Aus dem Funken wird die Flamme schlagen.

Zur Erinnerung an den niederländischen Revolutionär Marinus van der Lubbe, der 1933 den Reichstag anzündete, 1934 von den Nazis hingerichtet und 1967 von der Bundesrepublik Deutschland zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt wurde.

Inhalt

1  Wer war van der Lubbe?
2  Deutschland, 1932/ 33
3  Die Tat
4  Die Verleumdung
5  `Gewissermaßen volkspädagogisch unwillkommen '


Aus dem Funken wird die Flamme schlagen.
(Motto der ,,Iskra'')


Die Führung besteht in der beispielhaften
Aktion, die durch ihre Verallgemeinerung
die Avantgarde beständig aufhebt.

(Rote Armee Fraktion, ,,Über den
bewaffneten Kampf in Westeuropa'', 1971)

Der Brand ist überhaupt nicht kompliziert.
Er lässt sich ganz einfach erklären. Aber
alles, was um ihn herum geschehen ist,
das ist etwas ganz anderes.

(Marinus van der Lubbe
vor dem Reichsgericht, 23. 11. 1933)

1  Wer war van der Lubbe?

Marinus van der Lubbe, geboren 1909 in Leiden, wo er auch den größten Teil seines Lebens verbrachte. ,,Proletarischer Herkunft'', könnte man im Jargon der Stalinschen Arbeiterbewegung sagen. Er absolvierte standesgemäß die Volksschule und wurde Maurer, vermutlich aus dem selben Grund, aus dem man auch heute noch Maurer wird: weil man da eben schnell relativ viel verdient. Und natürlich, weil er körperlich dazu geeignet war: Er war groß und kräftig. Aber nach zwei Arbeitsunfällen, bei denen Zementstaub die Hornhaut seiner Augen verätzt hatte, sah er so schlecht, daß er den Maurerberuf, der ihm eigentlich zusagte, nicht mehr ausüben konnte; der niederländische Staat gewährte ihm eine minimale Erwerbsunfähigkeitsrente. Mit 19 - zu Beginn der Weltwirtschaftskrise! - war van der Lubbe somit bereits Invalide und arbeitslos. Von seiner Rente und Gelegenheitsarbeiten mußte er von nun an seinen Lebensunterhalt bestreiten. (Die ,,Rente'' war nicht mehr als ein Zuschuss zum Lebensunterhalt.)
1927 hatte er sich der Kommunistischen Partei angeschlossen. Da lag es nahe, seine Arbeitslosigkeit zu politischer Tätigkeit zu nutzen. Er organisierte Arbeitslosendemonstrationen. Einige Zeit war er auch Leiter der Pioniere, der Jugendgruppe der KP.
Er gab auf eigene Faust eine Arbeitslosenzeitung heraus, mietete eine Lagerhalle, die er ,,Leninhaus'' nannte, wo seiner Vorstellung nach Arbeitslose und Arbeiter diskutieren und Aktionen planen sollten. Er wurde schnell bekannt in Leiden. Ein Polizeibericht erwähnt ihn als ,,selten frech''. Auch deshalb ist ,,sein Leben vor dem Reichstagsbrand ... überraschend gut dokumentiert'', wie sein Biograph Martin Schouten feststellt: Die Leidener Polizei hielt ihn für einen ,,gefährlichen Kommunisten.'' (Auskunft an den deutschen Kriminalkommissar Heisig 1933).

Als guter Schwimmer trainierte er trotz seiner Behinderung für einen Wettbewerb zum Durchschwimmen des Ärmelkanals. Mit dem Preisgeld wollte er seine politischen Projekte finanzieren. Der Plan war ziemlich optimistisch, aber keineswegs phantastisch. Wie man Zeitungsberichten entnehmen kann, wurde er durchaus als ernstzunehmender Bewerber angesehen. Doch das Unternehmen hätte ihn erst mal Geld gekostet: für Genehmigungen, ein Begleitboot, eventuell einen Masseur und so weiter - mehr als van der Lubbe aufbringen konnte.
Dann machte er sich auf, um Russland zu sehen, weil er wie viele seiner Zeitgenossen glaubte, dass es dort einen ,,Arbeiterstaat'' gäbe. Er bekam allerdings kein Visum, und so endete seine Reise in einem polnischen Gefängnis.
Jugend, Arbeitslosigkeit und Mittellosigkeit machten van der Lubbe mobil. 1931 reiste er durch das damalige Königreich Jugoslawien, Rumänien und Ungarn. (Eigentlich hatte er sogar vorgehabt, über Istanbul in die Sowjetunion zu gelangen.) Sein Reisetagebuch ist später von seinen Freunden veröffentlicht worden. Er reiste zu Fuß oder per Anhalter; übernachtet wurde in Obdachlosenheimen oder bei Bauern in der Scheune. Freunde schickten ihm seine Rente nach. Wenn er zurückgekommen war, berichtete er auf kleinen Veranstaltungen der Linkskommunisten oder im Freundeskreis von seinen Reisen. (Eine Reise nach Jugoslawien war damals durchaus noch etwas Besonderes und Berichtenswertes, zumal für einen gewöhnlichen Arbeiter.)
1932 trat er aus der KP aus, blieb jedoch politisch aktiv. Er las den ,,Pressedienst der Internationalen Kommunisten'' der ,,rätekommunistischen'' GIC (Gruppe Internationaler Kommunisten). In seinen Briefen beschäftigen ihn (außer dem Zustand seiner Schuhe und seiner Mundharmonika) immer wieder die Streiks und Demonstrationen der Arbeitslosen in den Niederlanden und ihre Auswirkungen auf das politische Bewusstsein der Arbeiterklasse.
Die Rätekommunisten waren eine Strömung innerhalb des (insbesondere westeuropäischen) Kommunismus, die Anfang der zwanziger Jahre aus den kommunistischen Parteien ausgeschlossen worden war. Sie lehnten den Parlamentarismus und den Führerkult der Kommunisten ab. Die Revolution ist keine Parteisache!, lautete der Titel eines programmatischen Aufrufs dieser Richtung. Die bewusste Massenaktion des Proletariats sollte den Kapitalismus zu Fall bringen.
Am nächsten stand van der Lubbe wohl der ,,Linken Arbeiteropposition'', einer zwischen Trotzkismus und Rätekommunismus stehenden winzigen Gruppe, die ihn später auch als einzige verteidigte.

2  Deutschland, 1932/ 33

,,Und der Pfaffe (Brüning) gab's dem Junker (von Papen) und der Junker gab's dem General (von Schleicher)...'' (Brecht), und am 31. Januar 1933 war endlich die Wende geschafft und die Staatsgewalt da, wo man sie haben wollte, in den Händen der Nazis.
*
Als der Ernstfall da war, kapitulierte die sogenannte ,,Arbeiterbewegung'': Kommunisten im Westen Deutschlands, die wegen Widerstandsaktionen gegen die Nazis über die grüne Grenze nach Frankreich oder ins Saarland geflohen waren, wurden von ihrer Partei wieder zurückgeschickt - das Exil war nur für die Parteifunktionäre gedacht.
,,Sie mussten aufs Geratewohl gehen, durch die Elendswochen des kurzen Exils noch zerschlissener, hungriger und ärmer, ohne sichere Papiere, ohne Geld, ohne Waffen, ohne Anleitung noch Ermutigung, noch bezeichnetes Ziel, sich blutenden Herzens über die Todesgrenze zurückschleichen ... Keiner wagte, nur mit einem Wort daran zu rühren, und es war deshalb nicht zu ersehen, wie viele unter denen, die zurückgingen, wie unter denen, die blieben, sich verurteilt fühlten in dem geheimen Prozess gegen van der Lubbe, den das Braunbuch neben dem öffentlichen gegen Hitler führte. ... Es galt nicht einen Schuldigen, sondern die Haltung des Aufständischen, der für die Sache von sich aus tut, was er von sich aus beschlossen hat, zu verurteilen, um nur noch Gehorsame zu dulden." (Glaser, Geheimnis und Gewalt)
Die tiefe Enttäuschung über die Passivität der KPD zieht sich durch alle Berichte von Kommunisten aus dieser Zeit, mal zornig, mal mehr resigniert, gleich auf welcher politischen Seite sie später standen.
,,Wir wollten kämpfen. Hunderttausende wollten kämpfen. In der Nacht vom 30. Januar saß ich gemeinsam mit anderen KPD-Mitgliedern in einem Berliner Keller; wir waren bewaffnet, und warteten auf das Signal zum Aufstand. Ich erinnere mich noch genau. Zwei Tage warteten wir damals auf einen Befehl der KPD-Führung. Aber nichts kam. Kein Befehl. Nichts. Versagt haben damals nicht die Tausende von Mitgliedern der KPD, sondern die Parteiführung.'' (Wälz)[9]
,,Das einzige, was ich in den entscheidenden Tagen hörte, waren die drei Worte: 'Was sagt Moskau?' ... Die Kommunistische Partei hat also in entscheidender Stunde bewiesen, dass ihre Existenz lediglich die Kräfte der Arbeiterbewegung geschwächt und eine kraftvolle besonnene Politik unmöglich gemacht hat. Sie hat den Reichstagsbrand nicht auf dem Gewissen, denn sie hatte gar nicht die Absicht, ein Fanal zu geben. Sie hat, als es galt zu handeln, den geschichtlichen Nachweis erbracht, dass sie keine Existenzberechtigung hat.'' (Maria Reese (1889 - 1958), MdR der SPD, ab 1929 der KPD, dann freie Mitarbeiterin der Nazi- ,,Anti-Komintern'', in einem Interview nach dem Krieg. (Podewin/Heuer[5], S.204))

3  Die Tat

Zu dieser Zeit kam Marinus van der Lubbe nach Berlin. Polizisten sah er genug und Hass gegen die Nazis auch, aber keinen Kampf.
,,Es gebe drei im Grunde verschiedene Arten von Aktionen:
1. könne eine Partei etwas unternehmen, das sei aber nicht geschehen. Die SPD, die KPD hätten Versammlungen abgehalten, diese seien zum Teil polizeilich verboten worden. Dann seien die Leute brav wieder nach Hause gegangen. Er finde, das sei keine Aktion.
2. Es könnten sich ein paar Leute zusammenfinden und etwas gemeinsam unternehmen. Damit habe er kein Glück gehabt. Es habe sich niemand gefunden, mit dem zusammen er etwas hätte unternehmen können.
So sei ihm also nur die dritte Möglichkeit geblieben, dass er auf eigene Faust vorging. Essen, Schlafen und in den Straßen herumlaufen, das sei ja schließlich auch keine Aktion.''
(K. Bonhoeffer/ J. Zutt, Über den Geisteszustand von Marinus van der Lubbe, nach Schouten[6], S. 225)
Hatte nicht auch Karl Liebknecht mitten im ersten Weltkrieg auf einem Bahnhof die Weltrevolution hochleben lassen, obwohl er dafür zunächst nur in den Bau gewandert war?
Hatte nicht der österreichische Sozialist Friedrich Adler den k.u.k.-Außenminister Graf
Stürgkh mitten im Parlament erschossen? Natürlich war er dafür zum Tod verurteilt worden, aber die Revolution hatte ihn amnestiert. Auch diese Taten hatte kein ZK gebilligt.
Warum sollte nicht ein holländischer Arbeitsloser zum Aufstand gegen die Nazis aufrufen?
Van der Lubbe war dazu bereit, und er hatte nichts zu verlieren.
Am 26. Februar 1933 abends brach Marinus van der Lubbe in das Reichstagsgebäude ein und zündete alles an, was brennbar war. Personenschaden gab es keinen zu beklagen, der Sachschaden war allerdings enorm; der ,,kleine schmutzige Holländer'' (so der saubere Gestapo-Chef Rudolf Diels in seinen Memoiren) hatte den Plenarsaal des Lügenpalastes abgefackelt.
Marinus van der Lubbe wurde am Tatort verhaftet.
Der Gestapo-Chef Rudolf Diels2 schreibt in seinen Erinnerungen:
,,Mit nacktem, verschmiertem Oberkörper saß er, schwer atmend, vor ihnen. Wie nach einer gewaltigen Arbeit flog sein keuchender Atem. Ein wilder Triumph lag in den brennenden Augen des blassen, ausgemergelten Gesichts. Ich saß ihm noch einige Male in dieser Nacht im Polizeipräsidium gegenüber und hörte seinen wirren Erklärungen zu. Ich las die kommunistischen Flugzettel, die er in seiner Hosentasche bei sich trug ...
Die freimütigen Geständnisse des Marinus van der Lubbe konnten mich gar nicht auf den Gedanken bringen, daß ein solcher Feuermichel, der sich so ausgezeichnet auf seine Narrheit verstand, Gehilfen brauchte. Warum sollte nicht auch ein Streichholz genügen, die feuerempfindliche kalte Pracht des Plenarsaales, die alten Polstermöbel und schweren Gardinen und den strohtrockenen hölzernen Prunk der Vertäfelungen in Brand zu setzen? Nun hatte dieser Spezialist einen ganzen Rucksack voller Anzündemittel verwendet.''
(Rudolf Diels, Lucifer ante portas. Es spricht der erste Chef der GeStaPo. Zitiert in: Richard J. Evans[1], Das Dritte Reich - Aufstieg, S.440)
Die Kommissare Zirpins und Heisig3, die ihn verhörten, kamen zu dem Ergebnis, daß van der Lubbe den Reichstag alleine, ohne Mittäter angezündet hatte.
,,Die Frage, ob van der Lubbe die Tat allein ausgeführt hat, dürfte bedenkenlos zu bejahen sein.
Die Ermittlungen, der objektive Tatbefund und die genauen Darstellungen des Täters selbst beweisen dies. (...)'' (Zirpins, Polizeibericht v. 3. März 1933)
Heisig räumte dies auch gegenüber einer holländischen Zeitung ein.
Eine solche Tat zu einer solchen Zeit bedurfte keiner Erklärungen, aber van der Lubbe legte vor der Polizei ausführlich seine Motive dar.
,,Bei den Vernehmungen hat er ferner immer versucht, in breiter Form seine kommunistischen Ideen zu entwickeln.(...)
Lubbe brennt auch sehr darauf, Zeitungen zu erhalten, um zu wissen, wie denn der Reichstagsbrand von dem Proletariat aufgenommen worden ist.'' (Polizeibericht, 3. März 1933, gez. Zirpins)
,,Er finde auch heute noch, dass er richtig gehandelt habe. (...) Er denke, überall in der Welt seien gesinnungsverwandte Menschen, ohne dass sie in einem organisierten Konnex ständen. Einzelne dieser gesinnungsverwandten Menschen könnten die gemeinsame Idee durch Aktionen fördern. So sei er ein 'Vorbild' für andere.'' (Bonhoeffer/ Zutt, Über den Geisteszustand von Marinus van der Lubbe)
,,Was er über die Motive seines Handelns angab, ließ erkennen, dass die Tat Ausdruck seiner rücksichtslos vorwärtsdrängenden kommunistischen Aktivität gewesen ist.'' (Bonhoeffer/ Zutt, Über den Geisteszustand ..)
Und so wurde seine Tat auch verstanden: In Moskau jubelten die deutschen Teilnehmer der ,,Leninschule'', in Amsterdam ließ eine Versammlung deutscher Emigranten van der Lubbe hochleben.4 In seiner Heimatstadt Leiden galt er, bis die Gegenpropaganda der Stalinschen Arbeiterbewegung einsetzte, als Volksheld.5
Die Nazis waren auf parlamentarischem Wege zur Macht gelangt. Mit dem Reichstag hatte van der Lubbe durchaus das richtige Gebäude angezündet.
*
Die KPD lag an der Leine Stalins und der setzte auf gutes Einvernehmen mit dem neuen starken Mann in Berlin. Sie wehrte sich deshalb nur defensiv gegen die Nazi-Regierung. Da sie den Reichstag nicht angezündet hatte, musste es sich um eine Provokation der Nazis handeln.
Die Nazis wussten auch, dass sie es nicht waren und vermuteten deshalb die Kommunisten hinter dem Brand.
Jede Seite hielt van der Lubbe für ein Werkzeug der andern. Für die Kommunisten wie für die Nazis war es gleichermaßen unvorstellbar, dass jemand ohne Auftrag, nur weil er es für politisch richtig hielt, zu einer solchen Tat fähig sei.
Hinzu kam, dass die Nazis, vor allem Hermann Göring, es nicht fassen konnten, dass ihnen der Sieg über ,,den Bolschewismus'' so mühelos zugefallen war. Daher hielten sie den Reichstagsbrand für den Beginn eines geplanten kommunistischen Aufstandes.
,,In dieser Nacht wurde die deutsche Armee in Bereitschaft versetzt. Man stellte Maschinengewehre vor den Kasernen auf. Öffentliche Gebäude, Eisenbahnlinien, Brücken und wichtige Betriebe wurden bewacht. Die Polizei besetzte die Druckereien linker Zeitungen, denen ein Publikationsverbot auferlegt worden war.''(Schouten[6], op. cit., S. 73f)
In den Arbeitervierteln Berlins herrscht eine unglaubliche Aufregung , berichtete der Berliner Korrespondent von Het Volk an jenem Dienstag. Tausende Arbeiter befinden sich auf der Straße und werden von der Polizei zusammengetrieben. Allgemein herrscht der Eindruck, daß die letzten Tage oder Stunden vor dem Bürgerkrieg angebrochen sind. (Schouten[6], op. cit., S. 75)
*
Hitler wollte van der Lubbe an Ort und Stelle aufhängen, aber Goebbels war für einen Schauprozess im Lichte der Weltöffentlichkeit gegen die ,,Kommune'', und auch der Reichspräsident fand, dass öffentliches Aufhängen ohne Urteil dem Ansehen des Staates abträglich sei.
So wurde van der Lubbe in aller rechtsstaatlicher Form der Prozess gemacht. Van der Lubbe bekam nicht nur einen Pflichtverteidiger, sondern das Gericht gab sogar ein psychiatrisches Gutachten bei zwei der bekanntesten und teuersten Psychiater Deutschlands in Auftrag.6
Damit der unabhängigen Justiz aber klar war, zu welchem Ergebnis sie gelangen sollte, erließen die Nazis ein maßgeschneidertes Gesetz (ironisch ,,Lex van der Lubbe'' genannt), das die Todesstrafe für Brandstiftung vorsah, und setzten es rückwirkend in Kraft.7
Als mutmaßliche Komplizen wurden verhaftet:
Ernst Torgler, der Fraktionsvorsitzende der KPD im Reichstag, weil er zufällig der letzte Kommunist gewesen war, der vor dem Brand das Reichstagsgebäude verlassen hatte, sowie drei führende Mitglieder der bulgarischen KP, die sich zufällig in Berlin aufhielten: Georgi Dimitroff,8 Blagoi Popoff und Vasil Taneff.
Die Kommunisten prophezeiten:
,,Und van der Lubbe wird alles gestehen, was seine Auftraggeber von ihm verlangen. Er wird gegen Torgler alles aussagen, was ihm seine nationalsozialistischen Auftraggeber vorschreiben. Er wird gegen Dimitroff alles aussagen, was gewünscht wird. Er wird jeden belasten, den seine nationalsozialistischen Freunde vernichten wollen. Er wird jeden entlasten, den seine nationalsozialistischen Freunde schützen wollen.'' (Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitlerterror, S.116)
Doch genau das war nicht der Fall. Van der Lubbe blieb dabei, keine Mittäter gehabt zu haben und die andern Angeklagten nicht zu kennen.
Die Russen zeigten Interesse an Georgi Dimitroff. Dieser kommunistische Held, der wusste, daß sein eigener Arsch nicht in Gefahr war9, zeichnete sich dadurch aus, daß er von den Nazi-Richtern die Hinrichtung seines Mitangeklagten van der Lubbe forderte.
Ernst Torgler sollte eigentlich für die Sache des Kommunismus als Märtyrer sterben, aber er wollte unbedingt weiterleben und nahm sich auf eigene Rechnung einen bürgerlichen Anwalt, der zwar ein Nazi war, aber seine Anwaltspflichten durchaus ernst nahm, und kam mit dem Leben davon.
*
Van der Lubbe wusste bald, dass er keine Chance mehr hatte. Er verweigerte jede Mitwirkung an dem Prozess. Mit dem Pflichtverteidiger, den das Nazi-Gericht ihm stellte, redete er den ganzen Prozess über kein einziges Wort.
Am 10. Januar 1934 wurde van der Lubbe guillotiniert. Seine Mitangeklagten mussten freigesprochen werden.
,,Von dem Attentat aufgeschreckt, hatten die beiden zukünftigen Vertragsparteien in dem bettelarmen, landfremden Brandstifter nur ein Werkzeug des andern sehen wollen und sich gegenseitig eines tückischen Anschlags bezichtigt. Aber keiner, der dem Reichsgericht wie auch im 'Gegenprozess' in London vorgebrachten Verdachtsgründe hatte die eine oder andere Beschuldigung zu erhärten vermocht. Der Angeklagte hatte, so wie er selber es hartnäckig versicherte, seine Tat allein begangen. Richter und Kläger beider Lager hatten sich zu der verschwiegenen Erkenntnis bequemen müssen, dass der Einfall eines 'hergelaufenen' halbblinden Maurers die geheimen Absichten zweier gewaltiger Machtgebilde durchkreuzt hatte.'' (Georg K. Glaser, Jenseits der Grenzen, S. 203 f. - Georg K. Glaser äußert die Vermutung, van der Lubbe habe mit seiner Tat unbeabsichtigt eine projektierte Annäherung zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion gestört, die dann erst 1938 Wirklichkeit wurde.)
*
Torgler kam trotz Freispruch ins Gefängnis. Er wurde 1935, noch in Haft, aus der KPD ausgeschlossen. Nach seiner Gefängniszeit blieb er in Deutschland; im Zweiten Weltkrieg wurde er Mitarbeiter eines gegen die Sowjetunion gerichteten NS-Propagandasenders (,,Radio Vineta''), um seinen Sohn vor der Strafkompanie zu bewahren. Nach 1945 war er ÖTV-Funktionär der mittleren Ebene und SPD-Mitglied. Er starb 1963.
Dimitroff, Popoff und Taneff wurden nach Moskau ausgeflogen. Drei antifaschistische Helden waren zwei zuviel. Nach ein paar Wochen kamen Popoff und Taneff in ein Straflager.
Vasil Taneff (1897-1941) kam 1936 ins Lager Kolyma, 1941 wurde er (angeblich) mit dem Fallschirm über Bulgarien abgeworfen, um eine Partisanenbewegung aufzubauen (?); dabei kam er ums Leben.
Blagoi Popoff (1902-1968) war von 1936-1954 im Lager; nach dem Tod Stalins durfte er nach Bulgarien ausreisen. Er war in untergeordneter Position im diplomatischen Dienst der VR Bulgarien tätig. (Quelle: Lazitch/ Drachkovitch, Biographical Dictionary of the Comintern.)
Dimitroff wurde der allgemein gefeierte Held der stalinschen Arbeiterbewegung und erster Ministerpräsident der Volksrepublik Bulgarien. Als solcher starb er 1949 bei einem Kuraufenthalt in der Sowjetunion, woran auch immer.
*
Die stalinschen Kommunisten und Sozialdemokraten beschuldigen van der Lubbe, den Nazis einen ,,Vorwand'' geliefert zu haben.
Als ob die Nazis keinen besseren Provokateur gefunden hätten als einen Holländer, der weder Mitglied der KPD noch einer andern stalinistischen Filiale war, wo doch so viele ehemalige ,,Rote Frontkämpfer'' und andere Söhne des deutschen Proletariats in ihre Reihen drängten. Und der sich außerdem weigerte, seine Rolle zu spielen und in den Tod ging, ohne die angeklagten Kommunisten ans Messer zu liefern.
Es ist billig, heutzutage zu ,,beweisen'', dass van der Lubbe die Lage falsch eingeschätzt hat. Denn jeder weiß, wie die Sache ausgegangen ist, auch wenn er sonst gar nichts weiß.

Es hätte auch anders kommen können. Knapp vier Wochen nach der Machtergreifung saßen die Nazis noch nicht fest im Sattel. Ein Arbeiteraufstand, selbst wenn er niedergeschlagen worden wäre, hätte ihre bürgerlichen Finanziers zumindest verunsichert. Es liegt nicht an van der Lubbe, dass seine Tat den Nazi-Gegnern nicht geholfen hat.
Weil die KPD nicht kämpfen wollte, versagte sie nicht nur van der Lubbe die Solidarität, sondern musste die aufkeimende Sympathie mit dem Attentäter ersticken.

4  Die Verleumdung

Stalins Kommunisten gründeten ein Komitee,10 das einen Gegenprozess in London initiierte. In aller Eile machte die Stalinsche Arbeiterbewegung aus einem ,,Proletarier'' einen ,,Lumpenproletarier'', aus einem Arbeiter einen Kleinbürger, denn sein Vater war (unter anderem) Hausierer, also Kaufmann gewesen.
Im Auftrag von Willi Münzenberg ,,recherchierte'' der Journalist Otto Katz (André Simone) in den Niederlanden. Diese Recherche bestand darin, für das ,,Braunbuch Reichstagsbrand und Faschismus'' eine Geschichte zu erfinden, die van der Lubbe mit den Nazis in Verbindung brachte.
Das war nicht einfach. ,,Wir hatten nichts außer der intuitiven Einsicht in die Denkweise unserer Gegner'' erinnert sich Arthur Koestler, damals Mitarbeiter Münzenbergs, in seiner Autobiographie. (Koestler[3], Abschaum der Erde)
Van der Lubbes Leben bot wenig Anhaltspunkte zur Diffamierung.
Freilich war er vorbestraft wegen kommunistischer Propaganda, Sachbeschädigung und Polizistenbeleidigung. Er hatte auch militant für die Rechte der Arbeitslosen gekämpft und einmal auch eine Demonstration angemeldet, die dann allerdings verboten wurde. Und er war sogar zeitweise Vorsitzender des Kinder- und Jugendverbands der Leidener Kommunistischen Partei gewesen. In diesem Sinne war van der Lubbe sogar stadtbekannt. Doch die Kommunisten konnten van der Lubbe ja schlecht vorwerfen, dass er Kommunist war.
Also machte Otto Katz gerade die Unbescholtenheit van der Lubbes zum Ausgangspunkt der Diffamierung.
Van der Lubbe hatte keine Frauengeschichten - das bewies, dass er schwul war.
Er war aus der CPH ausgetreten. Und in einer öffentlichen Diskussion hatte van der Lubbe sogar verlangt, dass man auch den Vertreter der holländischen Nazis ausreden lassen solle - da konnte man ja schon die politischen Vorlieben van der Lubbes erkennen!
Er unternahm weite Reisen - mangelnde Sesshaftigkeit!
Er plante den Ärmelkanal zu durchschwimmen - Geltungsdrang.
Jede Lebensäußerung van der Lubbes bewies seine biologische und moralische Minderwertigkeit. (Im ,,Braunbuch ...'' hätte Wallraff, der Enthüllungsjournalist der alten BRD, das historische Vorbild des Lumpenjournalismus der BILD-Zeitung finden können.)
Ernst Röhm, einer der führenden Nazis und Chef der SA, war bekanntermaßen homosexuell, und so machte Otto Katz aus van der Lubbe einen ,,Lustknaben'' des Naziführers. In München sei van der Lubbe von diesem oder jedenfalls einem aus seiner Umgebung mit viel Geld (,,50.000 Reichsmark!'') dazu gebracht worden, den Anschlag auf den Reichstag durchzuführen.
Dabei verstümmelte oder verschwieg Otto Katz die Zeugenaussagen, um aus van der Lubbe einen Schwulen zu machen. Da sagte einer aus, ,,er habe öfter mit van der Lubbe in einem Bett geschlafen, ohne etwas von Homosexualität zu bemerken.'' Katz ließ einfach den Nebensatz weg, und machte den Zeugen auch noch zum Schwulen. Oder er erfand auch einfach Zeugenaussagen, wie das ,,Rotbuch Marinus van der Lubbe und der Reichstagsbrand'' dokumentiert.[7] Nebenbei deutet Katz an, dass schon van der Lubbes Vater Syphilitiker gewesen sei. (,,... starb verhältnismässig jung an einer Krankheit, die er sich in den Kolonien geholt hatte''11)
Die Tat habe van der Lubbe nicht alleine vollbracht, sondern durch einen ,,unterirdischen Gang'' seien ein paar SA-Männer gekommen, um ihn zu unterstützen. (Das war exakt die selbe Geschichte, die auch Hermann Göring verbreitete, nur mit dem Unterschied, dass es bei diesem natürlich die Kommunisten gewesen waren, die durch den Gang kamen.)
Es versteht sich, dass eine faschistische Schwuchtel wie Marinus van der Lubbe nicht mutig in den Tod gehen darf. Also schrieb das Braunbuch, man habe van der Lubbe zur Hinrichtung schleifen müssen, er habe auf dem Weg gellend geschrien und gerufen ,,Nicht allein!''. Auch das ist frei erfunden.
Die Geschichte war absurd, wie selbst Koestler zugibt, aber sie wurde geglaubt, weil sie an sexuelle Vorurteile appellierte. Deshalb interessierte es auch niemand, dass van der Lubbes Freunde nachwiesen, dass dieser überhaupt nicht schwul und in seinem Leben nicht einmal 24 Stunden in München gewesen war und niemals Geld gehabt hatte. Ihr Gegenkomitee zur Untersuchung des Verbrechens der Kommunisten an van der Lubbe wurde kaum beachtet.
Aber gerade aufgrund dieses Appells an sexuelle Vorurteile waren auch viele Nazis im Stillen von der Darstellung des Braunbuchs überzeugt.12 Denn die Nazis waren natürlich Schwulenfeinde, und die ,,unglückliche Veranlagung'' (wie sich Diels in seinen Memoiren diskret ausdrückt) des Röhm - und der war noch ausgerechnet Duzfreund des Führers! - wurde schon immer als Schandfleck der Bewegung empfunden. Ein knappes halbes Jahr nach der Hinrichtung van der Lubbes war Röhm erschossen worden. Das hatte ganz andere Gründe, bestätigte aber in den Augen der homophoben Anhängerschaft der NSDAP auch die Geschichte des ,,Braunbuchs''. (,,Ganz ohne Grund wird man den schon nicht umgelegt haben.'')
Münzenberg hatte damit erreicht, dass die Richter sich mit den Behauptungen des Braunbuchs auseinandersetzen mussten, das sie offiziell gar nicht zur Kenntnis nehmen durften. Auch viele Nazis vermuteten, je länger der Prozess ging, Göring hinter dem Reichstagsbrand.
Was als Schauprozess gegen ,,die Kommune'' geplant war, begann das Ansehen seiner Regisseure in Mitleidenschaft zu ziehen. Daher (und weniger wegen des angeblichen Mutes des Dimitroff) die Wutausbrüche Görings und Göbbels vor Gericht.
Van der Lubbe starb, ohne von diesem Rufmord etwas zu erfahren. Seine private Korrespondenz wurde zensiert, er durfte keine ausländische und kommunistische Presse lesen, und die deutsche Presse verschwieg Münzenbergs ,,Braunbuch'' und die Enthüllungen des Londoner ,,Gegenprozesses''.
*
Im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess wurde Hermann Göring auch zum Reichstagsbrand befragt. Göring war klar: Wenn einem die Todesstrafe sicher war, dann ihm, mit oder ohne Reichstagsbrand. Er hatte viel schwerwiegendere blutige Verbrechen bereits zugegeben. Der Reichstagsbrand war da nur ein Detail, das keinen Einfluss auf sein Todesurteil haben konnte. Bei dieser ,,Gewalttat'' war schließlich kein Mensch ums Leben gekommen, sieht man mal von van der Lubbe ab. Im Gegensatz zu den Gewalttaten der folgenden Jahre.
Dennoch bestritt Göring weiterhin, gerade diese Tat in Auftrag gegeben zu haben. ,,Die Kommunisten seien sowieso dran gewesen; die Tat habe die Sache nur beschleunigt'' (Schouten)
*
Die Angehörigen van der Lubbes strengten in den sechziger Jahren in der BRD einen Prozess zur Rehabilitierung ihres Verwandten an. Nicht ohne Erfolg: Die Todesstrafe wurde für Unrecht erklärt und van der Lubbe - ,,schließlich hat er ja den Reichstag angezündet'', so der Richter - posthum zu acht Jahren Zuchthaus (das war noch vor der Strafrechtsreform) ,,verurteilt''.13
Einem Mann, der seit dreißig Jahren unter der Erde liegt, tut kein Urteil mehr weh.
Doch zu Recht fragt Schouten[6], warum man nicht zum Beispiel auch Graf Stauffenberg posthum wegen Mordes verurteilt, der doch als hoher Reichswehroffizier und Befürworter der Nazi-Kriegspolitik erhebliche Mitschuld an dem Regime trug, wenn er ihm schließlich auch zum Opfer fiel.
*
In den Niederlanden gilt van der Lubbe heute als Widerstandskämpfer. Die Stadt Leiden hat sogar eine Straße nach ihrem Sohn benannt. (Vorsichtshalber eine Sackgasse.)

5  ,,Gewissermaßen volkspädagogisch unwillkommen''

Als Simone Weil (1909 - 1943) (nicht zu verwechseln mit der 2017 verstorbenen Politikerin Simone Veil) 1934 bei einem Treffen linker Studenten bezweifelte, dass van der Lubbe ein Agent der Nazis gewesen sei, wurde sie behandelt, als hätte sie in einer katholischen Messe Gott gelästert:
,,Alle hatten mich empört und voller Verblüffung angeschaut, und nach einer geraumen Weile des Schweigens hatte jemand obenhin von anderen Dingen zu reden begonnen, als ob meine Bemerkung zu skandalös gewesen sei, um auf sie einzugehen.'' (zitiert bei Charles Jacquier, Der ,,Weg der Wahrheit''. André Prudhommeaux und der Reichstagsbrand. In: Archiv für die Geschichte des Widerstands und der Arbeit 20)
Es waren nur einzelne, die die stalinistische Legende nicht glaubten. In Frankreich etwa der Rätekommunist André Prudhommeaux (der noch in den fünfziger Jahren für die Rehabilitation van der Lubbes eintrat), der Anarchist Joseph Barbé, Boris Souvarine, Mitbegründer des PCF und ehemaliges Präsidiumsmitglied der Komintern und der nach Frankreich emigrierte deutsche Kommunist Georg K. Glaser. In den USA wies der deutsch-amerikanische Rätekommunist Paul Mattick darauf hin, dass ein agent provocateur sich ganz anders verhalten hätte: ,,Ein Wort hätte genügt, um Dimitroff und Torgler ans Messer zu liefern. Doch van der Lubbe schwieg.''
Auch von den niederländischen Rätekommunisten war nur ein Teil mit van der Lubbe solidarisch. Der bekannteste Rätekommunist der Niederlande, Anton Pannekoek, distanzierte sich von van der Lubbe. (,,Persönliche Tat'', ,,Zerstörung als Mittel im Kampf'', März 1933[4]) Er tat so, als sei van der Lubbes Tat nicht gegen den Faschismus, sondern gegen die ,,bürgerliche Kultur'' im allgemeinen gerichtet und sprach sich gegen ,,Zerstörung'' aus.14
In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg galt zunächst bei Kommunisten wie bei ehemaligen Nazis das Braunbuch als historische Wahrheit.
Die Braunbuch - (Haupt-)Autoren konnte man nicht mehr viel fragen: Münzenberg wurde schon 1940 umgebracht, Otto Katz wurde nach 1945 vorübergehend Minister in der Tschechoslowakei und 1952 aufgehängt. (,,Slansky-Prozess'')
Nachdem allerdings eine Reihe von Mitarbeitern Münzenbergs (Koestler, Groß, Buber-Neumann, Regler) die Reihen des stalinschen Proletariats verlassen und ihre Erinnerungen veröffentlicht hatten, wurde die KPD-Geschichte von Röhms homosexueller Beziehung zu van der Lubbe stillschweigend fallengelassen. Nicht jedoch die These, van der Lubbe habe in irgendeiner, noch nicht bekannten Weise im Solde der Nazis gestanden.
Als Fritz Tobias in seinem Buch ,,Der Reichstagsbrand - Legende und Wirklichkeit'' von der Alleintäterschaft van der Lubbes ausging, löste er damit einen Historikerstreit aus, der sich durch die sechziger und siebziger Jahre zog und mit der Heftigkeit eines Glaubenskriegs geführt wurde: mit Leserbriefen (vorwiegend an den SPIEGEL), Dienstaufsichtsbeschwerden, Strafanzeigen und Gegenstrafanzeigen. Ich will das nicht nachzeichnen.
Eine seltsame Aktionseinheit von stalinschen Kommunisten, die verhindern wollten, dass ein Schatten auf ihren antifaschistischen Kampf und die Heldenrolle Dimitroffs fallen würde, und dezidiert konservativen Professoren wie Walther Hofer (Herausgeber einer weit verbreiteten Dokumentensammlung zur Geschichte des Dritten Reiches) und Golo Mann bekämpfte das Buch von Tobias.
Zur Aufrechterhaltung der kommunistischen Reichstagsbrandlegende wurde eigens in Luxemburg ein Komitee gegründet15: mit dem eher dubiosen kroatischen Journalisten Edouard Calic, Professor Walther Hofer und Golo Mann. 1978 stellte sich heraus, dass das ,,Ernst-Testament'', das Oberfohren-Memorandum und andere wesentliche Dokumente, auf die sich das Luxemburger Komitee gestützt hatte, Fälschungen waren.
Nach dem Ende der DDR durchstöberten die Historiker vergebens die Akten des Reichsgerichts Leipzig auf der Suche nach der ,,Fernsteuerung'' des van der Lubbe.
,,Lubbes Alleintäterschaft, fand Golo Mann, sei sozusagen volkspädagogisch unwillkommen. '' (Wiegrefe[11])
Es geht Golo Mann dabei nicht um das, was das Volk aus dem Fall van der Lubbe lernen soll, sondern um das, was es nicht lernen soll: Und die Erkenntnis, dass van der Lubbe sogar hätte Erfolg haben können, wäre in der Tat manchem Volkspädagogen unwillkommen.
Deshalb musste der Reichstagsbrand in ein parapsychologisches Mysterium verwandelt werden.
,,Eine Rolle spielte auch der Hypnotiseur Erik-Jan Hanussen. Er soll kurz vor dem Reichstagsbrand mit van der Lubbe zusammengetroffen sein und ihn dabei in den Trancezustand des Pyromanen versetzt haben - so schilderte es jedenfalls 1935 Walter Korodi, der vor seiner Emigration in die Schweiz Leiter der nationalen Abwehrstelle gegen bolschewistische Umtriebe war.''(Wilfried Kugel)
-->

Verwendete Literatur

[1]
Evans, Richard J.: Das Dritte Reich. Aufstieg. Deutsche Verlags-Anstalt, 2004.
[2]
Fischer, Ruth: Stalin und der deutsche Kommunismus. Dietz-Verlag, 1991.
[3]
Koestler, Arthur: Autobiographische Schriften. In zwei Bänden: Frühe Empörung/ Abschaum der Erde. Büchergilde Gutenberg, Frankfurt/ Main, 1993.
[4]
Pannekoek, Anton: Arbeiterräte. Texte zur sozialen Revolution. Germinal, 2008.
[5]
Podewin, Norbert/ Heuer, Lutz: Ernst Torgler - Ein Leben im Schatten des Reichstagsbrandes. trafo - Verlag Berlin, 2006.
[6]
Schouten, Martin: Marinus van der Lubbe. Eine Biographie. Verlag Neue Kritik, 1999.
[7]
Soer, Josh van: Marinus van der Lubbe und der Reichstagsbrand. Edition Nautilus, 1983.
[8]
Tobias, Fritz: Der Reichstagsbrand. Legende und Wirklichkeit. Grote - Verlag, Rastatt, 1962.
[9]
Wälz, Christoph: ... um das Reich zu retten. Zum Charakter des bürgerlichen Widerstandes gegen den Faschismus. sozialismus.info Magazin für marxistische Theorie und Praxis., 1(1):26 - 31, Frühjahr/ Sommer 2005.
[10]
Wehner, Herbert: Zeugnis. Persönliche Notizen 1929 - 1942. Kiepenheuer & Witsch, 1984.
[11]
Wiegrefe, Klaus: Flammendes Fanal. Der Spiegel, (15/2001):38-39.

Anmerkungen

1 Herbert Wehner, der damals in Deutschland als Kommunist den antifaschistischen Widerstand zu organisieren suchte, beschreibt dies in seinen Lebenserinnerungen[10]:
,,In den Reihen der sogenannten Berufsparlamentarier der Partei, d. h. jener Abgeordneten der Partei, die als Sachbearbeiter in den Fraktionen des Reichstags und des preußischen Landtags tätig waren, herrschte die Auffassung, daß die Partei noch längere Zeit legal oder zumindest halblegal werde existieren können. Kasper vertrat diese Auffassung besonders hartnäckig; er glaubte sie bestätigt, als die Naziabgeordneten im Landtag nicht sofort nach dem 30. Januar alle parlamentarischen Regeln außer Kraft gesetzt hatten. Torgler bekannte sich ebenfalls zu dieser Auffassung und meinte wiederholt, die Gefahren würden übertrieben. Pieck machte sich geradezu einen Spaß daraus, in seinem Arbeitszimmer im Landtag zu sitzen und damit zu prahlen, daß er dies tue.''(Herbert Wehner[10], Zeugnis. S. 71f)
,,An diesem Abend (dem Abend des Reichstagsbrandes, B. K.) traf ich bei Aschinger am Bahnhof Friedrichstraße mit Wilhelm Koenen, Ernst Torgler und Bruno Peterson zusammen. Meine Absicht war, Torgler darauf aufmerksam zu machen, daß er irre, wenn er dem eben zum Chef der Geheimen Staatspolizei ernannten Regierungsrat Diehls (sic!) vertraue. Torgler war nicht von der Auffassung abzubringen, daß Diehls ein politisch linksstehender Mann sei. Während ich nachzuweisen suchte, daß Diehls Torglers Umgang suche, um Nachrichten herauszulocken und Torgler und die Partei in Sicherheit zu wiegen, behauptete Torgler, Diehls habe erst vor wenigen Tagen bewiesen, daß er es ehrlich meine, indem er ihn darauf aufmerksam gemacht habe, daß es zweckmäßig sei, die Sammler für den Wahlfonds der Partei von den Straßen zurückzuziehen. Unmittelbar darauf sei ein Erlass erschienen, der die polizeiliche Festnahme der Sammler der KPD anordnete. Diehls habe mit seiner Warnung ein übriges Mal gezeigt, daß er der Partei helfen wolle. Meine Entgegnung, daß diese Warnung billig gewesen sei, wenn damit erreicht wurde, daß Leute wie Torgler dem Diehls Vertrauen entgegen bringen, verfing nicht.'' (Wehner[10], S. 76)
Aufschlußreich für die Mentalität des Führungspersonals der KPD ist die Episode mit dem KPD-Funktionär Creutzburg, der von der Partei für seine illegale Tätigkeit eine Entschädigung verlangte. Als Wehner dies ablehnte, ,,brach er aus: Wenn ihr die verdienten Funktionäre so behandelt, daß sie um 50 Mark betteln müssen, verstehe ich, wie sie zu Spitzeln werden. '' (Wehner, S. 107f)
2 Dr. jur. Rudolf Diels war zur Zeit der Weimarer Republik führender Kommunistenbekämpfer bei der politischen Polizei in Preußen unter Innenminister Severing/ SPD. Als solcher wurde er auch von den Nazis übernommen. (Dasselbe gilt auch für seine Kollegen Zirpins und Heisig.) Diels war nebenbei auch an dem Intrigenspiel zur Machtübergabe an die Nazis beteiligt gewesen. Er wurde Mitbegründer und erster Chef der GeStaPo, obwohl formal erst ab 1937 Mitglied der NSDAP. Er war auch beteiligt an der Erschießung des Mörders von Horst Wessel und an der Vertuschung dieses Mordes. Nach dem gescheiterten Staatsstreich vom 20.07. 1944 wurde er verhaftet, doch auf Intervention Görings (er war mit einer Cousine Görings verheiratet) wieder freigelassen. Bei den Nürnberger Prozessen sagte er als Zeuge aus. Er selbst berief sich darauf, Severing, Paul Löbe und in gewissem Maße auch Ernst Torgler geschützt zu haben. Er wurde nicht verurteilt, konnte aber in der BRD nicht mehr an seine Karriere anknüpfen. Er wurde ,,Beamter zur Wiederverwendung'', eine Art Vorruhestand bei vollem Gehalt für jene ehemaligen führenden Staatsdiener, die nicht als Kriegsverbrecher verurteilt worden waren, die man aber auch nicht mehr dabei haben wollte.
In der Affäre Otto John (erster Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, 1955 unter mysteriösen Umständen in die DDR entführt (?) und in der BRD des Landesverrats angeklagt) verfasste er, vielleicht um wieder in Amt und Würden zu kommen, eine öffentliche Broschüre gegen den Emigranten John, was ihn jedoch auch in konservativen Kreisen desavouierte und sein politisches Aus besiegelte.
1957 starb er bei einem ,,Jagdunfall''.
3Dr. jur. Walter Zirpins wurde im Zweiten Weltkrieg Polizeipräsident von Lodz und war als solcher zuständig für die Partisanenbekämpfung und ethnische Säuberung. Er war für so manchen Mord und Totschlag verantwortlich, aber obwohl er Antisemit war, konnte ihm eine Beteiligung an der Deportation der Juden von Lodz nicht nachgewiesen werden: Just zu jener Zeit hatte ihm der Führer eine andere Aufgabe anvertraut. Somit stand seiner Polizeikarriere in der BRD nichts im Wege, auch wenn die Volksrepublik Polen seine Auslieferung als Kriegsverbrecher forderte. Anfang der fünfziger Jahre war er bereits wieder Kriminalrat. Zirpins erwarb sich Verdienste beim Aufbau der Polizei Niedersachsens und verfasste ein Handbuch über Wirtschaftskriminalität. Er starb in den siebziger Jahren.
4 ,,In Köln, wo der Karneval in vollem Gang war, nahm eine anarchistische Gruppe den Brand zum Anlass, besonders ausgiebig zu feiern.
Deutsche Kommunisten, die in Moskau die Leninschule besuchten, fassten sich bei den Händen, als sie die Nachricht hörten, tanzten im Kreis herum und riefen immerzu: Der Reichstag brennt, der Reichstag brennt!'
In Amsterdam brach ein Saal voller Linkssozialisten in Jubel aus, als er die Botschaft erhielt: Genossen, gute Nachrichten aus Deutschland! Der Reichstag brennt!' '' (Schouten [6], S.73)
5 ,,Du warst in den Augen der Proleten ein Gott, ... Jeder kannte Dich, Du warst schon immer ein Held usw., usf. In diesem Rausch rannte die Masse in Leiden herum, trunken vor Sensation. Das dauerte, bis dreißig Mann am Abend ein Extrablatt der Tribune auf der Straße verkauften. Die CPH wußte sofort, daß es sich um eine Provokation der Nazis handelte.'' (Simon Harteveld, Brief an Marinus van der Lubbe, nach Schouten[6]), op. cit., S. 76)
6 Die Aufgabe der Psychiater Bonhoeffer (Vater des Theologen und späteren Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer) und Zutt war heikel: Sie konnten van der Lubbe nicht für geisteskrank erklären, denn er musste ja verurteilt werden. Ebensowenig konnten sie aber den Urheber einer solchen Tat gegen das neue Deutschland für geistig vollkommen normal befinden. Und natürlich hatten die doctores keine Lust, wegen allzugroßer Ehrlichkeit selbst im KZ zu landen.
7 ,,Der Reichsminister des Innern (Frick) kam auf den Reichstagsbrand und die Bestrafung der Täter zu sprechen... Zwar sehe das geltende Recht für Brandstiftung nur Zuchthausstrafe vor, jedoch müsse es möglich sein, mit rückwirkender Kraft für ein derart abscheuliches Verbrechen Todesstrafe durch Erhängen festzusetzen. Der Satz nulla poena sine lege dürfe nicht unbeschränkt gelten. In diesem Sinne hätten auch die Herren Professor Dr. Nagler (Breslau), Professor Dr. von Weber (Jena) und Professor Dr. Ötker (Würzburg) ein Gutachten abgegeben. Der Reichsminister des Innern trug sodann den Inhalt des beiliegenden Gutachtens vor.
Der Reichskanzler betonte, daß es auch nach seiner Auffassung dringend geboten sei, van der Lubbe zu hängen. Die deutsche Öffentlichkeit erwarte das unbedingt. Er könne die Doktrin: 'Recht muß Recht bleiben' nicht anerkennen, wenn das ganze staatliche Leben darüber zugrunde gehen müsse.
...
Reichskommissar Dr. Popitz führte aus, er habe die Besorgnis, daß das Reichsgericht die Rechtsgültigkeit einer Verordnung, die mit rückwirkender Kraft die Todesstrafe festsetze, nicht anerkennen werde. Der Reichskanzler erklärte, daß er mit dem Reichsgerichtspräsidenten in dieser Hinsicht Fühlung nehmen wolle...''
(Niederschrift über die Ministerbesprechung am 7. März 1933 nachm. 4.15 Uhr in der Reichskanzlei, nach Tobias[8], S. 626)
8Man verwechselte Georgi Dimitroff mit einem Namensvetter, der in den zwanziger Jahren fast die gesamte bulgarische Regierung mit einem Bombenattentat ins Jenseits befördert hatte. Von Dimitroffs Funktion in der Komintern (Beauftragter für Westeuropa) nahm die Polizei merkwürdigerweise (oder auch nicht merkwürdigerweise) keine Notiz.
9 ,,Im Jahre 1947 traf ich eine andere wichtige Persönlichkeit aus diesem Prozess, Ernst Torgler, mit dem ich die Gerüchte, die ich in Moskau gehört hatte, eingehend erörterte. (... ) Er sagte, dass Dimitroff ganz unerwartet außergewöhnlichen Mut zeigte, dem Prozeß in bester Stimmung optimistisch entgegensah und keinen Augenblick daran zweifelte, daß man sie freilassen und für unschuldig erklären würde. Dimitroff wurde von den Gefängniswächtern mit großem Respekt behandelt und genoß Privilegien, die keinem der anderen Gefangenen gewährt wurden; er durfte Besuch empfangen, seine Verteidigung vorbereiten, erhielt gutes Essen und wurde im Gegensatz zu den andern Gefangenen während der Haft nicht in Fesseln gehalten. Torgler bestand in meiner Gegenwart darauf, dass Dimitroff von einem zwischen Moskau und Berlin getroffenen Abkommen zu wissen schien. Das hört sich vielleicht phantastisch an, es unterstreicht jedoch, wie leicht es in diesem Zeitalter der Massenpropaganda, billiger Parteiauswahlen und populärer Ausschmückungen ist, schwarz zu weiß und weiß zu schwarz zu machen, einer Lüge dauerhaften Bestand zu geben (und sie in die Geschichte eingehen zu lassen), aus einem Schwächling einen Helden zu machen und eine legendäre Persönlichkeit zu schaffen....'' (Bob Edwards, Führer der Independent Labour Party, in ,,News Chronicle'', 11. Juli 1949. Zitiert nach Ruth Fischer[2], op. cit., S. 337f)
10Prominente liberale Menschenfreunde lieferten ihren guten Namen und schöne Reden, die Kommunisten machten die Organisationsarbeit. ,,Der `Londoner Gegenprozess' war unser einziger großer propagandistischer Erfolg gegen die Nazis vor dem Krieg'', schreibt Koestler.
George Bernard Shaw verdient Erwähnung, weil er die Mitarbeit ablehnte: ,,Wenn ein Mensch benutzt werden soll, um auf ein politisches System einzuschlagen, kann das nur zum Nachteil des Menschen ausgehen.'' (Tobias)[8]
11Was wird das wohl für eine Krankheit gewesen sein`? Natürlich war jedem Niederländer bekannt, ,,daß es für den gemeinen Soldaten in Niederländisch-Indien nicht viel mehr zu holen gab als den Wilhelmsorden und die Syphilis.'' (,,Roodboek. Van der Lubbe en de rijksdagsbrand'', S.54 [7]) - Syphilis war damals (noch mehr als heute) nicht einfach eine Krankheit, sondern auch ein soziales Stigma. Selbstverständlich war das frei erfunden, es sollte damit eine erbliche Vorbelastung angedeutet werden.
12Gisevius' Buch (,,Bis zum bitteren Ende'') dürfte in diesem Punkt einfach die allgemeine Meinung in den Reihen der Nazipartei ausschmücken.
13Auch dieses Urteil ist inzwischen (2008) aufgehoben. Van der Lubbe gilt nun, da alle Hinterbliebenen tot sind und die Gerechtigkeit nichts mehr kostet, auch offiziell nicht mehr als Verbrecher.
14Als prominentester Rätekommunist musste der Professor für Astronomie Pannekoek allerdings befürchten, als Hintermann oder Anreger van der Lubbes in den Prozess verwickelt zu werden. Deutschland war nahe. - Der relativ unbekannte Werkzeugmacher Paul Mattick aus Chicago hingegen war weit ab vom Schuss.
15Ehrenpräsident sollte Willy Brandt werden, aber der lehnte ab. Schließlich machte es Horst Ehmcke.



File translated from TEX by TTH, version 4.09.
On 17 Jul 2017, 06:43.