Zur Erinnerung an die Oktoberrevolution von 1917



Begräbnis Stalins. Erste Reihe: Chruschtschow, daneben Berija (der einzige mit einem europäischen Hut). Rechts hinter Chruschtschow Marschall Schukow. Der mit dem Schnurrbart hinter Berija und Chruschtschow ist Anastas Mikojan. Der unübersehbare Dicke vorne ist Malenkow, das provisorische Staatsoberhaupt. Daneben Kuusinen, Kaganowitsch und Bulganin. Dahinter Molotow.
Vier Monate später wird man Berija erschießen:
„Im März 1953 Innenminister der UdSSR geworden, begann der Angeklagte Berija die Machtergreifung und Errichtung einer konterrevolutionären Diktatur vorzubereiten und mit Macht seine Mitverschwörer in Schlüsselpositionen zu bringen.... Berija und seine Mitverschworenen schreckten nicht davor zurück, die Überreste bürgerlich–nationalistischer Elemente zu aktivieren.“ (Aus dem Todesurteil)
Malenkow, Molotow, Bulganin und Kaganowitsch versuchten 1958 Chruschtschow abzusetzen. Sie wurden aus der KPdSU ausgeschlossen, aber nicht mehr erschossen, sondern auf untergeordnete Verwaltungsposten versetzt oder in Rente geschickt. Kaganowitsch erlebte noch das Ende der UdSSR (Tod 1991, mit 98 Jahren).

Was war eigentlich sozialistisch an der Oktoberrevolution?

Wir beurteilen die französische Revolution nicht nach den Reden von Robespierre oder Saint-Just. Man sollte auch die russische Revolution nicht nach den Schriften Lenins oder Trotzkis beurteilen, sondern nach dem, was sie bewirkt hat -- genau so, wie es der historische Materialismus fordert und wie man es im Falle der französischen Revolution oder jeder andern auch tut.

Die russische Revolution hat

Die Bolschewiki bauten im Kampf gegen die imperialistischen Staaten Europas und die USA einen unabhängigen Nationalstaat auf.

Die Mittel zu diesem gewaltigen Sprung nach vorne wurden beschafft

Die wenigen sozialen Maßnahmen der Bolschewiki (Einführung eines Gesundheitssystems und einer Rentenversicherung) kamen --- zunächst jedenfalls --- nur einer Minderheit zugute. Die UdSSR war nie ein Sozialstaat; trotz der Sozialkürzungen in den westeuropäischen "Wohlfahrtsstaaten" und sozialpolitischer Verbesserungen in Russland unter der Regierung Putin liegt das russische Sozialsystem hinter Westeuropa zurück.

Die Oktoberrevolution war ohne Zweifel eine Revolution, nur keine "Arbeiterrevolution." Was in der Sowjetunion tatsächlich aufgebaut wurde, war nicht der Sozialismus, sondern der Kapitalismus. (Mit dem Abstreifen des "Marxismus" Ende der achtziger Jahre hat die russische Revolution zu sich selbst gefunden.)

Die Maßnahmen der Bolschewiki waren notwendig zum Aufbau des Kapitalismus in Russland, nicht des Sozialismus: Die Verstaatlichung der Industrie und des Außenhandels und Planwirtschaft ändern nichts an der kapitalistischen Produktionsweise. Sie sind aber notwendig zur Errichtung eines unabhängigen Nationalstaats.

Die russischen Sozialdemokraten, ob Menschewiki oder Bolschewiki, waren von ihrer sozialen und politischen Herkunft "Narodniki", bürgerliche Revolutionäre, die auf der Suche nach dem "revolutionären Subjekt" die Arbeiterklasse entdeckten. (Willy Huhn, Trotzki --- der verhinderte Stalin)

Lenin war kein Arbeiter, sondern Advokat, der Standardberuf des bürgerlichen Revolutionärs; die Führung der Bolschewiki (wie der Menschewiki) stammte durchweg aus dem Bürgertum. Daher kommt auch der relativ hohe Anteil von Juden in der russischen Sozialdemokratie, der Menschewiki wie der Bolschewiki, der den Rechten bis heute als Beweis der zionistischen Weltverschwörung dient.

Lenin war die --- erfolgreichere --- russische Entsprechung zu Kemal Atatürk, Pilsudski oder anderen nationalen Revolutionären.

Das heißt nicht, dass der Sozialismus in der Sowjetunion einfach ein Betrug, "Kulissenschieberei" war, wie der Linkskommunist Otto Rühle schon 1920 schrieb. Wäre Lenin nur ein Scharlatan gewesen, hätte er keinen Erfolg gehabt. Der deutsche Kommunist hatte nur eine andere "Agenda". Die Bolschewiki konnten auf Grundlage der russischen Produktionsverhältnisse keine andere als eine kapitalistische Sowjetunion aufbauen; die Alternative wäre gewesen, auf die politische Macht zu verzichten. Dazu waren weder die Bolschewiki noch die Menschewiki bereit; dafür hätten auch ihre Anhänger kein Verständnis gehabt.

Was für Russland Sozialismus bedeutete, war es für Westeuropa eben nicht.
Infolgedessen spalteten sich unablässig kommunistische Gruppen von der russlandtreuen „Kommunistischen Weltbewegung“ ab.
Die "Fehler", welche die kommunistischen Revolutionäre an der Politik Lenins oder Stalins feststellten, und die angeblich den Untergang des Sozialismus herbeiführten, waren natürlich keine Fehler, sondern Ausdruck von Klasseninteressen: den Interessen der herrschenden Klasse der Sowjetunion.

Diese Klasse hat mit der aus marxistischen Traktaten berüchtigten "Kapitalistenklasse" gemeinsam, dass sie von der Ausbeutung der Lohnabhängigen lebt. Der Unterschied besteht nur in der rechtlichen Ausgestaltung des Ausbeutungsverhältnisses.
Diese herrschende Klasse "Bürokratie" zu nennen, wie Trotzki und die Mehrzahl der Linksradikalen es getan haben, ist bereits eine Verharmlosung: Bürokraten sind keine Herrschenden, sondern Diener einer herrschenden Klasse. Die russischen Bolschewiki waren aber eine herrschende Klasse.
Die "Oligarchen", die nach westlicher Sprachregelung heute die russische Föderation beherrschen, sind nichts anderes als die ehemalige Komsomol-Führung, inzwischen natürlich ergänzt durch originäre "unkommunistische" Halsabschneider.

Natürlich war die russische Revolution ein Fortschritt. Wenn Russland heute ein entwickelteres Land ist als Brasilien oder Indien, dann hat es dies den Kommunisten zu verdanken.
Auch war die Herrschaft der Bolschewiki kein Einbruch der Barbarei in ein ansonsten konservativ-liberales Gemeinwesen, wie die heutigen Herren Russlands ihre Geschichte interpretieren.
Der berüchtigte Weißmeerkanal, dessen Bau Zehntausende das Leben kostete, geht auf einen zaristischen Plan zurück. (Der Zar hätte sich das allerdings nie leisten können.)
Das Lagersystem gab es schon unter dem Zaren, Stalin hat es nur ausgebaut. Auf den in dieser Hinsicht traditionsreichen Soloveckij-Inseln im Weißen Meer verwendeten die Bolschewiki ehemalige Weißgardisten als Wachpersonal. (Solschenizyn)
Das größte Kolonialmassaker der russischen Geschichte, die Tötung von 200 000 aufständischen Kasachen (1916), ist ein Werk des Zarismus, nicht der "Roten".

Ebensowenig war die russische Revolution ein gigantisches "Sozialexperiment des Westens" mit den armen Russen, wie die heutigen russischen Rechten behaupten, die von Lenin und Stalin ebensowenig wissen wollen wie die guten Deutschen von Adolf Hitler und Auschwitz, und doch auf ihren Schultern stehen.

Das allgemeine Starren auf Elend und Terror verstellt auch den Blick auf die Gründe der relativen inneren Stabilität der jungen UdSSR. Die alte Elite war tot oder im Ausland; Loyalität vorausgesetzt, stand zumindest in den ersten zwei Jahrzehnten des Bestehens der Sowjetunion jedem Befähigten der Aufstieg offen. "Niedere Herkunft", am besten aus der "Arbeiterklasse" oder der "Bauernarmut", war ja sogar ein Vorteil, in schroffem Gegensatz zum Zarismus mit seiner antiquierten Ständeordnung, aber auch zu den westeuropäischen Staaten. Das war wirklich revolutionär, wenn auch nicht von Dauer. Nirgendwo auf der Welt wurde (zunächst jedenfalls) das kapitalistisch-sozialdemokratische Versprechen von "Chancengleichheit" und "Freie Bahn dem Tüchtigen" mehr verwirklicht als in der Sowjetunion. Da konnte man schon über ein paar "Schattenseiten" hinwegsehen.

Der Versuch der leninschen und stalinschen Kommunisten, den Aufbau eines Nationalstaats als Sozialismus hinzustellen, führte dazu, dass das Ziel des Sozialismus völlig entstellt wurde. In den hochindustrialisierten Ländern führte er die Kommunisten in die Bedeutungslosigkeit. In Westdeutschland verschwand die KPD nach 1945 sang- und klanglos --- nicht nur als Organisation, sondern auch aus dem Bewusstsein der lohnabhängigen Bevölkerung. Die Schüler und Studenten, die Anfang der siebziger Jahre aus einer demokratischen Motivation heraus auf den Marxismus verfielen und die KPD wiederaufbauen wollten, stellten fest:

"Die Arbeiterklasse und das Volk in der Bundesrepublik (Deutschland) haben heute keinen klaren Begriff davon, was Sozialismus ist."(Programm und Statut des Kommunistischen Bundes Westdeutschland, Mannheim 1974)
Die ganz wenigen alten KPD-Mitglieder, die es in ihren Gründungen gab, waren Ende der 60er-Jahre bereits Exoten, "Gegenstand von Anbetung", wie es in einem Kritikpapier spöttisch hieß.

Primäre Ursache für das Verschwinden einer einstigen Massenpartei war eben keineswegs der Kalte Krieg und das KPD-Verbot, und auch nicht der "Verrat ehemaliger Kommunisten". Staatlicher Terror hat gegen wirkliche Volksbewegungen noch nie etwas ausgerichtet. Aber die Sowjetunion war keine Perspektive für die Arbeiter der fortgeschrittenen Industriestaaten.

Zwar ruft man auch heute noch vor den Schrecken des Kapitalismus immer wieder mal nach Verstaatlichung oder "Vergesellschaftung". Doch es wird nicht mehr gelingen, dies als eine andere Produktionsweise auszugeben.

In der "Dritten Welt" dagegen, in jenen Ländern also, deren Situation mit der Sowjetunion 1917 vergleichbar war, z. B. China, war die Sowjetunion noch lange ein Erfolgsmodell -- und ist es zum Teil noch heute. Wo der Marxismus--Leninismus nach dem II. Weltkrieg einen gewissen Masseneinfluss hatte, da handelte es sich um Länder der Dritten Welt: "Kurdistan", Nepal, Südindien, Peru, Kambodscha und so weiter. Eben weil es dort nicht um soziale, sondern um nationale Befreiung ging: Um die Errichtung eines unabhängigen Nationalstaats.

Lenin ist bis heute das große Vorbild aller nationalen Befreier der Dritten Welt. Was aber Lenin und Mao Zedong mit Mühe gelang, musste in kleineren Ländern mit geringeren Ressourcen scheitern.

Ralf Fücks, Thesen zur Entwicklung der Sowjetunion