebensunterhaltes und um den Gewinn seines Unternehmers. Die Arbeit eines Dienstboten dagegen erzeugt nirgendwo einen solchen Wert. (...) Wohlhabend wird also, wer viele Arbeiter beschäftigt, arm hingegen, wer sich viele Dienstboten hält. (...)'' (ebd., S. 272/ II, S.48)
Die Produktivität besteht also nicht in der (,,gesellschaftlichen'' oder sonstigen) Nützlichkeit und Menge des Produkts, sondern in dessen Wert, und zwar in demjenigen Wert, dessen Produktion den Produzenten ,,bereichert'', mit anderen Worten: in der Produktion von Kapital. Diese produktive Arbeit kann sich SMITH allerdings (im Unterschied zu MARX) nur als Herstellung von Sachgütern vorstellen, da nur in diesen die Arbeit, das heißt der Wert, ,,gespeichert'' werden könne. Dienstleistungen seien generell unproduktiv, nicht weil sie keinen Wert hätten, sondern weil sie ,,im Augenblick ihrer Leistung vergehen'' würden. Adam SMITH sucht den Wert im Produkt, statt im Kapital des Produzenten. Auch vermischt er Gebrauchs- und Tauschwert: Wenn auch der Dienst als Gebrauchswert im Augenblick seiner Leistung vergeht, so ist doch damit produziertes Kapital nicht weniger haltbar als jedes andere. Allerdings kennt Adam SMITH Dienstleistungen, soweit sie abhängige Arbeit sind, nur entweder als Arbeit von persönlichen Bediensteten reicher Bürger (menial servants) oder als Staatstätigkeit (Verwaltung, Militär, Polizei und Justiz), beides tatsächlich unproduktive Bereiche. Kapitalproduktion durch Dienstleistungen kommt bei SMITH nicht vor. Vor dem Hintergrund des 18. Jahrhunderts hat er damit durchaus recht; man kann Adam Smith noch weniger als Marx vorwerfen, daß er das 20. Jahrhundert nicht vorausgesehen hat.
,,Unproduktive Arbeiter leben ebenso vom Einkommen anderer wie jene, die überhaupt nichts tun.''
Im Gegensatz zu den Lehrmeinungen seiner Zeit29 stellt SMITH auch Gelehrte, Militärs und die hohe Geistlichkeit sowie den König, alle ,,altehrwürdigen und transzendenten Beschäftigungen'' und ,,die ideologischen Stände, die sie erzeugen'' als unproduktive Arbeiter ökonomisch in eine Reihe nicht nur mit allerhand fragwürdigen Gewerben, sondern auch mit ihrer eigenen Dienerschaft.
,,Auch die Arbeit einiger angesehener Berufsstände in einer Gesellschaft ist, wie die der Dienstboten, unproduktiv. (...) Als unproduktiv können, zum Beispiel, die Tätigkeit des Herrschers samt seiner Justizbeamten und Offiziere, ferner das Heer und die Flotte angesehen werden. Sie alle dienen dem Staat und leben von einem Teil des Ertrags, den andere Leute übers Jahr hin durch ihren Erwerbsfleiß geschaffen haben. So ehrenwert, nützlich oder notwendig ihr Dienst auch sein mag, er liefert nichts, wofür später wiederum ein gleicher Dienst zu erhalten ist. (...) In die gleiche Gruppe muss man auch einige Berufe einreihen, die äußerst wichtig und bedeutend oder sehr anrüchig sind: Zum einen Geistliche, Rechtsanwälte, Ärzte und Schriftsteller aller Art, zum andern Schauspieler, Clowns, Musiker, Opernsänger und Operntänzer.'' (Der Wohlstand der Nationen, S. 273)

3.2  Der Begriff der produktiven Arbeit bei Marx

Arbeit (i. e. abstrakte Arbeit nach MARX) allgemein produziert Wert, produktive Arbeit produziert Kapital.
,,Nur der Arbeiter ist produktiv, der Mehrwert für den Kapitalisten produziert oder zur Selbstverwertung des Kapitals dient.'' (Kapital Bd. I, S. 459) ,,Produktive Arbeit ist bloß die, die Kapital produziert. (...) Productive labourer he that directly augments his master's wealth sagt Malthus (..) sehr richtig, wenigstens nach einer Seite hin richtig. Der Ausdruck ist zu abstrakt, da er in dieser Fassung ebenso vom Sklaven gilt. (...) Productive labourer he that directly augments capital.'' (Grundrisse, S. 212 f)
Im Unterschied zu Adam SMITH - darin besteht der entscheidende Fortschritt - kann für MARX auch die Produktion von Diensten produktive Arbeit sein. Kapital kann auch mit Diensten produziert werden, wie MARX explizit am Beispiel eines Lehrers (im ,,Kapital''), einer Sängerin oder eines Schauspielers (in den ,,Theorien über den Mehrwert'') demonstriert:
,,Steht es frei, ein Beispiel außerhalb der Sphäre der materiellen Produktion zu wählen, so ist ein Schulmeister produktiver Arbeiter, wenn er nicht nur Kinderköpfe bearbeitet, sondern sich selbst abarbeitet zur Bereicherung des Unternehmers. Dass letzterer sein Kapital in einer Lehrfabrik angelegt hat statt in einer Wurstfabrik, ändert nichts an dem Verhältnis.'' (Kapital Bd. I, S. 459) (Eine Sängerin), ,,von einem entrepreneur engagiert, der sie singen lässt, um Geld zu machen, ist ein produktiver Arbeiter; denn sie produziert Kapital.'' (Theorien über den Mehrwert, MEW 26. l, S. 377) ,,Ein Schauspieler, selbst ein Clown, ist (..) ein produktiver Arbeiter, wenn er im Dienste eines Kapitalisten arbeitet (des entrepreneur), dem er mehr Arbeit zurückgibt, als er in Form des Salairs von ihm erhält (...)'' (ebd., S. 127)
Entscheidend ist, ob die betreffende Arbeit dem Produzenten (Kapitalist) Kapital produziert, also nicht einfach Wert (wie jede Arbeit), sondern ,,sich verwertenden Wert'', mit dem ,,aus einem Taler zwei gemacht'', das heißt neuer Wert geschaffen wird. Ein Verfahren ist nicht produktiv, weil es ,,viel'' (viel Gebrauchswert) produziert, sondern weil es ,,viel Geld'', das heißt Kapital produziert. Für die Produktivität ist es unwichtig, ob das Geld des Konsumenten aus Revenue (Lohn, Gehalt, Rente) oder Kapital stammt, ebenso ob der Konsument die Ware selbst verzehren oder als Produktionsmittel einsetzen möchte. Jede Ware wird gleichermaßen als Tauschwert produziert und als Gebrauchswert konsumiert. Entscheidend ist, dass das Produkt als Ware (zum Verkauf) produziert wird, und dass damit ,,der Reichtum des Produzenten vermehrt werden'', mit anderen Worten Kapital produziert werden soll. Die Marxisten bleiben auf dem Standpunkt von Adam SMITH.
,,Die Begriffe produktive und unproduktive Arbeit unter dem Gesichtspunkt der Schaffung neuer Werte darf man nicht mit den Begriffen produktive und unproduktive Arbeit unter dem Gesichtspunkt des allgemeinen gesellschaftlichen Interesses verwechseln. Wenn die Arbeiter Dumdumgeschosse, Opium oder pornographische Romane herstellen, dann schaffen sie neue Werte, weil diese Waren, die Käufer auf dem Markt finden, einen Gebrauchswert besitzen, der es ihnen ermöglicht, ihren Tauschwert zu realisieren. Aber vom Standpunkt der allgemeinen Interessen der menschlichen Gesellschaft haben diese Arbeiter eine absolut unnütze, ja sogar schädliche Arbeit geleistet. Wenn die Angestellten den Wareneingang und -absatz eines Warenhauses registrieren, wenn sie den Konsumenten die Möglichkeit geben, zwischen verschiedenen Mustern der gleichen Ware zu wählen, dann leisten sie vom Standpunkte der allgemeinen Interessen der Gesellschaft aus eine nützliche und produktive Arbeit, ohne allerdings neue Werte zu schaffen. Indes ist es schwer, die Trennungslinie zu ziehen zwischen Arbeit, die neuen Wert schafft und solcher, die dies nicht tut. Allgemein kann man sagen, dass jede Arbeit, die Gebrauchswerte schafft, verändert oder erhält oder für ihr Zustandekommen technisch unabdingbar ist, produktive Arbeit ist, dass sie also den Tauschwert erhöht. Zu dieser Kategorie rechnet nicht nur die Arbeit der industriellen Produktion, sondern auch die Lagerarbeit, die Transportarbeit, ohne die die Gebrauchswerte nicht konsumiert werden können'' (Ernest MANDEL, Marxistische Wirtschaftstheorie[14], S. 222)
Arbeit, die neue Werte schafft, ist für MANDEL wie für Adam SMITH diejenige, die einen sicht- und tastbaren Gegenstand hinterlässt. Die Arbeit der Verkäuferin im Warenhaus schafft nach seiner Meinung daher keinen neuen Wert, wäre also unproduktiv. Um Lager- und Transportarbeiter dennoch zu produktiven Arbeitern erklären zu können - in unserer Zeit eine absolute Notwendigkeit - , wird als weiteres Kriterium die Nützlichkeit oder ,,technische Unabdingbarkeit'' eingeführt, und zwar nicht Nützlichkeit überhaupt, sondern Nützlichkeit vom ,,allgemeingesellschaftlichen'' Standpunkt, damit wiederum die Produzenten von Wichsvorlagen und Kriegsgerät nicht produktiv genannt werden müssen. Wirtschaftliche Produktivität ist immer Produktivität des Produzenten, des (,,Einzel''-)Unternehmers, des Kapitals. ,,Gesamtgesellschaftliche Produktivität'' ist ein ebensolcher Unbegriff wie ,,gesellschaftliches Eigentum''. Produktivität ist immer die Produktivität des ,,Einzel''-kapitals; ein Gesamtkapital als Totalität, also als etwas, das mehr ist als die Summe seiner Einzelkapitale, gibt es nicht.
Andererseits ist Produktivität von Rentabilität zu unterscheiden. Rentabel ist alles, wodurch man sein eingesetztes Geld vermehrt; Produktivität ist diejenige Art von Rentabilität, die aus der Anwendung von Lohnarbeit30entspringt. Der Unternehmer hat freilich unmittelbar
(= betriebswirtschaftlich) keinen Grund, diese Unterscheidung zu machen.31 Deshalb kann man auch sagen: Rentabilität ist das, was der Unternehmer für Produktivität hält.

3.3  Die Produktion von Kapital

Arbeit ist Produktion von Wert. Produktive Arbeit ist Produktion von Kapital. Der Lohnarbeiter kann sich aber mit der Ware Arbeitskraft - und das ist die einzige Ware, die ein Lohnarbeiter tatsächlich produziert - kein Kapital produzieren, gerade weil sie darin besteht, einem andern, ihrem Anwender (employer) Kapital zu produzieren.32

  Für den Lohnarbeiter gibt also weder ,,produktive Arbeit'' noch ,,produktive (Lohn-)Arbeiter''; jede Arbeit ist gleichermaßen unproduktiv.

Wenn MARX von produktiver Arbeit spricht, sucht er deren Produktivität im Mehrwert, also im Gebrauchswert dieser speziellen Ware. Er beurteilt sie ,,vom Standpunkt des Geldbesitzers, des Kapitalisten aus'' (Theorien über den Mehrwert, MEW Bd. 26.1, S. 128), das heißt vom Standpunkt des Konsumenten der Arbeitskraft, während er die Produktivität jeder anderen Warenproduktion vom Standpunkt des Produzenten betrachtet. MARX benennt selbst diesen Widerspruch in den ,,Theorien über den Mehrwert''. Die Marxisten haben dagegen stets bruchlos vom Standpunkt Adam SMITHs aus nach der ,,produktiven Arbeit'' gesucht.

Nicht überall, wo Lohnarbeit angewendet wird, entsteht Kapital. Aber Kapital entsteht ausschliesslich durch die Anwendung von Lohnarbeit.

Mit allem, was als Ware produziert werden kann, lässt sich auch Kapital produzieren:

mit der Produktion persönlicher oder unpersönlicher Dienstleistungen, zum Beispiel dem Frisieren von Köpfen ebenso wie dem Verkaufen von Waren, dem Bedienen im Restaurant ebenso wie dem Putzen von Fußböden. (Natürlich ist die Produktion von Dienstleistungen im allgemeinen für Betrügereien anfälliger als die Herstellung handfester Waren, doch ist sie deswegen nicht als solche unproduktiv. Auch sagt der Umfang eines Wirtschaftszweigs nichts über die Produktivität aus.)

mit der Produktion solcher Güter und Dienstleistungen
, die vom Standpunkt der ,,Gesamtgesellschaft'', der Moral, der Ökologie oder sonst einem nicht-wirtschaftlichen Standpunkt abzulehnen sind oder deren Produktion aus mehr oder weniger gutem Grund verboten ist, wie etwa die Fabrikation von Kokain oder Landminen. Insbesondere ist die Rüstungsproduktion keineswegs ,,Produktion für Verschwendung'', wie man das manchmal so liest. Wenn eine Rüstungsfirma das Produkt ihres Gewerbefleißes in Form von soundsoviel Hubschraubern an die USA verkauft, hat sie ihr Kapital damit ebensowenig verschwendet wie wenn sie Rasenmäher für Kleingärtner produziert hätte. Die Anwendung dieser Hubschrauber, ihre Konsumtion, etwa über dem Irak oder Afghanistan, ist freilich unproduktiv, aber das ist das Problem des Konsumenten, in diesem Fall der USA.
 
Kein Kapital wird dagegen produziert durch den Transfer von Geld von einer Tasche in die andere, beispielsweise
- vom Staat zu seinen ,,Wirtschaftssubjekten'' als Subventionen oder Sozialleistungen oder in umgekehrter Richtung als Steuern und Abgaben,
- zwischen Personen durch Unterhaltszahlungen, Erbschaft, Spenden, Schenkungen, sowie die illegale Umverteilung mittels Raub, Diebstahl oder Betrug, auch wenn das Geld bei dem, der es klaut, möglicherweise besser aufgehoben ist als bei dem rechtmäßigen Eigentümer.
Natürlich ist Einkommen aus Umverteilung oder Transferleistungen, ob freiwillig oder unfreiwillig, ebenso Einkommen wie jedes andere, und auch die Liebhaber der produktiven Arbeit anderer fragen nicht danach, ob und in welchem Maße oder gar auf wessen Kosten sie ihr eigenes Einkommen auch tatsächlich ,,verdient'' haben. Denn schließlich ist Zweck der Unternehmung die Rentabilität und nicht die Produktivität als solche, und die Anwendung von Lohnarbeit nur eine Methode, sich zu bereichern. (Im Einzelfall muss in einem modernen Gemeinwesen das ,,allgemeine Interesse'' aller Geschäftemacher entscheiden, wo die gewöhnliche Kriminalität aufhört und die unternehmerische Leistung anfängt.)
- den Kauf- bzw. Verkaufsakt selbst. Das Handelskapital ist nur produktiv, weil - und insofern als - Supermärkte und Banken ihren Profit nicht primär aus dem Betrügen ihrer Kunden, sondern aus der Anwendung ihrer Angestellten ziehen.

Kapital entsteht zwar ausschließlich durch die Anwendung von Lohnarbeit, doch entsteht nicht immer Kapital, wo Lohnarbeit angewendet wird.

Kein Kapital entsteht durch:
 
die Einstellung von Dienstboten (,,menial servants'' bei Adam SMITH): Eine Privatperson kauft sich Arbeitskräfte, nicht um damit Geld zu verdienen, sondern damit sie ihr als Butler, Köchin, Hauslehrer, Leibwächter, Gärtner, Putzfrauen, Fahrer usw. ,,zu Diensten'' sind. Dieser Fall hat im Vergleich zu den vergangenen Jahrhunderten stark an Bedeutung verloren. Zwar üben vielleicht mehr Leute als je zuvor solche Arbeiten aus, aber nicht als Hausdiener, wie in den vergangenen Jahrhunderten, sondern als Staatsangestellte (zum Beispiel Lehrer an allgemeinbildenden Schulen) oder aber als kapitalproduktive Arbeiter von Dienstleistungsunternehmen.

die ,,Tätigkeit des Souveräns und seiner Diener'' in den Worten von Adam SMITH, die Staatstätigkeit also. (Die professionellen Diener Gottes lassen wir hier mal aus dem Spiel; sie werden bekanntlich vom Allmächtigen bezahlt.) Adam SMITH ebenso wie Karl MARX verstanden darunter noch ausschließlich Militär, Polizei und die allgemeine Staatsverwaltung. In unserem Jahrhundert hat der Staat solche allgemeinen Dienstleistungen übernommen, die zwar eine Voraussetzung der Erweiterung der Kapitalproduktion bildeten, mit denen selbst aber (noch) kein Kapital zu produzieren war (Eisenbahn, Fernmeldewesen, Post, allgemeinbildendes Schulwesen, Energiewirtschaft usw). Damit ist die Staatstätigkeit heutzutage die bedeutendste Form unproduktiver Anwendung von Lohnarbeit geworden. Sobald einzelne dieser Dienstleistungen beispielsweise aufgrund des technischen Fortschritts in der Lage sind, selbst Kapital zu produzieren, werden sie ,,privatisiert.'' (Davon ist der Fall zu unterscheiden, wo der Staat, um Geld zu verdienen, selbst als Unternehmer auftritt und Kapital produziert.33 In diesem Fall ist der Staat Unternehmer wie jeder andere, der Lohnarbeiter aber auch Lohnarbeiter wie jeder andere.)
Wer Lohnarbeit kauft, um das Arbeitsprodukt selbst zu konsumieren, ist nicht Unternehmer, sondern Dienstherr, der Geld für Arbeitskraft ausgibt, statt damit Geld zu verdienen, der konsumiert, statt zu produzieren.34 Solche unproduktive Anwendung von Lohnarbeit weist eine Affinität zu feudalen Gepflogenheiten auf; von Wesen und Tradition her unproduktive Bereiche wie Armee, Justiz, Kirche und Universität sind daher auch Reservate vorkapitalistischer Gebräuche und Vorstellungen. Dort überleben die toten Sprachen, die bombastischen Titel, seltsame Initiationsriten, seltsame Amtstrachten und mittelalterliche Grußformen.
 
Unproduktiv ist auch die ,,einfache Warenproduktion'', wo der Produzent sein Produkt nur gegen seine Lebens- und Produktionsmittel austauscht. Solche Produzenten - wie im 19. Jahrhundert vielleicht die Trapper in Nordamerika oder sibirische Kolonisten - produzieren kein Kapital. Der Begriff Produktivität hat hier keinen Sinn, denn er setzt Lohnarbeit und Kapital voraus. ,,Einfache Warenproduktion'' bedeutet, dass die Produktionsmittel (noch) keinen Kapitalcharakter tragen und Produktion und Verkauf der Ware ausschließlich dem Lebensunterhalt (Konsum) des Produzenten dienen. Eine solche vorkapitalistische, unentwickelte Warenproduktion ist in der Tat unvereinbar mit kapitalistischen Verhältnissen. Unter entwickelteren Verhältnissen kann ein selbständiger Produzent mit eigenen Produktionsmitteln, aber ohne Lohnarbeiter, im Unterschied zu kanadischen Trappern oder den sagenhaften ,,Urmenschen'' der Wirtschaftstheorie gerade kein einfacher Warenproduzent sein. Er muss, um ,,sein eigener Herr'' bleiben zu können, nicht nur die eigene Arbeitskraft und die sachlichen Produktionsmittel reproduzieren, sondern sich selbst darüber hinaus einen Mehrwert erwirtschaften.
,,Als Besitzer der Produktionsmittel ist er Kapitalist, als Arbeiter ist er sein eigener Lohnarbeiter. Er zahlt sich also sein Salär als Kapitalist und zieht seinen Profit aus seinem Kapital, das heißt er exploitiert sich selbst als Lohnarbeiter.'' (Theorien über den Mehrwert, MEW Bd. 26. l, 5.383)
Das Kunststück erinnert ein wenig an den Baron von Münchhausen, der sich bekanntlich am eigenen Zopf aus dem Sumpf gezogen hat.
Ein solches Unternehmen kann nicht produktiv sein: Es kann kein Kapital produzieren. Rentieren im betriebswirtschaftlichen Sinn kann es sich trotzdem: z. B. durch öffentliche Förderung oder geschickten Betrug. Unrentabel wird es aber dann sein, wenn es über keine andere Quelle der Rentabilität verfügt als den Fleiß seines Besitzers.


Verzeichnis verwendeter Literatur

[1]
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[9]
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MARX - ENGELS Gesamtausgabe, Berlin 1971 ff (MEGA2)
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[22]
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[23]
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[29]
Peter RÖMER, Entstehung, Rechtsform und Funktion des kapitalistischen Privateigentums, Köln 1978
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Adam SMITH, Der Wohlstand der Nationen. Deutsch von H. C. Recktenwald, München 1993
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[32]
DROSDOWSKI/ GREBE, Herkunftswörterbuch der deutschen Sprache. Mannheim 1963
[33]
Günter SCHAUB, Meine Rechte und Pflichten als Arbeitnehmer, München 1982
[34]
Streit/ Umbach/ Bartelsberger, Die Wirtschaft heute, Mannheim 1980
[35]
Frederick W. TAYLOR, Die Grundsätze der wissenschaftlichen Betriebsführung, deutsch München 1913



Anmerkungen

1 In der Medizin und den Sozialwissenschaften gibt es daher Arbeiten, von denen die Bundesanstalt für Arbeit partout nichts wissen will: Trauerarbeit, Beziehungsarbeit, Gebärarbeit usw.
 2 In diesem Sinne ist der Begriff ,,Dienstleistung'' eine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Im 18. und 19. Jahrhundert - auch Karl MARX in den ,,Theorien über den Mehrwert'', wie man zeigen kann - verstand man unter ,,Dienstleistungen'' eben die Arbeit der Dienstboten.
3 Darin besteht die wirtschaftliche Relevanz jeder Tätigkeit überhaupt, sei sie nun Arbeit oder nicht. ,,Alle der Bedürfnisbefriedigung dienenden Leistungen, welche unter den herrschenden Sitten von anderen Personen ausgeführt werden können, (können wir) als Dienste im wirtschaftlichen Sinne bezeichnen, (gleichgültig), ob sie tatsächlich vom Subjekte selbst oder von anderen Personen ausgeführt werden. Das Haareschneiden ist nach dieser Definition als eine wirtschaftliche Tätigkeit zu betrachten, auch wenn jemand sein Haar selbst schneidet.'' ( CASSEL[], S. 10) Es ist ohne Zweifel wirtschaftlich immer von Bedeutung, wenn jemand für sich selbst macht, was er auch für andere tun oder umsonst tut, wofür er Geld verlangen könnte. Damit ist freilich noch nichts darüber ausgesagt, ob die betreffende Leistung tatsächlich Arbeit, schon gar nicht, ob sie produktiv ist.
 4 Die aus der Lohnarbeit entstandene Rechtsform lässt sich auch auf leitende Funktionen anwenden und die Form der freiberuflichen Arbeit auch auf geringqualifizierte Massenarbeit. Der Rechtsform nach wimmelt es bei uns von ,,selbständigen'' Kellnern, Putzfrauen, LKW-Fahrern, Fensterputzern usw., während angestellte Manager 24 Stunden am Tag ,,Verantwortung tragen'', wie man das so nennt.
Wenn ich im folgenden von Lohnarbeit rede, meine ich natürlich die Massenarbeit.
5 Es geht nicht darum, dem Unternehmer vorzuwerfen, dass er nicht arbeite. Das wäre ein erträgliches Übel; doch im allgemeinen stimmt das sowieso nicht, und unser Problem besteht gerade in dieser seiner Arbeit.
 6 Die Arbeit des abhängig Beschäftigten war schon immer rechtlich wie wirtschaftlich eben nicht ,,seine'', sondern die des ihn Beschäftigenden. Deshalb stellte John LOCKE (1696)[] den ,,Knecht'' mit dem Arbeitspferd und nicht lebendigen Produktionsmitteln auf eine Stufe:,,Das Gras, das mein Pferd gefressen, der Torf, den mein Knecht gestochen, das Erz, das ich an irgendeinem Ort gegraben, (...) werden (...) mein Eigentum ohne irgendjemandes Zuweisung oder Zustimmung. Meine Arbeit, die sie dem gemeinen Zustand in dem sie sich befanden, enthoben hat, hat mein Eigentum an ihnen bestimmt.'' (Über die Regierung, §28)
 7 Der Begriff Lebensmittel wird hier und im folgenden nicht im (heute üblichen) Sinne von ,,Nahrungsmittel'' verwendet, sondern als Bezeichnung für die Gesamtheit der Mittel, die der Mensch zum Leben benötigt. Diese Gesamtheit ist selbstverständlich keine naturwissenschaftliche, sondern ein soziale Größe.
 8 Eine umfangreiche sozialwissenschaftliche, philosophische und theologische Literatur beschäftigt sich mit den ,,Aspekten der Entfremdung''. Der Entfremdungsbegriff wird aber dabei als Problem des Intellekts (des ,,Verstehens komplexer Zusammenhänge'' und der Psyche (,,Gefühl von Isolierung und Sinnlosigkeit''), als Problem der ewigen menschlichen Natur verstanden, das die Sozialwissenschaften ,,beschreiben und beklagen'' (nach P. Ch. Ludz, zitiert bei Klaus Horn, s. v. ,,Entfremdung'' in Nohlen/ Schulze []), ein Problem des Individuums, das ,,Abläufe nicht mehr übersehen kann'' etc. Das Problem ist nicht, daß der Mensch unterdrückt und isoliert ist, sondern daß er sich so fühlt.
 9 Marx kritisiert an dieser Stelle eben nicht die Lohnarbeit, sondern die Arbeit überhaupt. Das Wort ,,Arbeiter'' bedeutete bis ins 19. Jahrhundert nicht nur Lohnarbeiter, sondern allgemein ,,erwerbstätiger Mensch''.
(. ..) mittelhochdeutsch arbeiter 'Tagelöhner, Handwerker' , seit dem 19. Jahrhundert Standesbezeichnung des Lohnarbeiters in Industrie und Landwirtschaft. (Drosdowski/ Grebe [], Herkunftswörterbuch der deutschen Sprache. Mannheim 1963)
Denselben Bedeutungswandel erfuhr die französische Entsprechung ouvrier:
,,Jusqu'au XVIIe siecle, ouvrier est plus ou moins synonyme d'artisan et parfois d'artiste (qui changera de sens à la fin du XVIIe siecle) (...); artisan s'oppose dans des divers usages régionaux à paysan et à bourgeois. (...) C'est au cours du XIXe siecle que se fait la distinction économique entre le travailleur manuel qui exerce sa profession pour son propre compte (...) et le salarié d'une entreprise.'' (Robert, Dictionnaire historique de la langue francaise, s. v. ouvrier, artisan).
Bei PROUDHON bedeutet ouvrier ,,Erwerbstätiger'', d. h. eine Person, die im Gegensatz zur Aristokratie oder den capitalistes von ihrer Hände Arbeit lebt, gleich ob Lohnarbeiter oder selbständiger Gewerbetreibender. Auch MARX verstand zunächst unter Arbeiter jeden, der seinen Lebensunterhalt erwerben muß. Erst später (1849) bezog MARX den Begriff der Entfremdung speziell auf den Lohnarbeiter:
,,Die Arbeitskraft ist also eine Ware, die ihr Besitzer, der Lohnarbeiter, an das Kapital verkauft. Warum verkauft er sie? Um zu leben. Die Betätigung der Arbeitskraft, die Arbeit, ist aber die eigene Lebenstätigkeit des Arbeiters, seine eigene Lebensäußerung. Und diese Lebenstätigkeit verkauft er an einen Dritten, um sich die nötigen Lebensmittel zu sichern. Seine Lebenstätigkeit ist für ihn also nur ein Mittel, um existieren zu können. Er arbeitet, um zu leben. Er rechnet die Arbeit nicht in sein Leben ein, sie ist vielmehr Opfer seines Lebens. Sie ist eine Ware, die er einem Dritten zugeschlagen hat. Das Produkt seiner Tätigkeit ist daher auch nicht der Zweck seiner Tätigkeit. (...) Was er für sich selbst produziert, ist der Arbeitslohn. (...)'' (Lohnarbeit und Kapital, MEW [], Bd. 6, S. 400)
10 Mögen die oppositionellen Kommunisten gegen die Stalinisten noch so recht gehabt haben - ihr Sozialismusbegriff konnte sich nicht von dem des Stalinismus lösen. Die Stunde der Trotzkisten und Linkskommunisten wird auch nach dem Untergang des Stalinismus nicht mehr kommen: sie haben nichts zu bieten als die unbeweisbare Behauptung, sie hätten es besser gemacht, wenn sie sich durchgesetzt hätten. Zweifellos wird man vor den Schrecken des Kapitalismus irgendwann wieder nach Verstaatlichung von Industrien schreien, doch wird es nicht mehr gelingen, dies als eine andere Produktionsweise auszugeben.
 11 Bei MARX finden sich zwei einander widersprechende Gesellschaftsbegriffe nebeneinander:
--- Gesellschaft als normatives Ziel, ,,worin die individuellen Arbeiten nicht mehr auf einem Umweg, sondern unmittelbar als Bestandteile der Gesamtarbeit existieren'' (Kritik des Gothaer Programms), ,,worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist. '' (Kommunistisches Manifest) Einen solchen Gesellschaftsbegriff meinte auch PROUDHON mit dem Satz ,,In der Gesellschaft sind alle Arbeitslöhne gleich.'' ( PROUDHON[], Ausgewählte Texte, S.93) Frankreich lebe nicht im Zustand der Gesellschaft.
--- Gesellschaft als empirische Gesamtheit der Beziehungen zwischen Warenbesitzern (Tauschbeziehungen) oder allgemeiner gesprochen zwischen Eigentümern überhaupt, Verhältnis der Wirtschaftssubjekte zueinander. Daher bezeichnet MARX das Verhältnis des Kapitalisten zum Lohnarbeiter als ein ,,gesellschaftliches'', spricht von ,,gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit'' usw. Gesellschaftliche Beziehungen beruhen auf Leistung und Gegenleistung. Do ut des, do ut facias, facio ut facias.
Jeder Mensch unterhält sowohl (tausch-)gesellschaftliche Beziehungen als auch solche, die nicht über Ware und Geld, Arbeit und Lohn, Leistung und Gegenleistung vermittelt sind. Niemand tauscht innerhalb der Familie oder mit Freund oder Freundin Dienstleistungen aus, obwohl die Beteiligten einander möglicherweise erhebliche Dienste leisten. Dienstleistungen innerhalb unseres Privatlebens sind nun mal ,,gratis''; nicht weil sie als solche nichts kosten würden, sondern weil ihre Kosten als Bestandteil der allgemeinen Lebenshaltung betrachtet werden. ,,Vielfach erbringen Personen in einem ständigen Verhältnis Arbeitsleistungen, die nach den Umständen nur gegen eine Vergütung zu erwarten sind. ( §612 Abs. 1 BGB) Dies gilt zum Beispiel in Verwandtschaftsverhältnissen, unter Verlobten usw. Solange diese Verhältnisse intakt sind, wird über eine Vergütung nicht gesprochen. Zum Streit über die Vergütung kommt es erst, wenn die wechselseitigen Beziehungen gestört sind und man sich trennen will. '' (Schaub[], Meine Rechte und Pflichten als Arbeitnehmer, München 1982, S. 166)
Aber was hat sich in diesem Fall geändert? Die Beteiligten bilden in diesem Fall keine Gemeinschaft zur Bewältigung ihres Lebens mehr, sondern stehen einander wieder als Fremde gegenüber, deren Beziehung wie die zu allen andern nur über Austausch von Leistungen, über Geld vermittelt ist.
 12 Es ist natürlich originell, wenn Paul LAFARGUE in seiner Satire ,,Le droit à la paresse'' (,,Das Recht auf Faulheit oder Widerlegung des Rechts auf Arbeit von 1848'')[1883], die diese Arbeitskritiker so gerne zitieren, statt wie üblich den Kapitalisten bzw. Bourgeois harte Arbeit zu verordnen, die Arbeiter ,,zwingen'' möchte, ihre Produkte selbst zu verzehren. Doch im Gegensatz zu dem, was man dem Titel nach vermuten könnte, fordert Paul Lafargue gerade nicht die Abschaffung der Arbeit, das heißt die Aufhebung der Entfremdung, sondern nur eine radikale Arbeitszeitverkürzung. Aber auch wenn niemand ,,mehr als drei Stunden pro Tag'' arbeiten müßte, bliebe die Spaltung des Lebens bestehen.
13 Diese in seinem Werk absolut periphere Schrift wurde im 20. Jahrhundert massenhaft verbreitet, weil damit Ausbeutung gerechtfertigt werden kann.
14 Ernest MANDEL (1924 - 1995), Wirtschaftswissenschaftler, Dozent an der Universität Brüssel, Mitglied des ,,Vereinigten Sekretariats der IV. Internationale'', Vertreter eines ,,gemäßigten'', das heißt mit allerhand demokratischen und emanzipatorischen Illusionen kompatiblen Trotzkismus. Seine Schriften wurden in den sechziger und siebziger Jahren viel gelesen; der Neo-Marxismus in der alten Bundesrepublik (auch in seiner revolutionären Variante) dürfte, nach meiner eigenen Einschätzung, wesentlich auf Mandel zurückgehen.
(Anmerkung zur Anmerkung: 1971/72 sollte Mandel Professor an der FU Berlin werden, was die damalige Bundesregierung verhinderte, indem sie (peinlicherweise, wie einem der parlamentarischen Mandarine auffiel) ein Einreiseverbot gegen ihn, den belgischen Staatsbürger, Juden und Verfolgten des Naziregimes verhängte, dem gerade unterzeichneten Recht auf Freizügigkeit innerhalb der EG zum Trotz. Mandel sei einer der Hintermänner der Unruhen von 1968 und 1969, so der damalige Innenminister GENSCHER in einer Rede vor dem Bundestag. 1978 durfte Mandel für 31 Stunden Berliner Boden betreten, um im Interesse des Kampfes gegen das 'Unrechtsregime' gegen die Ausbürgerung von Rudolf Bahro zu demonstrieren.)
 15 Wenn ein Lohnarbeiter Maschinentätigkeit überwacht und reguliert, statt selbst ,,Maschinentätigkeit auszuüben'', steht er damit nicht ,,neben dem Produktionsprozess''. Ob jemand für seinen Lebensunterhalt Kohlen schaufelt oder zum selben Zweck im Leitstand eines Kraftwerks vor einem Schaltpult sitzt, ist zwar in vieler Hinsicht ein Unterschied, aber nicht hinsichtlich des Produktionsverhältnisses. Beide produzieren ihren Wert und damit den Mehrwert. Auch wenn der eine rußig wird und der andere nicht, stehen beide unter dem selben Zwang, ist beider Arbeit gleichermaßen abstrakt. Keiner von beiden steht ,,neben dem Produktionsprozess.''
Andererseits: Wo ,,geistige Tätigkeit'' (künstlerische, wissenschaftliche, politische Tätigkeit) privilegiert ist, ist sie es nicht als solche, sondern durch ihre Verbindung mit der Leitung der Produktion. Wo diese Verbindung nicht mehr existiert, wird sie gewöhnliche Lohnarbeit.
Da Leitungstätigkeit stets ,,geistige'', das heißt nicht-körperliche Arbeit ist, setzte man im 19. Jahrhundert umgekehrt nicht-körperliche Arbeit mit Leitungstätigkeit gleich. Heute ist dagegen auch gewöhnliche Massenarbeit zu einem großen Teil nicht-körperliche Arbeit.
 16 ,,Es ist aber genaugenommen eine der Hauptqualitäten des Kommunismus, dass in ihm der Gegensatz zwischen Genuss und Arbeit verschwindet. Der Genuss ist nur im Zustand des von der Gesellschaft getrennten Besitzes (des Eigentums, B. K.) von der Arbeit verschieden. Der Zustand der Gemeinschaft ist die praktische Verwirklichung der philosophischen Ethik, welche in der freien Tätigkeit den wahren und einzigen Genuss, das sogenannte höchste Gut erkennt. Umgekehrt ist der Zustand des getrennten Besitzes die praktische Verwirklichung des Egoismus und der Unsittlichkeit, die einerseits die freie Betätigung negiert und zu sklavischer Arbeit erniedrigt und andererseits an die Stelle des höchsten Gutes des Menschen (seiner Selbstbetätigung) den tierischen Genuss als das würdige Ziel einer ebenso tierischen Arbeit setzt.'' (Moses Heß, Socialismus und Communismus; in: A. Cornu/ W. Mönke, Moses Heß - Philosophische und sozialistische Schriften[], S. 204) ,,Die Arbeit, die Gesellschaft überhaupt soll nicht organisiert werden, sondern sie organisiert sich von selbst, indem jeder tut, was er nicht lassen kann und unterlässt, was er nicht tun kann. (...) Aus der Mannigfaltigkeit der freien menschlichen Neigungen oder Tätigkeiten besteht der freie, nicht tote, gemachte, sondern lebendige, ewig junge Organismus der der freien menschlichen Gesellschaft, der freien menschlichen Beschäftigungen, die hier aufhören, eine Arbeit` zu sein, die hier vielmehr mit dem Genuss durchaus identisch sind.'' (ebd., S. 206 f)
17 So habe ich den Satz verstanden, mit dem Rousseau den Contrat social einleitet: ,,Je veux chercher si, dans l'ordre civil, il peut y avoir quelque règle d'administration légitime et sûre, en prenant les hommes tels qu'ils sont et les lois telles qu'elles peuvent être. '' (,,... indem ich die Menschen nehme wie sie sind und die Gesetze wie sie sein können.'')
18 In den Manuskripten notierte MARX: ,,Es ist vor allem zu vermeiden, die Gesellschaft wieder als Abstraktion dem Individuum gegenüber zu fixieren. Das Individuum ist das gesellschaftliche Wesen'' (Die Frühschriften[], Stuttgart 1971, 5.238) Marx hat die Forderung formuliert, aber nicht durchgehalten.
 19 Die bekannten marxistischen Szenarien einer allgemeinen Verwertungsunfähigkeit des Kapitalismus beruhen vor allem auf einem unklaren Produktivitätsbegriff. Im 20. Jahrhundert ist vielleicht die individuelle Arbeitszeit in den hochindustrialisierten Ländern gesunken (was allerdings noch zu untersuchen wäre), die Menge der eingesaugten Arbeitszeit ist aber gerade in diesen Ländern gestiegen, und zwar nicht nur in Relation zum allgemeinen Bevölkerungswachstum, sondern darüber, beispielsweise durch die verstärkte Einbeziehung von Frauen und bisher nicht verwertbaren Menschen. Auch die großen Krisen waren nur Episoden in dieser Entwicklung. ,,Millionen Arbeitslose'' weisen eben gerade nicht darauf hin, ,,dass der Arbeitsgesellschaft die Arbeit ausgeht'', sondern nur darauf, dass sie lohnabhängig sind. ,,Arbeitszeit'' im heutigen Verständnis ist ein Zeitbudget, das durch rechtliche Normierung oder organisatorische Regeln und Verpflichtungen auf die Leistungserbringung (...) begrenzt ist; eine Zeit also, in der wirklich gearbeitet wird'' (Otto[], Arbeitszeiten in unterschiedlichen Epochen[35], S.53) ,,Die Ausdifferenzierung der 'Wachzeit' in hermetisch getrennte Zeitbudgets (...) war in der vorindustriellen Gesellschaft unbekannt, sowohl was die Sache, als auch was die Begriffe angeht.'' (Otto, 1. c.) Daher gibt es vor dem 19. Jahrhundert auch kaum Quellen zur Arbeitszeit. ,,Arbeitszeitordnungen'' kannte man höchstens aus dem Bergbau. ,,Ein jeglicher Bergmann und Arbeiter, niemand ausgeschieden, soll seine rechte Schicht treulich arbeiten, nämlich 7 Stunden, als 6 Stunden zu arbeiten und die siebente aus- und einzufahren.'' (Bergordnung für den Rammelsberg im Harz, 1544, zitiert nach Otto, l. c. (Wie Otto bemerkt, unterschieden sich diese frühen Bergordnungen, was die Länge der Arbeitszeit angeht, nicht markant von heutigen Tarifarbeitszeiten.)) Doch einem Bauern des 18. Jahrhunderts wäre zweifellos eine ,,Arbeitszeitordnung'' wie ein Stück aus dem Tollhaus erschienen. Erst mit der Industrialisierung wurde die Trennung von ,,Arbeit und Genuss'' (Moses Hess), Freizeit und Arbeit und die Verkürzung des Arbeitstags zum Gegenstand des Nachdenkens. Auf der andern Seite verlangte es auch erst mit der Industrialisierung der ,,gesunde Menschenverstand'' , ,,den Arbeitstag so einzuteilen, dass während der Arbeit wirklich gearbeitet und während der Ruhepausen wirklich geruht wird; das heißt, es soll eine scharfe Grenze gezogen werden und nicht beides gewissermaßen gleichzeitig geschehen. '' (F. W. TAYLOR, Die Grundsätze der wissenschaftlichen Betriebsführung[], S.91f)
20 Stalin bzw. seine ,,Akademie ...'' steht mit diesen Grundsätzen voll auf der Höhe der Volkswirtschaftslehre: ,,Arbeit als Produktionsfaktor ist der Teil körperlicher und geistiger Tätigkeiten des Menschen, der auf die Herstellung von Sachgütern und Dienstleistungen zur Bedürfnisbefriedigung zielt.'' (Streit/ Umbach/ Bartelsperger, Die Wirtschaft heute[], 2. Aufl., Mannheim 1980) ,,Wir leben nicht im Schlaraffenland, in dem uns die gebratenen Tauben in den Mund fliegen. Selbst dort, wo uns die Natur die Früchte bereitstellt, ohne dass sie angebaut werden müssen, bedarf es einer gewissen Anstrengung, sie zu suchen, zu pflücken und zuzubereiten. Es sind geistige und körperliche Anstrengungen des Menschen, also Arbeit notwendig.'' (Hartmann[], Theorie und Praxis der Volkswirtschaftspolitik [ein übliches Lehrbuch für Wirtschaftsgymnasien], S. 21)
 21 Dies behaupten die marxistischen Krisentheorien. ,,Die Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivität der Arbeit im Kapitalismus bedingt einerseits ein Sinken des Tauschwerts im Verhältnis zum Gebrauchswert der Waren, und andererseits eine mengenmäßige Vermehrung der Gebrauchswerte, die den sinkenden Tauschwert kompensiert.'' (Paul MATTICK[], Marx und Keynes. Die Grenzen des gemischten Wirtschaftssystems. Frankfurt 1971, S. 67) ,,Die Gebrauchswertseite des Kapitals bleibt von der Krise weitgehend unbeeinflusst, außer wenn materielle Produktionsmittel, wie in Kriegszeiten, tatsächlich zerstört werden. Aber während der Krise und der nachfolgenden Depression werden Kapitalwerte vernichtet. Die gleiche Quantität von Gebrauchswert stellt jetzt einen geringeren Tauschwert dar und der Mehrwert, der durch den unveränderten Gebrauchswert des Kapitals bestimmt ist, bezieht sich jetzt auf einen anderen Kapitalgesamtwert.'' (Paul MATTICK, ebd., S. 79)
Der Sachverhalt der Entwertung von Kapital ist unbestreitbar. Aber es handelt sich nicht um ein Sinken des Tauschwerts im Verhältnis zum Gebrauchswert.
An der uralten Diskussion um die Zusammenbruchstheorie möchte ich mich lieber nicht beteiligen. Aber die Annahme eines Zusammenbruchs des Kapitalismus aus sich selbst heraus hat die Marxisten seit jeher zu Stiefzwillingen der Zeugen Jehovas gemacht.
 22 Der Lohn, auch wenn er ebenso in Geld besteht wie der Profit, hat dem Lebensunterhalt zu dienen, nicht dem Erwerb, und ist insofern seinem Wesen nach keine Beteiligung am Betriebsergebnis. Er entspringt nicht irgendeiner Aufteilung des Profits. Er kann sich daher auch nicht wirklich mit dem Profit bewegen. ,,Gewinnbeteiligung'' ist nur ein sekundärer Versuch, die Leute am Unternehmen zu interessieren und zugleich feste Zahlungsverpflichtungen zu vermeiden, vergleichbar mit der Karotte, die man dem Esel angeblich vor die Nase hält, damit er schneller trabt.
 23 Das ist der Mechanismus der Profitproduktion. Natürlich ist eine solche Darstellung reduziert; so muß ein Teil des Profits akkumuliert, d. h. in die Erweiterung der Produktion gesteckt werden. Darüber hinaus genügt es nicht, wenn das Unternehmen überhaupt Profit abwirft, es muss zumindest durchschnittlichen Profit abwerfen. Von all dem sehe ich hier ab.
 24 Als preisgünstige Alternative zur Befriedigung solcher Bedürfnisse bietet sich die sinnfreie Aufzucht von Katzen und Hunden an.
 25 Ein Soziologe stellte (Ende der neunziger Jahre) ,,stabile Matriarchate'' in den Unterschichten in Westdeutschland fest. (ZEIT-Dossier, 20.05.1998, ,,Macht Sozialhilfe süchtig?'') Damit war natürlich nicht gemeint, daß die Steinzeit nach Hamburg und anderswo zurückkehrt, sondern jener Prozess, der in allen Industriestaaten festzustellen ist: Die zu Beginn des 20. Jahrhunders bereits auf ,,Vater-Mutter-Kind'' reduzierte Kleinfamilie wird zur ,,Mutter-Kind'' Familie. Diese Entwicklung resultiert aus dem notwendig ungenügenden Lohn des Massenarbeiters.
1. Der notwendig ungenügende Lohn des Massenarbeiters führt dazu, dass dieser real nur noch einen Bruchteil des Familieneinkommens (vielleicht mehr, vielleicht weniger als die Hälfte) ,,mit seiner Hände Arbeit'' verdienen kann. (Aus der Tatsache, dass die unteren Lohngruppen, die Löhne für Massenarbeit also, sich immer mehr den Sozialhilfesätzen angleichen, schließt natürlich keiner, dass diese Löhne zu niedrig sind, sondern nur dass die Sozialhilfe zu hoch ist.) Der Rest muss durch staatliche Hilfen und die Lohnarbeit der Frau gedeckt werden. Bei längerer Arbeitslosigkeit des Mannes wächst der Anteil der Frau am Einkommen der Familie, wie gering es auch sein mag. Der frühere Ernährer wird zur Belastung.
Damit ändern sich die Machtverhältnisse innerhalb der Familie zugunsten der Frau. Das ist wohl eine Befreiung der Frau aus der "jahrtausendealten Familiensklaverei" (Lenin) - leider nur in dem Sinne wie die Verwandlung der Negersklaven in den USA in freie und gleiche Lohnarbeiter.
2. Der Staat mag die Arbeitslosen aus ihrer ,,entwürdigenden Abhängigkeit'' (von seinen Zahlungen nämlich) befreien, doch schon aus Gründen der öffentlichen Ordnung muss er, wo kein zahlungsfähiger Erzeuger zu ermitteln ist, irgendwie den Unterhalt von Kindern und der nun mal dazugehörigen arbeitslosen Mutter sicherstellen, und mehr als das könnte eine gering qualifizierte Arbeitskraft, ob weiblich oder männlich - und die Masse der Lohnabhängigen ist immer gering qualifiziert, selbst wenn sie noch so gut ausgebildet wäre - sowieso von keiner möglichen Arbeit erwarten. Während in früheren Zeiten nach einem geflügelten Wort ,,das Elend der Witwen und Waisen zum Himmel schrie'', wird es unter heutigen Bedingungen für eine Frau relativ günstiger sein, unverheiratet ihr Kind alleine aufzuziehen als einem Geringverdiener die Ehefrau zu machen. (In vielen Fällen wird es wohl auch für das Kind besser sein.) ''Welfare Mother'' wird somit hinter dem Rücken und gegen den Willen aller Beteiligten zu einer Erwerbsquelle.
 26 ,,In der Tradition der Verurteilung des Privateigentums markiert Karl MARX eine folgenreiche Zäsur'', konstatiert KüNZLI. Worin jedoch diese Zäsur besteht, erfahren wir nicht, obwohl das Kapitel über MARX das umfangreichste in seinem Buch ist. KüNZLI ist vielmehr bemüht, MARX in eine Reihe mit den anderen historischen ,,Eigentumsfeinden'' zu stellen. An allen Ecken und Enden der Geistesgeschichte, angefangen bei Plato, Aristoteles und den Kirchenvätern bis ins ferne China entdeckt er den Geist von Karl MARX. Außer bei Karl MARX, da entdeckt er selbstverständlich nicht den Geist von Karl MARX, sondern den von Aristoteles, Thomas von Aquin, Rousseau, Diderot usw.
 27 ,,Besitz (§ 854 BGB) bedeutet nur die tatsächliche Herrschaft einer Person über eine Sache, während Eigentum die Verfügungsbefugnis darstellt (also ein Rechtsverhältnis ist.'' (W. J. Friedrich[], Rechtskunde für jedermann, München 1996, S. 257) PROUDHON unterscheidet dagegen den betätigten Besitz und das betätigte Eigentum vom unbetätigten Eigentum. Bereits diese von heute aus gesehen ziemlich maßvolle Kritik, die einer Mitgliedschaft in der CDU keineswegs entgegenstünde, machte PROUDHON vorübergehend zum Staatsfeind Nummer eins: ,,Votre style est trop haut pour jamais servir aux insensés qui discutent à coups de pierre dans la rue les plus grandes questions de notre ordre social. Mais prenez garde, monsieur, qu'ils ne viennent bientôt malgré vous chercher des matériaux dans ce formidable arsenal, et que votre métaphysique vigoureuse ne tombe aux mains de quelque sophiste de carrefour qui la commenterait devant un auditoire famélique : nous aurions le pillage pour conclusion et pour peroraison. '' --- (,,Ihr Stil ist zu hoch, um je den Unvernünftigen zu dienen, die mit Steinwürfen auf der Straße die größten Fragen unserer gesellschaftlichen Ordnung diskutieren. Doch hüten Sie sich, dass diese nicht eines Tages gegen Ihren Willen Material aus dieser gewaltigen Rüstkammer holen, und dass Ihre kraftvolle Philosophie nicht in die Hände irgendeines Sophisten der Straße falle, der sie vor einem ausgehungerten Auditorium kommentieren würde: Wir hätten die Plünderung als CONCLUSIO und PERORATIO.'') (Jérôme Blanqui [Blanqui l'aîné, Bruder des Revolutionärs Auguste Blanqui], Nationalökonom und Berichterstatter über Proudhons Buch bei der Academie des sciences, in einem Brief an PROUDHON, den dieser im Vorwort seines Buchs über das Eigentum[] zitiert.
28 ,,Ausbeutereigentum ist z. B. das kapitalistische Privateigentum, also dasjenige Privateigentum an den Produktionsmitteln, mit dessen Hilfe (...) im Produktionsprozess der Mehrwert (...) angeeignet wird. Privates Arbeitseigentum ist das Eigentum der kleinen Bauern und Handwerker, die mit Hilfe ihrer eigenen Arbeit und mit Produktionsmitteln, die ihr Eigentum sind, ihre Produkte herstellen.'' (Römer 1978 [], S. 39) Nur jenes ,,Ausbeutereigentum'' soll ,,vergesellschaftet'', das heißt verstaatlicht werden.
29 Der Statistiker Gregory KING bestimmte 1688 die Produktivität so: ,,Increasing the wealth of the Kingdom'' sind ,,lords, baronets, knights, esquires, gentlemen'', also der Adel, des weiteren Kirchenmänner, Staatsbeamte und Offiziere des Heeres und der Marine, Kaufleute und Rechtsanwälte, ,,persons in liberal arts and sciences'' (Mediziner, Wissenschaftler), freie Bauern und Pächter sowie selbständige Handwerker. ,,Decreasing the wealth of the Kingdom'' sind gemeine Matrosen und Soldaten, labouring people, cottagers (Häusler), paupers'' sowie Zigeuner, Diebe, Bettler und Vagabunden. (nach MARX, Theorien über den Mehrwert, MEW 26.1., S. 148) Die Physiokraten hielten nur die Agrikultur für produktiv, da nur diese etwas erzeuge, was zuvor nicht da gewesen sei, während alle anderen Gewerbe nur das von ihr Erzeugte umformten.
30 Die ,,Anwendung von Lohnarbeit'' bezeichnete Marx in Übereinstimmung mit der älteren klassischen Ökonomie als Ausbeutung, so wie man auch von der Ausbeutung eines Erdöl- oder Erzvorkommens spricht. Der gemeinhin so bezeichnete (wirtschaftliche) Straftatbestand ist als Überausbeutung zu bezeichnen; darum geht es hier nicht.
31 Vom Standpunkt der Betriebswirtschaft ist überhaupt in letzter Instanz nur eine Tätigkeit produktiv, nämlich die des Geldeinstreichens.
 32 Um es in dem Schema von Kapital Bd. I auszudrücken:
Ware : W-G - W' (W + ∆W)-G'(G + ∆G)- W" - G" - W"' - ...
Die Ware Arbeitskraft dagegen: W - G - W - G - W -... , bis in alle Ewigkeit.
33 Dies gilt im allgemeinen als Mißstand, denn ,,man ist zwar sehr für eine wohlfeile Staatsverwaltung, aber nicht für eine, die einem Konkurrenz macht'', wie MARX sagte.
34 Der DDR-Wirtschaftswissenschaftler und Statistiker Fritz BEHRENS (1909 - 1980) traf die Unterscheidung danach, ob Einkommen ,,verausgabt (wird), um konkrete Arbeit, in einem materiellen Produkt vergegenständlicht oder nicht, oder abstrakte, verwertbare Arbeit zu kaufen. (...) Wird Einkommen verausgabt, um konkrete Arbeit zu kaufen, so ist dies Konsumtion. Wird Einkommen verausgabt, um abstrakte Arbeit zu kaufen, so ist dies Produktion.'' (Fritz BEHRENS [], Alte und neue Probleme ... S. 94) ---
Der DDR-Volkswirt hat den Marx hier schöpferisch weiterentwickelt: Als konkrete Arbeit bezeichnet er diejenige, deren Produkt von ihrem Käufer als Gebrauchswert konsumiert wird und als abstrakte Arbeit diejenige, deren Produkt das Kapital ihres Käufers mehren soll. Konkrete Arbeit ist nur Wertproduktion, abstrakte Arbeit Kapitalproduktion. Abstrakte Arbeit bei MARX war dagegen die Erwerbstätigkeit, das heißt die Produktion von Wert.