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Wir beurteilen die französische Revolution nicht nach
den Reden von Robespierre oder Saint-Just. Man sollte auch die russische
Revolution nicht nach den Schriften Lenins oder Trotzkis beurteilen, sondern
nach dem, was sie bewirkt hat -- genau so, wie es der historische
Materialismus fordert und wie man es im Falle der französischen Revolution
oder jeder andern auch tut.
Die russische Revolution hat
- - die Akkumulation von Kapital forciert
- - die Ausbeutung der Arbeiterklasse, d. h. die Lohnarbeit,
intensiviert und ausgeweitet
-
- - durch direkte
und indirekte Lohnsenkung
- - durch die
Einbeziehung von Frauen in die Lohnarbeit
(erzwungen durch Lohnsenkung)
(Dies fand auch die Anerkennung
westlicher Experten. "So war inzwischen
eine zunehmende Zahl von
Familienmitgliedern --- vor allem Frauen
--- erwerbstätig, so dass das
Familienbudget entsprechend aufgebessert
wurde."[R. Lorenz, Die Sowjetunion,
FWG 31, S. 353])
- - durch
Zwangsarbeit
- - durch die
Zerstörung vorkapitalistischer
Produktionsweisen:
- - Verwandlung von
Bauern in Lohnarbeiter
- -
gewaltsame Sesshaftmachung der Nomaden
und Halbnomaden Sibiriens und
Turkestans
Die Bolschewiki bauten im Kampf gegen die
imperialistischen Staaten Europas und die USA
einen unabhängigen Nationalstaat auf.
Die Mittel zu diesem gewaltigen Sprung nach vorne
wurden beschafft
- durch die Enteignung des Adels, der Kirche
und - wesentlicher Antrieb des Antikommunismus -
des ausländischen Kapitals. (Was es im
zaristischen Russland an großem industriellem
Kapital gab, war in der Hand des Auslands.
(Lenin))
- durch Nichtzahlung der Staatsschulden des
Zarismus
- durch die Verstaatlichung des Außenhandels
und somit die Trennung des Landes von der
"Weltwirtschaft" der USA und Westeuropas.
Einen Eindruck der Lage der Arbeiterklasse in der UdSSR gibt
der "Dezist" Timofej W. Sapronow, ehemaliges Mitglied des ZK
der SDAPR(B), "Die Agonie einer kleinbürgerlichen Diktatur" (1932)
und sein Brief über die Forderungen der Kommunisten der UdSSR (1929).
Die wenigen sozialen Maßnahmen der Bolschewiki, zum Beispiel die
Einführung eines Gesundheitssystems und einer Rentenversicherung
nach deutschem oder westeuropäischen Vorbild, kamen --- zunächst jedenfalls ---
nur einer Minderheit zugute. Die UdSSR war nie ein Sozialstaat; trotz
der Sozialkürzungen in den westeuropäischen "Wohlfahrtsstaaten" und
sozialpolitischer Verbesserungen in Russland unter der Regierung Putin
liegt das russische Sozialsystem hinter Westeuropa zurück. (Ob das
anno 2024 noch stimmt, ist eine offene Frage.)
Die Oktoberrevolution war ohne Zweifel eine Revolution, nur keine
"Arbeiterrevolution." Was in der Sowjetunion tatsächlich
aufgebaut wurde, war nicht der Sozialismus, sondern der
Kapitalismus. (Mit dem Abstreifen des "Marxismus" Ende der achtziger
Jahre hat die russische Revolution zu sich selbst gefunden.)
Die Maßnahmen der Bolschewiki waren notwendig zum Aufbau des Kapitalismus
in Russland, nicht des Sozialismus: Die Verstaatlichung der Industrie und
des Außenhandels und Planwirtschaft ändern nichts an der kapitalistischen
Produktionsweise. Sie sind aber notwendig zur Errichtung eines unabhängigen
Nationalstaats.
Die russischen Sozialdemokraten, ob Menschewiki oder Bolschewiki, waren
von ihrer sozialen und politischen Herkunft "Narodniki", bürgerliche
Revolutionäre, die auf der Suche nach dem "revolutionären Subjekt" die
Arbeiterklasse entdeckten. (Willy Huhn, Trotzki --- der verhinderte Stalin)
Lenin war kein Arbeiter, sondern Advokat, der Standardberuf des
bürgerlichen Revolutionärs; die Führung der Bolschewiki (wie der
Menschewiki) stammte durchweg aus dem Bürgertum. Daher kommt auch der
relativ hohe Anteil von Juden in der russischen Sozialdemokratie, der
Menschewiki wie der Bolschewiki, der den Rechten bis heute als Beweis der
zionistischen Weltverschwörung dient.
Lenin war die --- erfolgreichere --- russische Entsprechung zu Kemal
Atatürk, Pilsudski oder anderen nationalen Revolutionären.
Das heißt nicht, dass der Sozialismus in der Sowjetunion einfach ein Betrug,
"Kulissenschieberei" war, wie der Linkskommunist Otto Rühle schon 1920 schrieb.
Wäre Lenin nur ein Scharlatan gewesen, hätte er keinen Erfolg gehabt. Der
deutsche Kommunist hatte nur eine andere "Agenda". Die Bolschewiki
konnten auf Grundlage der russischen Produktionsverhältnisse keine andere als
eine kapitalistische Sowjetunion aufbauen; die Alternative wäre gewesen, auf die
politische Macht zu verzichten. Dazu waren weder die Bolschewiki
noch die Menschewiki bereit; dafür hätten auch ihre Anhänger kein Verständnis
gehabt.
Was für Russland Sozialismus bedeutete, war es für Westeuropa eben nicht.
Infolgedessen spalteten sich unablässig kommunistische Gruppen von der
russlandtreuen „Kommunistischen Weltbewegung“ ab.
Die "Fehler", welche die kommunistischen Revolutionäre an
der Politik Lenins oder Stalins feststellten, und die angeblich den
Untergang des Sozialismus herbeiführten, waren natürlich keine Fehler,
sondern Ausdruck von Klasseninteressen:
den Interessen der herrschenden Klasse der Sowjetunion.
Diese Klasse hat mit der aus marxistischen Traktaten berüchtigten
"Kapitalistenklasse" gemeinsam, dass sie von der Ausbeutung der
Lohnabhängigen lebt. Der Unterschied besteht nur in der rechtlichen
Ausgestaltung des Ausbeutungsverhältnisses.
Diese herrschende Klasse "Bürokratie" zu nennen, wie Trotzki und die
Mehrzahl der Linksradikalen es getan haben, ist bereits eine Verharmlosung:
Bürokraten sind keine Herrschenden, sondern Diener
einer herrschenden Klasse.
Die "Oligarchen", die nach westlicher Sprachregelung heute die
russische Föderation beherrschen, sind nichts anderes als die
ehemalige Komsomol-Führung, inzwischen natürlich ergänzt durch
originäre "unkommunistische" Halsabschneider.
Natürlich war die russische Revolution ein Fortschritt.
Wenn Russland heute ein entwickelteres Land ist als
Brasilien oder Indien, dann hat es dies den Kommunisten
zu verdanken.
Auch war die Herrschaft der Bolschewiki kein Einbruch der Barbarei
in ein ansonsten konservativ-liberales Gemeinwesen, wie die heutigen
Herren Russlands ihre Geschichte interpretieren.
Der berüchtigte Weißmeerkanal, dessen Bau Zehntausende
das Leben kostete, geht auf einen zaristischen Plan
zurück. (Der Zar hätte sich das allerdings nie leisten
können.)
Das Lagersystem gab es schon unter dem Zaren, Stalin hat
es nur ausgebaut. Auf den in dieser Hinsicht traditionsreichen
Soloveckij-Inseln im Weißen Meer verwendeten die Bolschewiki
ehemalige Weißgardisten als Wachpersonal. (Solschenizyn)
Das größte Kolonialmassaker der russischen Geschichte,
die Tötung von 200 000 aufständischen Kasachen (1916), ist
ein Werk des Zarismus, nicht der "Roten".
Ebensowenig war die russische Revolution ein gigantisches
"Sozialexperiment des Westens" mit den armen Russen, wie die
heutigen russischen Rechten behaupten, die von Lenin und Stalin
ebensowenig wissen wollen wie die guten Deutschen von Adolf Hitler
und Auschwitz, und doch auf ihren Schultern stehen.
Das allgemeine Starren auf Elend und Terror verstellt auch den Blick
auf die Gründe der relativen inneren Stabilität der jungen UdSSR.
Die alte Elite war tot oder im Ausland; Loyalität vorausgesetzt,
stand zumindest in den ersten zwei Jahrzehnten des Bestehens der
Sowjetunion jedem Befähigten der Aufstieg offen.
"Niedere Herkunft", am besten aus der "Arbeiterklasse" oder
der "Bauernarmut", war ja sogar ein Vorteil, in schroffem
Gegensatz zum Zarismus mit seiner antiquierten Ständeordnung,
aber auch zu den westeuropäischen Staaten. Das war wirklich
revolutionär, wenn auch nicht von Dauer. Nirgendwo auf der
Welt wurde (zunächst jedenfalls) das kapitalistisch-sozialdemokratische
Versprechen von "Chancengleichheit" und "Freie Bahn dem Tüchtigen" mehr
verwirklicht als in der Sowjetunion. Da konnte man schon
über ein paar "Schattenseiten" hinwegsehen.
Der Versuch der leninschen und stalinschen Kommunisten,
den Aufbau eines Nationalstaats als Sozialismus hinzustellen,
führte dazu, dass das Ziel des Sozialismus völlig entstellt
wurde. In den hochindustrialisierten Ländern führte er die
Kommunisten in die Bedeutungslosigkeit. In Westdeutschland
verschwand die KPD nach 1945 sang- und klanglos --- nicht
nur als Organisation, sondern auch aus dem Bewusstsein
der lohnabhängigen Bevölkerung. Für die Schüler und Studenten,
die Anfang der siebziger Jahre, um "die Demokratie zu demokratisieren"
auf den Marxismus verfielen und die KPD wiederaufbauen wollten,
waren die ganz wenigen alten KPD-Mitglieder, die es in ihren
Gründungen gab, bereits Exoten, "Gegenstand von Anbetung",
wie es in einem Kritikpapier spöttisch hieß.
Primäre Ursache für das Verschwinden einer einstigen
Massenpartei war eben keineswegs der Kalte Krieg und das KPD-Verbot,
und auch nicht der "Verrat ehemaliger Kommunisten". Staatlicher
Terror hat gegen wirkliche Volksbewegungen noch nie etwas ausgerichtet.
Aber die Sowjetunion war keine Perspektive für die Arbeiter der
fortgeschrittenen Industriestaaten.
Zwar ruft man auch heute noch vor den Schrecken des Kapitalismus
immer wieder mal nach Verstaatlichung oder "Vergesellschaftung".
Doch es wird nicht mehr gelingen, dies als eine andere
Produktionsweise auszugeben.
In der "Dritten Welt" dagegen, in jenen Ländern also, deren Situation
mit der Sowjetunion 1917 vergleichbar war, z. B. China, war die
Sowjetunion noch lange ein Erfolgsmodell -- und ist es zum Teil noch
heute. Wo der Marxismus--Leninismus nach dem II. Weltkrieg einen gewissen
Masseneinfluss hatte, da handelte es sich um Länder der Dritten Welt:
"Kurdistan", Nepal, Südindien, Peru, Kambodscha und so weiter. Eben
weil es dort nicht um soziale, sondern um nationale Befreiung ging: Um die
Errichtung eines unabhängigen Nationalstaats.
Lenin ist bis heute das große Vorbild aller nationalen Befreier
der Dritten Welt. Was aber Lenin/ Stalin und Mao Zedong mit Mühe gelang, muss,
so nehme ich an, in kleineren Ländern mit geringeren Ressourcen scheitern.
Im "Leninismus" ist der Übergang zur Konterrevolution bereits angelegt.
Eine bundesdeutsche Spezialität: Der "Wiederaufbau der KPD" als moderne Burschenschaften
Die Suche nach einem revolutionären Subjekt außerhalb
ihrer selbst haben die westdeutschen "Marxisten-Leninisten"
von 1968 ff mit den historischen Bolschewiki gemeinsam.
Darum erschienen die Schriften Lenins am Anfang der
Siebzigerjahre plötzlich wieder so ungeheuer aktuell.
Die KPD wurde von Schülern und Studenten hundertfach neugegründet.
Manche der frischgebackenen proletarischen Revolutionäre ahmten
die KPD bis in die Sprechweise und sogar bis in die Kleidung hinein
nach. Nur waren sie halt keine proletarischen Revolutionäre, sondern
bürgerliche Radikaldemokraten.
Die meisten sind ordnungsgemäß Lehrer, Ärzte oder
Rechtsanwälte geworden und dementieren damit ihr
eigenes jahrzehntelanges Geheule über "Berufsverbote".
Umwege als Staplerfahrer, Sekretärin, Elektriker oder Deutschlehrer
im Ausland machen sich hervorragend im Lebenslauf.
Die "Berufsverbote" haben nur diejenigen selektiert,
die für eine leitende Funktion in der freiheitlich-demokratischen
Ausbeuterordnung offenkundig ungeeignet waren.
Manche sind bei der Politik geblieben. Einige haben es
bei den GRÜNEN, der SPD und der PDS/ LINKE zu Abgeordnetenmandaten
und Ministerämtern gebracht. Es werden so ungefähr zwei Dutzend
sein, für die sich das gelohnt hat: so viele Pfründe hat die
Demokratie nun einmal nicht zu vergeben.
Aus den Publikationen der letzten Marxisten-Leninisten leuchtet
die Abendröte des Sozialismus:
Umfangreich und in regelmäßigen Abständen gedenkt man der
"Geschichte der Arbeiterbewegung". Die Pariser Kommune,
"Karl und Rosa" (eine eklige Anbiederung an Karl Liebknecht und
Rosa Luxemburg), der spanische Bürgerkrieg, Che Guevara
und so weiter: Immer dieselben Stories von "Verrat" und "Niederlage".
Die letzten Marxisten-Leninisten hängen sich als "Linke" und
"Antikapitalisten" an jede Medien-Kampagne an, sei es Sexismus,
Demokratie, Menschenrechte, Ökologie, Hartz IV, Arbeiterrechte,
Tierschutz, das Weltklima oder sonst was. Jede Sau helfen sie durchs Dorf zu
treiben. Überall gibt's was "Emanzipatorisches" zu entdecken.
Sie sind auch keine "Kommunisten" mehr, sondern "Antikapitalisten".
Den größten Teil ihrer Aktivität --- meistens die
einzige Aktivität überhaupt --- bildet der "Antifaschismus".
"Gemeinsam für Toleranz und Solidarität" --- damit ist
die Sache schon hinlänglich charakterisiert.
Einige suchen heute die "Fehler", die zur "Verwandlung" des
angeblich ersten "Arbeiterstaats" geführt haben. Je nach
Schärfe der Analyse werden verschiedene Dolchstoßlegenden erzählt:
Für die einen beginnt der Verrat des Sozialismus mit der
Alleinherrschaft der Bolschewiki, für andere mit dem Tod Lenins,
wieder für andere mit dem Tod Stalins, für manche erst mit Gorbatschow.
Sie durchwühlen heute die Geschichte der Sowjetunion nach Manifestationen
wahrhaft revolutionärer Gesinnung. Dabei entreißen sie die
"Dezisten", die "Arbeiteropposition", die "Arbeitergruppe" und
womöglich noch andere Gruppen dem Vergessen und mehren damit
unsere historischen Kenntnisse. Doch die Frage, warum Stalin
der Erbe Lenins wurde und nicht Trotzki oder ein Politiker der
linken Opposition, können sie nicht beantworten.
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