Die Geschichte der Pinguine


Drei Freunde
"Die Geschichte jeder großen Nation ist eine Geschichte von Verbrechern, Dummköpfen und Narren." (Anatole France)

Aus dem Vorwort

Trotz der allgemein bekannten Vielfältigkeit meiner Interessen hat mein Leben nur ein Ziel: Ich schreibe die Geschichte der Pinguine. Daran arbeite ich hartnäckig, ohne mich von den häufigen und manchmal  unüberwindlich scheinenden Schwierigkeiten abschrecken zu lassen. Ich habe in der Erde gegraben, um dort verschüttete Denkmäler dieses Volkes zu entdecken. Steine waren die ersten  Bücher der Menschen. Ich habe jene Steine studiert, die man als die ersten Annalen der Pinguine ansehen kann. Ich habe Grabhügel durchwühlt; dabei habe ich nicht nur Beile aus Feuerstein und römische Münzen gefunden, sondern auch das Bild eines dicken Brillenpinguins, welcher versprach, dass einmal bessere Zeiten kommen würden.
Wie ein berühmter Denker sagte, ist die Geschichte jeder großen Nation eine Geschichte von Verbrechern, Dummköpfen und Narren. Pinguinien geht es damit nicht anders, doch wenn man diese Geschichte richtig versteht, kann man vielleicht noch weitere Lehren daraus ziehen...

Ich stellte mich bei einem Historiker vor, einem feinen alten Herrn, und erläuterte ihm mein Vorhaben.
”Ich möchte, verehrter Herr“, sagte ich zu ihm, ”Sie um ihren Expertenrat bitten. Ich gebe mir große Mühe, ein Geschichtswerk zu verfassen, aber es gelingt mir nicht.“

Er antwortete mir kopfschüttelnd:
”Wozu sollte man sich eine solche Mühe machen, mein guter Mann, und warum sollte man ein Geschichtswerk neu verfassen, wenn man nur die bekanntesten abschreiben braucht, wie es üblich ist?
Wenn Sie eine neue Sichtweise, eine originelle Idee haben, wenn Sie Menschen und Dinge in einem unerwarteten Aspekt darstellen, überraschen Sie den Leser. Und der Leser wird nicht gerne überrascht. Er sucht in einer Geschichte nur die Dummheiten, die er schon kennt. Wenn Sie versuchen, ihn zu belehren, fühlt er sich gedemütigt und wird böse.
Versuchen Sie nicht, ihn aufzuklären! Er wird schreien, daß sie seinen Glauben beleidigen.
Alle Historiker schreiben von einander ab. So ersparen sie sich Müdigkeit und vermeiden es, vermessen zu erscheinen. Machen Sie es genauso und seien Sie nicht originell. Ein origineller Historiker ist Gegenstand des Mißtrauens, der Verachtung und allgemeinen Ablehnung. Oder glauben Sie etwa, verehrter Herr, ich würde beachtet und geehrt, wie ich es werde, wenn ich in meine Bücher Neuheiten hineingebracht hätte? Was sind schon Neuheiten? Frechheiten!“

Er erhob sich. Ich dankte ihm und wollte zur Tür, als er mich zurückrief:

”Noch ein Wort. Wenn Sie möchten, daß Ihr Buch gut aufgenommen wird, lassen Sie darin keine Gelegenheit aus, die Tugenden zu feiern, auf denen jede Gesellschaft beruht: das Streben nach Reichtum und die Werte der Zivilgesellschaft, Toleranz, Menschenrechte, freie Konkurrenz und so weiter, Sie kennen das schon.
Vor allem: Verurteilen Sie die Gewalt! Loben Sie die Bescheidenheit und Friedfertigkeit der Armen, denn diese sind die Grundlage unserer sozialen Ordnung.

Achten Sie darauf, werter Herr, daß die Ursprünge des Eigentums und unserer Gesellschaftsordnung mit dem ganzen Respekt behandelt werden, den sie verdienen.
Und, ach ja: Lassen Sie bei passender Gelegenheit auch durchblicken, daß Sie an Gott glauben.

Unter dieser Bedingung werden Sie Erfolg haben.“

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