Zur Erinnerung an die Oktoberrevolution von 1917



Begräbnis Stalins. Erste Reihe: Chruschtschow, daneben Berija (der einzige mit einem europäischen Hut). Rechts hinter Chruschtschow Marschall Schukow. Der mit dem Schnurrbart hinter Berija und Chruschtschow ist Anastas Mikojan. Der unübersehbare Dicke vorne ist Malenkow, das provisorische Staatsoberhaupt. Daneben Kuusinen, Kaganowitsch und Bulganin. Dahinter Molotow.
Vier Monate später wird Berija erschossen. Kaganowitsch erlebt noch das Ende der UdSSR (Tod 1991, mit 98 Jahren).

Was war eigentlich sozialistisch an der Oktoberrevolution?

Wir beurteilen die französische Revolution nicht nach den Reden von Robespierre oder Saint-Just. Man sollte auch die russische Revolution nicht nach den Schriften Lenins oder Trotzkis beurteilen, sondern nach dem, was sie bewirkt hat -- genau so, wie es der historische Materialismus fordert und wie man es im Falle der französischen Revolution oder jeder andern auch tut.

Die russische Revolution hat

Die Bolschewiki bauten im Kampf gegen die imperialistischen Staaten Europas und die USA einen unabhängigen Nationalstaat auf.

Die Mittel zu diesem gewaltigen Sprung nach vorne wurden beschafft

Die wenigen sozialen Maßnahmen der Bolschewiki (Einführung eines Gesundheitssystems und einer Rentenversicherung) kamen --- zunächst jedenfalls --- nur einer Minderheit zugute. Die UdSSR war nie ein Sozialstaat; trotz der Sozialkürzungen in den westeuropäischen "Wohlfahrtsstaaten" und sozialpolitischer Verbesserungen in Russland unter der Regierung Putin liegt das russische Sozialsystem hinter Westeuropa zurück.

Die Oktoberrevolution war ohne Zweifel eine Revolution, nur keine "Arbeiterrevolution." Was in der Sowjetunion tatsächlich aufgebaut wurde, war nicht der Sozialismus, sondern der Kapitalismus. (Mit dem Abstreifen des "Marxismus" Ende der achtziger Jahre hat die russische Revolution zu sich selbst gefunden.)

Die Maßnahmen der Bolschewiki waren notwendig zum Aufbau des Kapitalismus in Russland, nicht des Sozialismus: Die Verstaatlichung der Industrie und des Außenhandels und Planwirtschaft ändern nichts an der kapitalistischen Produktionsweise.

Die russischen Sozialdemokraten, ob Menschewiki oder Bolschewiki, waren von ihrer sozialen und politischen Herkunft "Narodniki", bürgerliche Revolutionäre, die auf der Suche nach dem "revolutionären Subjekt" die Arbeiterklasse entdeckten. (Huhn) (Das zumindest --- die Suche nach einem revolutionären Subjekt außerhalb ihrer selbst --- haben die westdeutschen "Marxisten-Leninisten" von 1968 ff mit den historischen Bolschewiki gemeinsam. Darum erschienen die Schriften Lenins am Anfang der Siebzigerjahre --- in einem ganz anderen Kontext --- plötzlich wieder so ungeheuer aktuell.)

Lenin war kein Arbeiter, sondern Advokat, der Standardberuf des bürgerlichen Revolutionärs; die Führung der Bolschewiki (wie der Menschewiki) stammte durchweg aus dem Bürgertum. Daher kommt auch der relativ hohe Anteil von Juden in der russischen Sozialdemokratie, der Menschewiki wie der Bolschewiki, der den Rechten bis heute als Beweis der zionistischen Weltverschwörung dient.

Lenin war die --- erfolgreichere --- russische Entsprechung zu Kemal Atatürk, Pilsudski oder anderen nationalen Revolutionären.

Das heißt nicht, dass der Sozialismus in der Sowjetunion einfach ein Betrug, "Kulissenschieberei" war, wie der Linkskommunist Otto Rühle schon 1920 schrieb. Wäre Lenin nur ein Scharlatan gewesen, hätte er keinen Erfolg gehabt. Der deutsche Kommunist hatte nur eine andere "Agenda". Die Bolschewiki konnten auf Grundlage der russischen Produktionsverhältnisse keine andere als eine kapitalistische Sowjetunion aufbauen; die Alternative wäre gewesen, auf die politische Macht zu verzichten. Dazu waren weder die Bolschewiki noch die Menschewiki bereit; dafür hätten auch ihre Anhänger kein Verständnis gehabt.

Was für Russland Sozialismus bedeutete, war es für Westeuropa eben nicht.
Die "Fehler", welche die kommunistischen Revolutionäre an der Politik Lenins oder Stalins feststellten, und die angeblich den Untergang des Sozialismus herbeiführten, waren natürlich keine Fehler, sondern Ausdruck von Klasseninteressen: den Interessen der herrschenden Klasse der Sowjetunion.

Diese Klasse hat mit der aus marxistischen Traktaten berüchtigten "Kapitalistenklasse" gemeinsam, dass sie von der Ausbeutung der Lohnabhängigen lebt. Der Unterschied besteht nur in der rechtlichen Ausgestaltung des Ausbeutungsverhältnisses.
Diese herrschende Klasse "Bürokratie" zu nennen, wie Trotzki und die Mehrzahl der Linksradikalen es getan haben, ist bereits eine Verharmlosung: Bürokraten sind keine Herrschenden, sondern Diener einer herrschenden Klasse. Die russischen Bolschewiki waren aber eine herrschende Klasse.
Die "Oligarchen", die nach westlicher Sprachregelung heute die russische Föderation beherrschen, sind nichts anderes als die ehemalige Komsomol-Führung, inzwischen natürlich ergänzt durch originäre "unkommunistische" Halsabschneider.

Natürlich war die russische Revolution ein Fortschritt. Wenn Russland heute ein entwickelteres Land ist als Brasilien oder Indien, dann hat es dies den Kommunisten zu verdanken.
Auch war die Herrschaft der Bolschewiki kein Einbruch der Barbarei in ein ansonsten konservativ-liberales Gemeinwesen, wie die heutigen Herren Russlands ihre Geschichte interpretieren.
Der berüchtigte Weißmeerkanal, dessen Bau Zehntausende das Leben kostete, geht auf einen zaristischen Plan zurück. (Der Zar hätte sich das allerdings nie leisten können.)
Das Lagersystem gab es schon unter dem Zaren, Stalin hat es nur ausgebaut. Auf den in dieser Hinsicht traditionsreichen Soloveckij-Inseln im Weißen Meer verwendeten die Bolschewiki ehemalige Weißgardisten als Wachpersonal. (Solschenizyn)
Das größte Kolonialmassaker der russischen Geschichte, die Tötung von 200 000 aufständischen Kasachen (1916), ist ein Werk des Zarismus, nicht der "Roten".

Das Starren auf Elend und Terror verstellt auch den Blick auf die Gründe der relativen inneren Stabilität der UdSSR. Die alte Elite war tot oder im Ausland; Loyalität vorausgesetzt, stand zumindest in den ersten zwei Jahrzehnten des Bestehens der Sowjetunion jedem Befähigten der Aufstieg offen. "Niedere Herkunft", am besten aus der "Arbeiterklasse" oder der "Bauernarmut", war ja sogar ein Vorteil, in schroffem Gegensatz zum Zarismus mit seiner antiquierten Ständeordnung, aber auch zu den westeuropäischen Staaten. Das war wirklich revolutionär, wenn auch nicht von Dauer. Nirgendwo auf der Welt wurde (zunächst jedenfalls) das kapitalistisch-sozialdemokratische Versprechen von "Chancengleichheit" und "Freie Bahn dem Tüchtigen" mehr verwirklicht als in der Sowjetunion. Da konnte man schon über ein paar "Schattenseiten" hinwegsehen.

Der Versuch der Kommunisten, den Aufbau eines Nationalstaats als Sozialismus hinzustellen, führte dazu, dass das Ziel des Sozialismus völlig entstellt wurde. In den hochindustrialisierten Ländern führte er die Kommunisten in die Bedeutungslosigkeit. In Westdeutschland verschwand die KPD nach 1945 sang- und klanglos --- nicht nur als Organisation, sondern auch aus dem Bewusstsein der lohnabhängigen Bevölkerung. Für die Schüler und Studenten, die Anfang der siebziger Jahre, um "die Demokratie zu demokratisieren" auf den Marxismus verfielen und die KPD wiederaufbauen wollten, waren die ganz wenigen alten KPD-Mitglieder, die es in ihren Gründungen gab, bereits Exoten, "Gegenstand von Anbetung", wie es in einem Kritikpapier hieß.

Primäre Ursache für das Verschwinden einer einstigen Massenpartei war eben keineswegs der Kalte Krieg und das KPD-Verbot, und auch nicht der "Verrat ehemaliger Kommunisten". Staatlicher Terror hat gegen wirkliche Volksbewegungen noch nie etwas ausgerichtet. Aber die Sowjetunion war keine Perspektive für die Arbeiter der fortgeschrittenen Industriestaaten.

Anders sah es in der "Dritten Welt" aus, in jenen Ländern also, deren Situation mit der Sowjetunion 1917 vergleichbar war, z. B. China. Dort war die Sowjetunion noch lange ein Erfolgsmodell -- und ist es zum Teil noch heute. Wo der Marxismus--Leninismus bis heute einen gewissen Masseneinfluss hat, da handelt es sich um Länder der Dritten Welt: "Kurdistan", Nepal, Südindien, Peru und so weiter. Eben weil es dort nicht um soziale, sondern um nationale Befreiung geht: Um die Errichtung eines unabhängigen Nationalstaats.

Zwar wird man vor den Schrecken des Kapitalismus ("Marktversagen") immer wieder mal nach Verstaatlichung oder "Vergesellschaftung" rufen. Doch es wird nicht mehr gelingen, dies als eine andere Produktionsweise auszugeben. Insofern ist der Marxismus-Leninismus heute Geschichte.

Die letzten Mohikaner des Marxismus-Leninismus

suchen heute die "Fehler", die zur "Verwandlung" des angeblich ersten "Arbeiterstaats" geführt haben. Je nach Schärfe der Analyse werden verschiedene Dolchstoßlegenden erzählt: Für die einen beginnt der Verrat des Sozialismus mit der Alleinherrschaft der Bolschewiki, für andere mit dem Tod Lenins, wieder für andere mit dem Tod Stalins, für manche erst mit Gorbatschow.

Manche durchwühlen heute die Geschichte der Sowjetunion nach Manifestationen wahrhaft revolutionärer Gesinnung. Sie entreißen die "Dezisten" und die "Arbeiteropposition" und womöglich noch andere Gruppen dem Vergessen und mehren damit unsere historischen Kenntnisse. Doch die Frage, warum Stalin der Erbe Lenins wurde und nicht Trotzki oder ein Politiker der linken Opposition, können sie nicht beantworten.

Aus ihren Publikationen leuchtet die Abendröte:
Umfangreich und in regelmäßigen Abständen gedenken sie der "Geschichte der Arbeiterbewegung". Die Pariser Kommune, "Karl und Rosa" (Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg), der spanische Bürgerkrieg, Che Guevara und so weiter: Immer dieselben Stories von "Verrat" und "Niederlage".
Früher bemühten sie sich seitenlang, in jeder Frage den "Standpunkt des Proletariats" oder der Lohnabhängigen herauszuarbeiten. Heute hängen sich die Reste der ML-Bewegung als "Linke" und "Antikapitalisten" an jede Medien-Kampagne an, sei es Sexismus, Demokratie, Menschenrechte, Ökologie, Hartz IV, Arbeiterrechte, Tierschutz oder sonst was. Jede Sau helfen sie durchs Dorf zu treiben. Überall gibt's was "Emanzipatorisches" zu entdecken.

Den größten Teil ihrer Aktivität --- meistens die einzige Aktivität überhaupt --- bildet der "Antifaschismus". "Gemeinsam für Toleranz und Solidarität" --- damit ist die Sache schon hinlänglich charakterisiert.

In den letzten Jahren ist ("strömungsübergreifend") ein weiterer Themenbereich dazugekommen: Nachrufe auf verstorbene Mitglieder.