"Wir machen den Weg frei!"
Die Religion des Kapitals
(Der Londoner Kongress)




Da die Kirche ihren Einfluß auf die Menschen immer mehr verliert, treffen sich unter dem Vorsitz des päpstlichen Nuntius die führenden Kirchenmänner, Politiker, Bankiers, Unternehmer und ihre wissenschaftlichen Experten, um eine neue Religion zu schaffen.

Sie beschließen einmütig, das Kapital zum Gott zu ernennen, da es alle die Eigenschaften in der Realität besitzt, welche die Theologen ihrem "Gott" zuschreiben, nämlich Allmacht, Allgegenwart und Einheit. Das Kapital ist der wahre lebendige Gott und das Bargeld Ausdruck seiner göttlichen Gnade. Die Wirtschaftsführer sind seine Auserwählten und die Bankiers die Priester und Bischöfe seiner heiligen Kirche.

Gleichzeitig beschließen sie auch die ersten heiligen Schriften der neuen Religion: einen "Katechismus der Arbeiter", ein Glaubensbekenntnis, ein „Kapital unser“, die „Klagen Hiob Rothschilds, des Kapitalisten“ und so weiter. Der päpstliche Nuntius (wer sonst?)steuert eine „Predigt der Kurtisane“ bei.

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La Religion du Capital erschien 1887 in Paris. Autor ist Paul Lafargue.

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Der Originaltext wurde zuletzt 1995 nachgedruckt bei Éditions Climats, Castelnau-Le-Nez (F). Im Internet ist der Originaltext zu finden auf www.uqac.uquebec.ca/zone30/classiques_des_sciences_sociales/index.html (Universitätsbibliothek von Quebec)

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Die deutsche Übersetzung erschien noch zur Zeit des Sozialistengesetzes 1890 als Heft XXIV der "Sozialdemokratischen Bibliothek", als deren fiktiver Drucker eine "German Cooperative Publishing Co." in London erscheint. Übersetzer könnte Eduard Bernstein sein, der ja auch das „Recht auf Faulheit“ übersetzt hat.

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Ich habe die deutsche Übersetzung mit dem Original verglichen.

In der deutschen Übersetzung sind einige Eigennamen geändert, von denen man wahrscheinlich annahm, daß der deutsche Leser damit wenig anfangen konnte.

Bemerkenswerter ist schon, daß im "Katechismus des Arbeiters" zwei Fragen fehlen, die die parlamentarische Demokratie angreifen. (s. u.)


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Die einzige derzeit einzige auf dem Buchmarkt befindliche deutsche Ausgabe ist ein Broschürchen des "Freidenkerbundes Österreich", zusammengestellt von Fritz Keller und Kurt Lhotzky, Wien o. J. (Verlag Monte Veritá), ISBN 3-900434-34-4.
Die Anmerkungen von Keller/ Lhotzky zu Personen habe ich an einigen Stellen bearbeitet. Sie sollen nur der Einordnung der erwähnten Personen dienen.
Bernhard Klevenz


Inhaltsverzeichnis:

I. Der Londoner Kongreß

II. Katechismus des Arbeiters

III. Die Predigt der Kurtisane

IV. Der Hohepriester oder Andachtsbüchlein des Unternehmers

V. Die Gebete des Kapitalisten

VI. Klagen Hiob Rothschilds, des Kapitalisten




I. Der Londoner Kongreß

Die Fortschritte des Sozialismus beunruhigen die besitzenden Klassen diesseits und jenseits des Ozeans immer mehr. Es sind daher vor einigen Wochen in London Männer aus allen Weltgegenden zusammengetreten, um gemeinsam zu beraten, welche Mittel am besten geeignet wären, dem bedrohlichen Umsichgreifen der sozialistischen Ideen zu steuern.

Unter den Vertretern der kapitalistischen englischen Bourgeoisie bemerkte man Lord Salisbury, Mr. Chamberlain , Lord Randolph Churchill, den Kardinal Manning, Sir Charles Dilke (im Original statt Charles Dilke: Samuel Morley) und Mr. Herbert Spencer. Bismarck, der durch eine akute Alkoholvergiftung abgehalten war, hatte seinen Berater und Vertrauten, den Juden Bleichröder, geschickt. Die Großindustriellen und Financiers von Amerika und Europa, die Vanderbilt, die Gould, die Rothschild, die Soubeyran, die Krupp, die Stumm, die Dollfus, die Dietz-Monnin, die Schneider, die Herzog, die Wörmann, waren entweder in Person anwesend oder hatten Vertreter geschickt. Noch nie hatte man in ein und derselben Versammlung Leute von so verschiedener Nationalität und Gesinnung sich so freundschaftlich die Hände drücken gesehen. Herr Ernst von Eynern setzte sich neben den Bischof Krementz, (im Original: Paul Bert setzte sich neben Mgr. Freppel, Gladstone drückte Parnell die Hand) Gladstone und Sahsbury gingen Arm in Arm mit Parnell auf und ab, Eugen Richter plauderte mit dem Herrn von Puttkamer (i. O.: Clemenceau plauderte mit Ferry) und Moltke unterhielt sich freundschaftlich mit Déroulède und Ranc über die Möglichkeiten eines Revanchekrieges. Die Sache, die sie zusammengeführt, gebot ihren persönlichen Gefühlen, politischen Differenzen und nationalen Eifersüchteleien Stillschweigen. Der päpstliche Legat ergriff zuerst das Wort:

"Man regiert die Menschen sowohl durch die brutale als auch durch die geistige Macht. Früher war die Religion die magische Kraft, welche die Gemüter der Menschen beherrschte: sie gebot dem Arbeiter, sich nie zu empören, sie lehrte ihn, für den Schatten die Beute preis zu geben, sein irdisches Elend über den Traum von der himmlischen Glückseligkeit zu vergessen... Aber der Sozialismus, der böse Geist der Neuzeit, treibt den Glauben aus den Köpfen der Menschen und nistet seine Lehre dafür ein; er kündet an, daß er aus der Erde ein Paradies machen werde, und daß das Glück nicht auf das Jenseits verschoben werden soll. Mit pestartiger Verführung ruft er dem Lohnarbeiter zu: 'Man bestiehlt dich! Auf, mach' zu. Empöre dich.' Er bereitet die einst so gefügigen und unterwürfigen Arbeitermassen auf eine allgemeine Erhebung vor, welche die bevorrechtete Klasse beseitigen und die Familie aufheben wird, welche den Reichen ihren Reichtum nehmen wird, welche die Kunst und Religion zerstören und die Nacht der Barbarei über die Erde bringen wird. Wie den Feind aller Zivilisation und allen Fortschritts bekämpfen? Welches die Waffen, die gegen den Sozialismus in Anwendung zu bringen sind? Fürst Bismarck, der Schiedsrichter Europas, der Nebukadnezar, der Dänemark, Österreich und Frankreich besiegte, ist von sozialistischen Schustern und Schneidern besiegt worden; die französischen Konservativen haben 1848 und 1871 gleich Fleischern Tausende und Abertausende von Sozialisten hingemetzelt und aus Paris ein großes Schlachthaus gemacht, und das Blut dieser Riesenschlächterei ist der Tau gewesen, der den Sozialismus in allen Ländern sprießen gemacht hat. Nach jedem Blutbad wächst der Sozialismus kräftiger hervor. Das Ungeheuer hat die Probe der brutalen Gewalt überstanden. Was tun?"

Die Gelehrten und Philosophen der Versammlung, Paul Bert, Ernst Häckel, Herbert Spencer, standen einer nach dem anderen auf und schlugen vor, den Sozialismus durch die Wissenschaft zu bändigen. Seine Eminenz, Herr Krementz, Erzbischof von Köln, zuckte mit den Achseln.:

"Aber Eure verfluchte Wissenschaft liefert ja den Sozialisten ihre schneidigsten Argumente".

"Sie kennen die Naturphilosophie, die wir lehren, nicht", erwiderte Herbert Spencer. "Unsere wissenschaftliche Entwicklungstheorie beweist, daß die niedrigere soziale Stellung der Arbeiter in den unveränderlichen Gesetzen der Natur begründet ist, und daß die Bevorrechteten der höheren Klassen sich fortgesetzt vervollkommnen und schließlich eine neuen Rasse bilden werden. Die Menschen dieser Rasse werden in nichts jenen Bestien in Menschengestalt der niederen Rasse gleichen, welche nur mit der Peitsche in der Hand zu regieren sind.....".*

"Möge Gott verhüten, dass ihre Entwicklungstheorien jemals in der Arbeiterklasse bekannt werden; sie würden sie in Wut versetzen, sie zur Verzweiflung, diesem Anstifter aller Volksaufstände treiben" -- unterbrach ihn der Protestantenvereinler Baumgarten. (i. O.: Herr de Pressensé.)  "Sie sind in der Tat sehr naiv, wenn Sie sich einbilden, daß man Ihre enttäuschende Wissenschaft dem Sozialismus entgegensetzen kann, der den Arbeitern die Gleichheit der Güter und die volle geistige und körperlich Entwicklung aller Menscheil verspricht. Wenn wir privilegierte Klasse bleiben und fortfahren wollen, auf Kosten der Arbeiter zu leben, dann müssen wir die Einbildungskraft befriedigen, und, während wir das Menschenvieh scheren, seinen Geist durch bezaubernde Märchen und Luftspiegeleien unterhalten. Die christliche Religion erfüllte diese Aufgabe wunderbar. Sie aber, meine Herren Freidenker, haben sie ihre Glanzes entkleidet".

"Sie haben Recht, wenn Sie eingestehen, dass Ihre Religion in Mißkredit geraten ist", warf ihm Paul Bert brutal entgegen, "sie verliert jeden Tag an Boden. Und wenn wir Freidenker, die Ihr ohne alle Überlegung angreift, euch nicht unter der Hand unterstützten, obwohl wir den Dummen zuliebe uns die Miene geben, als bekämpften wir Euch, wenn wir nicht die Kulturbudgets bewilligten, so würdet ihr und alle Priester, Pastoren und Rabbiner die heilige Bude schließen und vor Hunger krepieren müssen. Man entziehe den Priestern ihre Bezahlung und die Religion ist futsch... Ihr beklagt Euch, daß wir nicht in die Messe gehen; aber den Teufel auch, warum hat man uns eine so lächerlich blöde Religion fabriziert! Mit dem besten Willen von der Welt kann ich nicht bekennen, daß ich daran glaube, daß eine Taube eine Jungfrau befruchtet habe, und daß aus diesem, wider alle Moral und Naturgeschichte verstoßenden Akt ein Opferlamm hervorgegangen sein soll, das ein beschnittener Jude wurde."

"Ihre Religion steht nicht einmal mit den Regeln der Grammatik im Einklang," setzte Herr Menard-Dorian, der sich auf seine Sprachreinigung etwas zugute tat, hinzu. "Ein einziger Gott in drei Personen ist zu beständigen Barbarismen verurteilt, wie: Ich denken, ich schneuzen uns, ich wischen uns...".

"Meine Herren, wir sind nicht hier, um unsere Glaubensartikel zu diskutieren", lenkte mit sanftem Vorwurf der Kardinal Manning ein, "sondern um uns mit der sozialen Gefahr zu beschäftigen. Sie können, Voltaire und andere wiederholend, die Religion verspotten, aber sie schaffen damit die Tatsache nicht aus der Welt, daß sie der beste moralischen Zügel ist wider die Begehrlichkeiten und Leidenschaften der niederen Klassen".

"Der Mensch ist ein religiöses Tier", begann mit sentenzhafter Gemessenheit P. Laffitte, der Papst des Positivismus. "Die Religion August Comtes enthält weder Taube noch Lamm, aber obwohl unser Gott weder Haare noch Fedem hat, ist er doch ein positiver Gott".

"Ach gehen Sie mir weg", fuhr ihn Virchow (i. O.: Huxley) an, "Ihr Humanitätsgott ist noch weniger real als der blonde Jesus. Die Religionen unseres Jahrhunderts sind eine soziale Gefahr. Fragen Sie Herrn von Giers, der Ihnen lächelnd zuhört, ob die neugebildeten Sekten in Rußland wie in den Vereinigten Staaten nicht mit Sozialismus und Kommunismus infiziert sind? Ich anerkenne die Notwendigkeit einer Religion, gerade weil ich Materialist bin; ich gebe auch zu, daß das Christentum, das noch famose Dienste bei den Buschmännern und Papuas tut, für Europa etwas altmodisch ist. Aber wenn wir eine Religion haben müssen, so nehmen wir uns in acht, daß sie kein Plagiat des Katholizismus ist, und daß sie nichts, was nach Sozialismus riecht, an sich hat".

"Warum", unterbrach ihn Herr Professor Hänel aus Kiel (i. O.: Maret), glücklich, auch ein Wort an den Mann bringen zu können, "warum nicht die theologischen Tugendideale durch die liberalen Idealbegriffe ersetzen? Statt Glaube, Hoffnung, Liebe setze man Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Man konnte auch noch eine vierte hinsetzen: Vaterland".

"Die Idealbegriffe sind in der Tat die herrlichste Entdeckung unserer Zeit", nahm jetzt Herr von Giers das Wort. "Sie haben in England, in Frankreich, in Amerika, mit einem Wort überall, wo man sie anwandte, um die Massen zu leiten, vortreffliche Dienste getan; wir werden uns ihrer eines Tages auch in Rußland bedienen. Sie, meine Herren Westeuropäer, haben uns die Kunst gelehrt, die Massen im Namen der Freiheit zu unterdrücken, im Namen der Gleichheit auszubeuten und im Namen der Brüderlichkeit niederzukartätschen - Sie sind große Meister. Aber diese theologiegemäßen Ideale genügen noch nicht, um eine neue Religion zu bilden. Es bleibt noch der höchste Gott zu suchen".

"Die einzige Religion, die den Bedürfnissen der Jetztzeit entspricht, ist die Religion des KAPITALS" - erklärte mit Nachdruck der berühmte Statistiker Giffen. "Das KAPITAL ist der wirkliche allmächtige Gott, der sich in jeder Gestalt offenbart: Er ist glänzendes Gold und stinkender Guano, Hammelherden und Kaffeeladungen, Lager heiliger Schriften und Ballen pornographischer Bilder, gigantische Maschinen aus härtestem Stahl und elegante Päckchen 'Gummiartikel'. Das KAPITAL ist der Gott, den alle Welt kennt, sieht, fühlt, riecht, schmeckt; er existiert für alle unsere Sinne. Er ist der einzige Gott, der noch auf keinen Atheisten gestoßen ist. Der Prediger Salomo betete ihn an, als alles ihm eitel schien, Schopenhauer entdeckte berauschende Reize an ihm, als ihm alles Enttäuschung war, und Eduard von Hartmann, der unbewusste Philosoph, ist ihm gegenüber zum bewussten Schriftgläubigen geworden".

Bleichröder, Gould, Baring, Hope, Rothschild, Worms, alle beschnittenen Christen und unbeschnittenen Juden der goldenen Internationale klatschten in die Hände und riefen:"Giffen hat Recht, das KAPITAL ist Gott, der einzige, lebendige Gott!"

Als die Begeisterung sich endlich gelegt, fuhr Giffen fort:

"Den einen verkündet es seine Anwesenheit in fürchterlicher Weise, den anderen zart wie eine liebevolle junge Mutter. Wenn das KAPITAL eine Nation heimsucht, so ist es, als ob ein Orkan auf sie hemiederführe, der alles vernichtet und zerstört, was ihm im Weg steht - Menschen wie Tiere, Lebendes wie Totes. Als sich das europäische Kapital in Ägypten niederließ, da ergriff es die Fellachen mit ihrem Zugvieh, ihren Karren und ihre Hacken und versetzte sie, als wären sie Strohhalme nach der Landenge von Suez. Mit seiner eisernen Hand beugte es sie unter das Joch der Fronarbeit und, verbrannt von der Sonne, gequält vom Hunger und Durst, dem Fieber befallen, besäten 30.000 mit ihren Knochen die Ufer des Kanals. Das KAPITAL ergreift den freien und gesunden, kräftigen und heiteren Menschen und sperrt ihn zu Hunderttausenden in die Fabriken, in Spinnereien und Bergwerke. Es pumpt ihnen dort das Blut aus - wenn es sie losläßt, sind sie vorzeitig gealtert, skrofulös, blutarm, schwindsüchtig. Die in bezug auf das Ungeheuerliche so fruchtbare menschliche Einbildungskraft hat nie einen Gott zu ersinnen vermocht, der so grausam wäre, so gewaltig, wenn er zürnt. Aber wie vorsorglich und liebevoll ist er gegen seine Erwählten! Für die Lieblinge des Kapitals kann die Erde nicht genug angenehme Dinge hervorbringen. Jeden Tag erfindet es neue Genüsse für sie; es produziert neue Blumen und neue Früchte, es ersinnt neue Gerichte, um ihren übersättigten Gaumen zu reizen, es verschafft ihnen blühende Kinder, um ihre erschlafften Sinne zu stacheln. Tote und lebende Gegenstände - alles gehört ihnen".

Und der Kardinal Manning und der Pessimist Hartmann und Virchow und Häckel und Spencer und Chamberlain - alle applaudierten:

"Das KAPITAL ist Gott!"

"Das Kapital kennt weder Grenzen noch Nationalitäten, weder Rassen noch Geschlechter, es ist der internationale Gott, der Gott aller; er wird die Kinder der Menschen unter sein Gesetz beugen", rief begeistert der päpstliche Legat. "Brechen wir mit allen Religionen der Vergangenheit, vergessen wir allen Hader, all unsere Differenzen! Einigen wir uns in Herz und Geist, um die Dogmen des neuen Glaubens auszuarbeiten: der RELIGION DES KAPITALS".

Der Kongreß, der in der Weltgeschichte epochemachend sein wird wie die großen Konzilien, auf denen die katholische Religion ausgearbeitet wurde, tagte zehn Tage; er beauftragte eine Kommission aus Vertretern aller Nationalitäten bestehend, die Protokolle zu redigieren und die entwickelten Ansichten und Ideen zu einem Lehrsystem auszuarbeiten. Es ist uns gelungen, verschiedene Arbeiten dieser Kommission uns zu verschaffen, die wir hiermit der Öffentlichkeit übergeben.

II. Katechismus des Arbeiters

Frage: Wie heißt Du?

Antwort: Lohnarbeiter.

Fr.: Wer sind Deine Eltern?

A.: Mein Vater war Lohnarbeiter, mein Großvater auch, und mein Urgroßvater ebenso. Aber meine Vorväter waren Leibeigene und Sklaven. Meine Mutter heißt Armut.

Fr.: Wo bist Du geboren?

A.: In der Mansarde unter dem Dachstuhl eines Hauses, das mein Vater und seine Kameraden gebaut.

Fr.: Was ist Deine Religion?

A.: Die Religion des KAPITALS.

Fr.: Welche Pflichten legt Dir Deine Religion auf?

A.: Zwei hauptsächlich: die Pflicht der Entsagung und die Pflicht der Arbeit. Meine Religion gebietet mir, meinen Rechten zu entsagen auf Eigentum an der Erde, unserer gemeinsamen Mutter, an den Reichtümern ihres Inneren, an den Ertrag auf ihrer Oberfläche, an ihrer wunderbaren Befruchtung durch Sonnenlicht und -wärme; sie gebietet mir, meinen Rechten zu entsagen auf das Eigentum an dem Produkt meiner Hände und meines Gehirns. Meine Religion gebietet mir, von Kindheit an bis zu meinem Tod zu arbeiten - beim Sonnenlicht und beim Licht des Gases oder bei Elektrizität, Tag und Nacht; zu arbeiten auf der Erde, unter der Erde und auf dem Meer, immerdar und überall.

Fr.: Legt Dir Deine Religion noch andere Pflichten auf?

A.: In Entbehrungen zu leben. Meinen Hunger nur zu Hälfte zu stillen, alle meine fleischlichen Bedürfnisse einzuschränken und alle meine geistigen Bestrebungen zu unterdrücken.

Fr.: Verbietet Dir Deine Religion gewisse Nahrung?

A.: Sie verbietet mir Wildbret, Geflügel, Rindfleisch erster, zweiter oder dritter Qualität zu berühren, Lachs, Hummer oder feine Fischsorten zu kosten, sie verbietet mir, Naturweine zu trinken oder Branntwein aus Wein gebrannt, sowie Milch, wie sie von der Kuh kommt.

Fr.: Was für Nahrung erlaubt sie Dir?

A.: Brot, Kartoffel, Bohnen, Hering, Kuh- und Pferdefleisch, Fleischerei-Abfälle und ordinäre Wurstware. Damit ich meine erschöpften Kräfte schnell wieder hebe, erlaubt sie mir gefälschten Wein, Kartoffelschnaps oder Rachenputzer zu trinken.

Fr.: Welche Pflichten gegen Dich selbst legt Dir Deine Religion auf?

A.: Meine Ausgaben einzuschränken, eng und dürftig zu wohnen, zerrissene, zerstückelte und geflickte Kleidung zu tragen und sie abzunutzen, bis sie fadenscheinig mir in Fetzen vom Leib fallen. Ohne Strümpfe in zerrissenen Schuhen zu laufen, durch deren Löcher das eisigkalte, schmutzige Wasser der Straße dringt.

Fr.: Welche Pflichten gegen Deine Familie legt sie Dir auf?

A.: Meiner Frau und meinen Töchtern jede Koketterie, jede Eleganz und jeden Geschmack zu untersagen, sie in gewöhnliche Stoffe zu kleiden, daß es genügt, um das Schamgefühl der Straßenpolizei nicht zu verletzten. Sie zu lehren, wie man im Winter in Kattunfahnen nicht zittert und im Sommer in Dachstuben unter Zinkdächem nicht unter den glühenden Strahlen der Hundstagssonne erstickt. Meinen Kleinen die heiligen Prinzipien der Arbeit einzuprägen, damit sie von frühester Jugend an ihren Unterhalt zu verdienen und nicht der Gesellschaft zur Last fallen; sie zu lehren, ohne Licht und Abendessen schlafen zu gehen, und sie an das Elend zu gewöhnen, welches ihr Los im Leben ist.

Fr.: Welche Pflichten gegen die Gesellschaft legt sie Dir auf?

A.: Den Nationalreichtum zu vermehren. Erstens durch meine Arbeit und zweitens durch meine Ersparnisse, sobald ich mir solche machen kann.

Fr.: Was gebietet sie Dir, mit Deinen Ersparnissen zu tun?

A.: Sie in der Staatssparkasse zu deponieren, damit sie dazu dienen, das Staatsbudget ins Gleichgewicht zu bringen,* sie den von menschenfreundlichen Finanziers gegründeten Gesellschaften anzuvertrauen, damit diese sie an unsere Prinzipale leihen. Wir müssen unsere Ersparnisse stets zur Verfügung unserer Herrn halten.

Fr.: Erlaubt Dir Deine Religion, Deine Ersparnisse anzurühren?

A.: So selten wie möglich; aber sie empfiehlt uns, nicht darauf zu bestehen, wenn der Staat die Rückzahlung verweigert** und ruhig Verzicht zu leisten, wenn die menschenfreundlichen Finanziers in weiser Voraussicht unseren Forderungen zuvorgekommen sind und uns mitteilen, daß unsere Ersparnisse in Rauch aufgegangen sind.

Fr.: Hast Du politische Rechte? (siehe Vorbemerkung)

A.: Das Kapital gewährt mir das unschuldige Vergnügen, die Gesetzgeber zu wählen, die die Gesetze schmieden, mit denen sie uns strafen; aber es verbietet uns, uns mit Politik zu beschäftigen und die Sozialisten anzuhören.

Fr.: Warum?

A.: Weil die Politik das Vorrecht der Bosse ist, weil die Sozialisten Gauner sind, die uns ausplündern und betrügen. Sie sagen uns, daß wer nicht arbeitet, auch nicht essen soll, daß alles den Lohnarbeitern gehört, weil sie alles produziert haben, daß der Unternehmer ein Schmarotzer ist, den man abschaffen muß. Die heilige Religion des Kapitals dagegen lehrt uns, daß die Verschwendung der Reichen die Arbeit schafft, die uns zu essen gibt, daß die Reichen den Armen Unterhalt geben, daß die Armen zugrunde gingen, wenn es keine Reichen mehr gäbe. Sie lehrt uns, nicht so dumm zu sein zu glauben, daß unsere Frauen und Töchter, die sich nur mit schlechten Baumwollstoffen schmücken wollen, die Seiden- und Samtstoffe, die sie weben, selbst tragen könnten, daß wir unverfälschten Wein trinken und gutes Fleisch essen könnten, da wir kranke Kühe und verfälschte Getränke gewohnt sind.

Fr.: Wer ist Dein Gott?

A.: Das KAPITAL.

Fr.: Existiert er von Ewigkeit an?

A.: Unsere gelehrtesten Priester, die offiziellen Ökonomen, sagen, daß er von Anfang der Welt an existierte; damals war er indes noch ganz klein, daher usurpierten Jupiter, Jehova, Jesus und andere Götter seinen Thron. Aber seit dem Jahr 1500 ungefähr ward er von Tag zu Tag größer an Macht und Herrlichkeit, und heute lenkt er die Welt nach seinem Willen.

Fr: Ist Dein Gott allmächtig?

A.: Ja. Seine Gnade verleiht alle Genüsse der Erde. Wem er sein Antlitz von einem Menschen, einer Familie, einem Lande abwendet, so müssen sie in Kummer und Elend ihr Dasein fristen. Die Macht des Gottes KAPITAL wächst mit dem Umfang seiner Masse: täglich erobert er neue Länder, täglich vergrößert er die Schar seiner Diener, die ihr Leben der Aufgabe weihen, seine Masse zu vermehren.

Fr.: Welches sind die Auserwählten Deines Gottes?

A.: Die Kapitalisten - Kaufleute, Fabrikanten sowie Rentiers.

Fr.: Wie belohnt Dein Gott Dich?

A.: Indem er mir, meiner Frau und meinen Kindern bis zum Kleinsten täglich zu arbeiten gibt.

Fr.: Ist das Deine einzige Belohnung?

A.: Nein. Unser Gott gestattet uns auch, unseren Hunger zu stillen, indem wir vor den Schaufenstern mit den Augen die herrlichsten Braten und Delikatessen verschlingen, die wir nie gekostet haben, nie kosten werden, weil sie nur da sind zur Nahrung für die Auserwählten und die heiligen Priester. Seine Güte erlaubt uns auch, unsere vor Kälte erstarrten Gliedmaßen zu wärmen, indem wir die molligen Pelzwaren und dicken Tuchsachen bewundern, in welche sich die Auserwählten und Priester allein hüllen dürfen. Sie gewähren uns auch das überaus hohe Vergnügen, auf den Hauptstraßen und Luxusplätzen unsere Augen an dem Anblick der heiligen Schar der Kapitalisten und Rentiers zu weiden, wie sie dick und fett, galonierte Lakaien hinter sich und bemalte Horizontalen neben sich, in glänzenden Karossen vorfahren.

Fr.: Gehören die Auserwählten einer anderen Rasse an als Du?

A.: Fabrikanten und Rentiers sind vom selben Ton geknetet wie ich; aber sie sind auserwählt unter Tausenden und Millionen.

Fr.: Was haben sie getan, um diese Erhöhung zu verdienen?

A.: Nichts. Unser Gott bekundet seine Allmacht, indem er seine Gunst denen zuwendet, die sie nicht verdient haben.

Fr.: Dein Gott ist also ungerecht?

A.: Das KAPITAL ist die Gerechtigkeit selbst; seine Gerechtigkeit geht über unseren schwachen Verstand hinaus. Das KAPITAL ist allmächtig; wenn es gezwungen wäre, seine Gnade denen zu spenden, die sie verdienen, würde es geschwächt werden, denn dann würde seine Macht Grenzen haben. Es kann dieselbe daher nicht besser beweisen, als daß es seine Lieblinge aus dem Haufen der Tagediebe und Faulenzer auserwählt.

Fr.: Wie bestraft Dich Gott?

A.: Indem er mich zur Arbeitslosigkeit verurteilt. Dann bin ich exkommuniziert; ich weiß nicht, was essen, wo schlafen und muß mit den Meinen in Hunger und Elend umkommen.

Fr.: Welche Sünden mußt Du begehen, um Dir diese Exkommunikation zuzuziehen?

A.: Keine. Das KAPITAL wirft mich außer Arbeit, wenn es ihm beliebt.

Fr.: Welches sind die Gebete Deiner Religion?

A.: Ich bete nicht mit Worten. Mein Gebet ist die A r b e i t. Jedes Sprechen eines Gebets würde mein wirkliches Gebet, die Arbeit stören. Sie ist das einzige Gebet, das wohlgefällt, denn sie ist das einzige, das dem KAPITAL nutzt und Mehrwert schafft.

Fr.: Wo betest Du?

A..: Überall. Auf dem Felde und in der Werkstatt, im Atelier und in der Fabrik, auf dem Meere und unter der Erde. Damit unser Gebet gnädig erhört werde, müssen wir unsere Freiheit, unsere Würde, unseren Willen zu den Füßen des KAPITALS niederlegen. Auf den Ton den Glocke, auf den Pfiff der Maschine müssen wir herbeieilen und einmal beim Gebet, gleich Automaten Arme und Beine, Hände und Füße in Bewegung setzen, schnaufen und schwitzen, unsere Muskeln anspannen und unsere Nerven erschöpfen .

In unseren Gebetstätten müssen wir demütigen Geistes sein und geduldig die Wutausbrüche und Schimpfereien von Prinzipal und Werkführer ertragen, denn sie haben immer recht.

Wir dürfen uns nicht beklagen, wenn der Prinzipal unseren Lohn herabsetzt und die Arbeitszeit erhöht, denn alles, was er tut ist recht und geschieht zu unserem Besten.

Wir müssen es als eine Ehre betrachten, wenn Prinzipal und Werkführer mit unseren Frauen und Töchtern schäkern, denn ebenso wie unser Gott, das Kapital, ihnen das Recht über Leben und Tod der Lohnarbeiter verliehen hat, so hat er ihnen auch das Recht verliehen, den Lohnarbeiterinnen den Hintern zu tätscheln.

Ehe wir je eine Klage über unsere Lippen entweichen, ehe wir unser Blut in Wallung geraten lassen, ehe wir je zum Streik uns entschließen, müssen wir lieber alle Leiden auf uns nehmen, unser Brot mit Speichel bedeckt hinunterwürgen, mit Dreck verunreinigtes Wasser trinken. Denn für den Fall, dass wir uns vermessen, dies nicht in Ordnung zu finden, hat das KAPITAL unseren Herren Gefangnisse und Zuchthäuser, den Säbel, der haut, und die Flinte, die schießt, Henkerbeil und Kanonen zur Verfügung gestellt. Es läßt uns hinter Schloß und Riegel stecken, wenn wir murren, und alles über den Haufen schießen was sich wider die Anordnungen auflehnt, die es durch den Mund seiner Beamten und Priester verkündet.

Fr:: Wirst Du nach dem Tode eine Belohnung empfangen?

A.: Eine sehr große: Nach dem Tode erlaubt mir das KAPITAL, mich niederzulegen und mich zu erquicken. Ich habe dann weder Hunger noch von Kälte zu leiden, weder für heute noch für morgen um Nahrung zu bangen. Ich genieße dann die ewige Ruhe des Grabes.



III. Die Predigt der Kurtisane

(Das Manuskript ist nur unvollständig in meinen Besitz gelangt, die ersten beiden Blätter fehlen. In der Form einer Einleitung sollen sie eine Anrufung des GOTTES KAPITAL enthalten, der diejenigen erhöht, die da verachtet werden. Da ich es mir zum Grundsatz gemacht habe, nur als bloßer Kopist zu fungieren, so unterlasse ich jeden Versuch einer Vervollständigung.
Randnoten lassen vermuten, daß der Verfasser der Predigt, der päpstliche Legat, zur Mitarbeiterschaft des Prinzen von Wales, zwei weltbekannte Industrielle, die Herren Bonnet und Herzog jun.(i. O.: Pouyer-Quertier), sowie die berühmte Cora Pearl hinzuzogen, diese gefeierte Kurtisane, die sich rühmt, die ganze kosmopolitische Genußwelt von Paris in ihrem Bett gesehen zu haben.)

...Die Menschen, die in der Finsternis des Daseins herumtappen und nur das flimmernde Licht der blöden Vernunft als Leitstern nehmen, spotten und schimpfen über die Hure. Sie stellen sie an den moralischen Pranger, sie schlagen ihr ihre eigenen Paradetugenden um die Obren, sie stacheln zu Hass und Entrüstung gegen sie auf. Sie ist die Sklavin des Bösen und die Krone der Verruchtheit, der Mahlstein der Vertierungsmühle. Sie demoralisiert die blühende Jugend, sie entehrt die weißen Haare des Alters, sie entführt der Gattin den Gatten und saugt aus seinen verhexten und unersättlich gierigen Lippen das Glück, die Ehre und den Wohlstand seiner Familie.

Oh meine Schwestern! Brutale Wut und niedriger Neid haben mit bitterer Galle das Bild der Hure besudelt, trotzdem der letzte der falschen Götter, Jesus von Nazareth, eine Maria Magdalena der Schmach der Menschen entrissen und in sein Paradies versetzt hat, neben die Heiligen und Seligen.

Vor der Ankunft des wahren Gottes, vor der Ankunft des Kapitals haben die Religionen, die sich die Erde streitig machten und die Götter, die nacheinander die Köpfe der Menschen bewohnten, befohlen, die Ehefrauen im Gynaeceum einzuschließen und nur der Hetäre zu erlauben, von den Früchten des Baumes der Wissenschaft und Freiheit zu essen. Die große babylonische Göttin Mylitta-Anaitis, die "geschickte Zauberin", die "verführerische Prostituierte", befahl ihrem getreuen Volk, sie durch Prostitution zu ehren. Als Buddha nach Vesali kam, kehrte er bei der ersten Hure des Ortes ein, vor der sich die Behörden in ihren Feiertagsgewändem aufstellten. Der finstere Gott Jehova beherbergte Huren in seinem Tempel.*

Die Menschen der ersten Gesellschaften, die der Glaube erleuchtete, versetzten die Hure unter die Götter; sie stellte die Kraft der ewigen Natur dar, die da erschafft und zerstört.

Die Kirchenväter des Katholizismus, der die Menschheit in ihrer Kindheit jahrhundertelang mit seinen Märchen unterhielt, suchten die göttliche Eingebung in der heiligen Gesellschaft von Huren. Wenn der unfehlbare Papst seine Priester und Bischöfe zu einem Konzil zusammenberief, um über ein Glaubensdogma zu beraten, so strömten, geleitet von der Hand Gottes, die Huren aus allen Ländern der Christenheit herbei; sie brachten in ihren Röcken den heiligen Geist, sie erleuchten den Verstand der Schriftgelehrten. Der Gott des Christentums legte die Macht, Päpste, seine Statthalter auf Erden, ein- und abzusetzen, in die Hände der Theodora, der kaiserlichen Kurtisane.

Das KAPITAL unser Herr, weist der Kurtisane einen noch höheren Platz an. Nicht hinfällige und stupide Päpste sind es mehr, denen sie kommandiert, sondern Tausende junger und kräftiger Arbeiter, Meister aller Wissenschaften und Schöpfer aller Erzeugnisse der menschlichen Kunst: sie weben, sticken, nahen, sie bearbeiten das Holz, das Silber, das Gold, sie schleifen Diamanten, sie suchen auf dem Meeresgrund Korallen und Perlen, sie ziehen im Winter die Blumen des Frühjahrs und die Früchte des Herbstes; sie erbauen Paläste, schmücken ihre Wände, bemalen Leinwand, erfinden Romane und Dramen, Opern und Ballette, spielen und tanzen, um die Wünsche der Kurtisane zu befriedigen. Nie hatte Kleopatra, nie hatte Semiramis ein so zahlreiches Heer von Arbeitern aller Berufe, aller Kunstzweige zur Erfüllung ihrer Launen zur Verfügung. Die vornehme Hure ist die Königin der Zivilisation, und sie wird so lange über der Menschheit thronen, als das KAPITAL der souveräne Herrscher über Menschen und Dinge ist.

Die Kurtisane ist die Zierde der kapitalistischen Gesellschaft. Sie höre auf, die Gesellschaft zu schmücken und das bißchen Freude auf dieser gelangweilten und betrübten Welt schwindet dahin; Edelsteine und kostbare, bestickte Stoffe werden nutzlos wie Kinderspielzeug; der Luxus und die Künste, diese Kinder der Liebe und der Schönheit werden fad; die Hälfte der menschlichen Arbeit verliert ihren Wert. Aber solange man kauft und verkauft, solange das Kapital das Bewußtsein beherrscht und die Laster und Tugenden belohnt, solange wird die Ware Liebe die kostbarste sein und die Erwählten des Kapitals tränken ihr Herz an dem eisigen Becher der bemalten Lippen der Kurtisane.

Wenn die beschränkte Vernunft die Menschen nicht verdummt hätte, wenn der wahre Glaube die Tore ihres Verstandes geöffnet hätte, so würden sie einsehen, dass in den Händen Gottes die Hure ein Faktor ist, der die Völker aufrüttelt und die Gesellschaft umgestaltet.

Im Mittelalter, damals als das KAPITAL, unser Herr, noch dem Kinde gleich, das in der Mutter Schoß sich regt, erst in den Tiefen des Wirtschaftslebens geheimnisvoll zu keimen begann, als kein Mund seine Geburt verkündete, als die Menschen noch keine blasse Ahnung hatten von dem Nahen des wahren Gottes, damals begann trotzdem das KAPITAL bereits die Handlungen der Menschen zu leiten. Es hauchte in den Geist der Christen Europas den wilden Taumel ein, der sie in Heeren, enger geschart als Ameisentrupps, auf die Straßen nach Asien trieb. Zu jener Zeit waren die Führer der Menschen plumpe Feudalherren, die in ihren Rüstungen lebten wie Hummer in ihrer Schale, die sich von grobem Fleisch und schweren Getränken ernährten, kein anderes Vergnügen schätzten als Lanzenstechen, keinen anderen Luxus kannten als das wohlgehärtete Schwert. Unser Gott mußte sich auf das Niveau der bleiernen Intelligenz dieser Viehnaturen herablassen, um sie in Bewegung zu setzen. Er pflanzte ihnen die Idee ein, das Kreuz zu nehmen, nach Palästina zu ziehen und die Steine eines Grabes zu befreien, das nie existiert hatte. Aber der himmlische Plan Gottes war, sie zu den Füßen der Kurtisanen des Orients zu führen, sie in Luxus und Wohlstand zu berauschen, in ihren Herzen die göttliche Leidenschaft, die Liebe zum Gold zu nähren.

Als sie in ihre düsteren Behausungen zurückkehrten, die Sinne noch verwirrt vom Glanz der Feste, von den Wohlgerüchen Arabiens und den Küssen der glatten Huren, da bekamen sie einen Ekel vor ihren linkischen und behaarten Weibern, die nur spinnen und Kinder gebären konnten, sie erröten über ihr Barbarentum, sie erbauten die Städte des Mittelmeeres, sie riefen die könglichen und herrschaftlichen Höfe ins Leben, und bereiteten so die Ankunft des GOTT-KAPITALS vor.

Ich sage es euch aufrichtig, die Kurtisane ist unserem Gott teurer als dem Finanzmann das Geld des Aktionärs. Sie ist seine heißgeliebte Tochter, von allen Frauen diejenige, die am gelehrigsten seinem Willen gehorcht. Die Kurtisane handelt mit dem, was man weder wägen noch messen kann, mit der immateriellen Sache, der die geheiligten Regeln des Tausches nicht ankönnen; sie verkauft die Liebe, wie der Krämer seinen Talg verschließt, wie der Dichter Verse losschlägt. Aber indem sie die Liebe verkauft, verkauft die Kurtisane sich selbst, gibt ihrer Persönlichkeit einen wirtschaftlichen, einen Marktwert. Der Körper der Kurtisane nimmt damit an den Eigenschaften unsere Gottes teil; er wird ein Stück Gott, er wird KAPITAL. Die Hure ist die Menschwerdung Gottes.

Ihr seid einfältiger als die Kälber auf der Weide, ihr Dichter und Romanciers, die ihr die Kurtisane herunterreißt, weil sie ihren Körper nur gegen Bezahlung hingibt. Die ihr sie mit Schmutz bewerft, weil sie ihre Reize in schwerem Geld taxiert. Ihr wollt wohl, daß sie das Göttliche, was ihr Körper birgt, profaniert, daß sie es so gemein macht wie Steine am Weg? Oh ihr Moralisten, ihr Brutanstalten für alle Laster, ihr scheltet sie Verbrecherin, weil sie das blinkende Gold dem liebesglühenden Herzen vorzieht! Stumpfsinnige Philosophen, die ihr seid, ihr haltet die Kurtisane wohl für einen Sperber, der sich mit zuckendem Fleisch vollstopft? Glaubt ihr in eurem reizenden Geiz etwa, daß die Hure weniger begehrenswert ist, weil sie gekauft werden muß? Muß man nicht auch das Brot kaufen, das unser Leben enthält, den Wein, der uns die Sorgen vergessen macht? Kauft man nicht auch das Gewissen der Volksvertreter, die Kenntnisse des Ingenieurs, die Ehrlichkeit des Kassiers?

Aber die Kurtisane, die die Gnade Gottes, des KAPITALS, zu verdienen sucht, verstopft sich die Ohren bei euren Reden, die noch weniger angehört werden, als das Geschrei der Gänse, wenn sie gerupft werden; sie umgibt ihre Seele mit einer eisigen Hülle, die das Feuer keiner Liebe schmelzen kann.

Denn wehe, dreimal wehe der Kameliendame, die sich hingibt und nicht verkauft! Gott wendet sein Antlitz von ihr ab. Wenn ihr Herz ergriffen wird, wenn ihre Sinne dem Käufer von Liebe sprechen, so findet der, der auf den Geliebten des Herzens folgt, nur noch einen erschöpften, verbrauchten Körper.

Gott Kapital verflucht jene Dirnen, die sich für einige Mark, für einige Nickel dem Arbeiter und dem Soldaten verkaufen! Gott, furchtbarer als die Pest, martert dieses Viehzeug des Vergnügens der Armen, vergiftet den Körper dieser Fledermäuse der Venus, liefert sie den Louis der Gosse aus, die sie schlagen und ausplündern, er unterstellt sie wie das angefaulte Fleisch auf dem Markt der Polizeikontrolle.

Die Kurtisane muss sich mit anziehender Kälte wappnen. An dem Marmor ihres Körpers, der nichts von Leidenschaft fühlt, muß der Käufer seine brennenden Lippen erschöpfen, ohne dessen Frische zu beeinträchtigen. Nicht das Feuer ihrer Hände und die Glut ihrer Umarmungen, sondern die fiebernde Hitze des eigenen Blutes muß ihn berauschen. Während er in ihren Armen seinen Körper zugrunde richtet, denkt ihre freie Seele an das Geld, das sie zu erlangen hat. Die Hure betrügt den, der sie kauft; sie nötigt ihn, das Vergnügen mit Gold aufzuwiegen, das er selbst mitbringt. Und weil sie ihre Liebesware fälscht, segnet sie unser Gott, denn die Fälschung gilt ihm als religiöse Tugend.

Frauen, die ihr mich anhört, ich habe euch das mystische Geheimnis der rätselhaften Kälte der Kurtisane enthüllt! -

So ladet die marmorne Kurtisane die gesamte Klasse der Auserwählten des KAPITALS zum Gastmahl an ihrem Körper ein und spricht zu ihnen. Esset und trinket, dies ist mein Leib, dies ist mein Blut!

Sie ist meine Erzieherin, welche Gott den Söhnen seiner Auserwählten sendet. Sie unterrichtet sie in dem gelehrten Raffinement des Luxus und der Wollust.

Sie ist die Trösterin, die Gott seinen Auserwählten zuerteilt. Bei ihr vergessen sie die legitimen Frauen, die so langweilig sind wie ein Landregen im Herbst.

Die treue Gattin und gute Hausfrau, welche von den Männern von Welt ebenso eifrig gepriesen, wie allein zu Hause gelassen wird, isoliert den Mann von seinesgleichen und entwickelt in ihm die Eifersucht, diese antisoziale Eigenschaft, sie macht ihn zum Gefangenen des häuslichen Herdes, des Familienegoismus. Viel schöner ist dagegen die Rolle der Kurtisane: Wenn das Geld die Menschen trennt, so führt sie sie wieder zusammen. Leute, deren Interessen sich feindlich gegenüberstehen, fraternisieren in ihrem Boudoir; ein geheimer, unerklärlicher, aber tiefer und unwiderruflicher Pakt bindet sie, sie haben von ein und derselben Hure gegessen und getrunken, sie haben vom selben Altar das Abendmahl genossen.

Mit mehr Kraft als die Gärstoffe den jungen Wein zum Gären, treibt die Kurtisane den Reichtum in einen schwindelnden Wirbel. Sie reißt die festgelegtesten Vermögen in den lustigen Tanz der Millionen; in ihren kalten und nachlässigen Fingern zerfließen Bergwerke, Fabriken, Banken, Staatspapiere, Weinberge, Getreideländereien und Wälder wie Schnee in der Sonne, und strömen in die tausend Kanäle des Handels und der Industrie. Ein dichter Schwärm von Dienern, von Händler und Wucherern umlagert sie, gleich Würmern, die das Aas anzieht; sie haben unergründliche Taschen, um den Goldregen aufzufangen, der sich ergießt, wenn sie ihr Kleid aufschürzt. Ein Muster von Selbstlosigkeit, ruiniert die Kurtisane ihre Liebhaber zugunsten von Dienern und Lieferanten, die sie wiederum betrügen, und unter ihnen sucht sich Gott KAPITAL mit Vorliebe seine Auserwählten.

Die Künstler und Gewerbsleute würden im Fett ihrer Mittelmäßigkeit ersticken, wenn die Kurtisane sie nicht zwänge, ihr Gehirn anzustrengen und immer neue Genüsse, immer neue, nie zuvor gekannte Nichtigkeiten zu ersinnen. Denn in ihrem Durst nach dem Ideal hat die Kurtisane das, was sie besitzt, nur, um einen Ekel davor zu bekommen, kostet sie ein Vergnügen nur, um seiner überdrüssig zu werden.

Die arbeitssparende Maschine würde die arbeitenden Klassen zum Müßiggang, diesem Urheber aller Laster, verurteilen, aber die Kurtisane erhebt die Verschwendung zur Höhe einer sozialen Tugend und steigert ihren Luxus und ihre Ansprüche in dem Maße, wie die gewerbliche Technik fortschreitet, auf dass es den Verdammten des Proletariats nicht an Arbeit, dieser Mutter aller Tugenden, mangle.

Die Kurtisane, welche mehr Vermögen verschlingt und mehr Produkte zerstört, als eine Armee im Felde, ist dem Gott KAPITAL am liebsten; die Fabrik- und Handelsherren beten sie an,sie ist der Schutzgeist, der Handel und Gewerbe belebt und kräftigt.

Höher und reiner als die falschen Religionen der Vergangenheit, verzichtet die Religion des KAPITALS darauf die Gleichheit der Menschen zu verkünden - eine Minderheit, eine verschwindende Minderheit nur ist berufen, sich der Gunst des KAPITALS zu erfreuen. Nicht mehr macht, wie in Urzeiten, der Phallus die Menschen gleich. Nur für seine Auserwählten bewahrt Gott solche kostbaren und feinen Gaben von Natur und Kunst, wie die höhere Kurtisane.

Die Hure, die Gott für die Reichen und Mächtigen aufzieht, bildet und pflegt, lebt herrlich und in Freuden. Respektable und respektierte Männer des Adels und der Bourgeoisie betteln um die Ehre, diejenige zur Frau in der Gesellschaft machen zu dürfen, die bis dahin Frau der Gesellschaft war - sie schließt die Serie ihrer tollen Hochzeiten mit einer Vemunftheirat. Im Frühling ihrer Jahre legen ihr die Reichen ihre Herzen, die sie verachten, und ihre Schätze, die sie verschleudert, zu Füßen; Künstler und Literaten scharwenzeln um sie herum und schmeicheln ihr in der servilsten und plattesten Weise. Wenn sie im Herbst ihres Lebens, träge und fett geworden, das Geschäft schließt und "ein Haus macht", so widmen ihr ernste Männer und sittsame Frauen ihre Pflege und Aufmerksamkeit, um das Glück zu ehren, das ihre geschlechtliche Arbeit belohnte.

Gott überhäuft die Kurtisane mit seinem Segen. Hat sie die Natur nicht mit Schönheit und Geist gesegnet, so stattet er sie mit Schick, der Pikanterie, mit Rasse aus - Dinge, welche die erhabene Seele seiner Auserwählten bis zur Raserei hinreißen.

Gott schützt sie vor den Schwächen ihres Geschlechtes. Die Rabenmutter Natur verurteilt die Frau zu harten Arbeit der Fortpflanzung der Art, aber die Schmerzen der mütterlichen Wehen suchen nur die Geliebten, die Gattinnen heim. Der Hure erspart Gott die mißgestaltende Schwangerschaft und die Qual des Gebärens, er verleiht ihr die so beneidete Gabe der Unfruchtbarkeit. Die Gattin, die Geliebte sind es, welche gezwungen sind, zur heiligen Maria zu beten und das heiße Gebet der Ehebrecherin an sie zurichten: "O heilige Jungfrau, die du empfangen hast, ohne zu sündigen, gib, daß ich sündige, ohne zu empfangen". Die Hure gehört dem dritten Geschlecht an - sie überläßt der gemeinsamen Frau das schmutzige und lästige Geschäft, die Menschheit fortzupflanzen.*

Bis jetzt rekrutieren sich die Kurtisanen der zivilisierten Welt gewöhnlich aus den ärmeren Kreisen - aber ist es nicht eine Schande, ist es nicht wahrhaft herzbrechend, sehen zu müssen, wie diejenigen, die einen so hohen Platz in der Gesellschaft einnehmen, aus dem Straßenkot gelesen werden?

Oh meine Zuhörerinnen, die ihr den höheren Klassen angehört, erinnert euch, wie einst der Adel Ludwig dem Fünfzehnten Vorwürfe darüber machte, daß er seine Beischläferinnen aus dem Bürgerstand nahm! Reklamiert als eines eurer köstlichsten Privilegien das Recht, den Auscrwählten des KAPITALS Kurtisanen zu stellen! Schon beginnt eine immer größere Zahl von euch, sich über die tristen Pflichten der Gattin hinwegzusetzen und sich gleich Kurtisanen zu verkaufen, aber sie tun es noch heimlich, heucheln noch dabei. Schüttelt das Joch der altmodischen, idiotenhaften Vorurteile, das höchstens für Sklavinnen paßt, von euch ab, werft es zu Boden, tretet es mit Füßen. GOTT-KAPITAL hat der Welt eine neue Moral gegeben, er hat das Dogma der menschlichen Freiheit proklamiert. Und wie erlangt man die Freiheit? Dadurch, daß man das Recht erobert, sie zu verkaufen! Befreit euch von dem Ehejoch, indem ihr euch verkauft!

In der kapitalistischen Gesellschaft gibt es keine ehrenvollere Aufgabe als die der Kurtisane! Blickt um euch, betrachtet die Arbeit der Näherin, der Stickerin, der Spinnerin usw. und vergleicht mit derselben die der Kurtisane. Nach ihrem langen, eintönigen Arbeitstag seht ihr die Arbeiterin, blaß und abgerackert, einen dürftigen Lohn in der mageren Hand, der gerade hinreicht, sie am Verhungern zu hindern. Die Hure hingegen erhebt sich frisch und munter, wie ein junger Gott, von ihrem Bett oder Kanapee, schüttelt ihr parfümiertes Lockenhaar und zählt nachlässig ihre Goldfüchse und Banknoten. Ihr breitgestirnten Philosophen, die ihr nur die alte, abgelebte Moral wiederzukäuen wißt, sagt doch, welche Arbeit ist unserem Gott angenehmer, die der Arbeiterin oder die der Hure? Das KAPITAL beweist seine Achtung vor einer Sache durch den Preis, um den es ihr gestattet, sich zu verkaufen. Nun, ihr scheinheiligen Moralpriestcr, welche Arbeit der Hand oder des Kopfes wild so hoch bezahlt, wie die des Geschlechtes? Sind das Wissen des Gelehrten, der Mut des Soldaten, der Geist des Schriftstellers, die Geschicklichkeit des Arbeiters je annähernd so hoch bezahlt worden als die Umarmungen einer Cora Pearl? Die Arbeit der Kurtisane ist eine geheiligte Arbeit, die Gott höher belohnt als jede andere.

Teuerste Schwestern, hört mich an, Gott spricht aus meinem Munde: Wenn ihr so gottverlassen seid, die erdrückende, Geist und Körper abrackernde Arbeit der Fabriksklavin nicht zu verabscheuen, das vegetierende Dasein der in der Familie zu klösterlicher Haft und zur schmutzigen Sparsamkeit verdammten Hausfrau zu ersehnen, als Einsiedlerin am häuslichen Herd zu sitzen, wahrend der Mann eure Mitgift zur Hure schleppt, so prostituiert euch nicht!

Wenn ihr aber auf euer Glück sinnt, so prostituiert euch!

Wenn ihr zuviel Adel der Seele in euch fühlt, um die erniedrigende Arbeit der Arbeiterin und das verdummende Dasein der Hausfrau auf euch zu nehmen, so prostituiert euch! Wenn ihr die Königin der Feste und Freuden der Zivilisation sein wollt, so prostituiert euch!

Das ist die Gnade, die ich euch wünsche. Amen!



IV. Der Hohepriester oder Andachtsbüchlein des Unternehmers

Dieses Buch hat in den Händen mehrerer Kapitalisten zirkuliert und ist von ihnen mit Noten versehen worden. Hier einige derselben:
"Es ist anzunehmen, daß diese Vorschriften der göttlichen Weisheit von dem plumpen Begriffsvermögen der Lohnarbeiter falsch ausgelegt werden. Ich meine daher, daß man sie in Volapük oder irgendeine andere heilige Sprache übersetzen sollte". gez.: Chagot (im Original: Jules Simon)
"Man sollte sich die jüdischen Schriftgelehrten zum Muster nehmen, die den Laien die Lektüre des Hohepriesters Salomonis untersagten, und das Andachtsbüchlein des Unternehmers nur Eingeweihten mitteilen, die mindestens eine Million Mark besitzen", gez.: Bleichröder
"Eine Million Mark scheint mir zu lumpig. Schlage eine Million Dollars vor". gez.Jay Gould .

1. Die Natur des Gott-Kapitals

1. Denke nach über die Worte des KAPITALS, deines Gottes.

2. Ich bin der menschenfressende Gott, ich setze mich in den Fabriken zu Tisch und verspeise die Arbeiter. Ich verwandle ihre Substanz in göttliches KAPITAL. Ich bin das unendliche Rätsel: meine Substanz ist ewig und doch nur vergängliches Fleisch, meine Allmacht ist nichts als die Schwäche der Menschen. Die träge Kraft des KAPITALS ist die Lebenskraft des Arbeiters.

3.Ich bin die unermeßliche Seele der zivilisierten Welt; mein Körper ist unendlich vielfach und mannigfaltig. Ich lebe und webe in jedem, was da gekauft und verkauft wird. Ich wirke in jeder Ware, keine hat außerhalb meiner lebendigen Einheit eine eigene Existenz.

4. Ich glänze im Gold und stinke im Mist, ich gare im Wein und bin Gift im Vitriol. Ich lebe in allem.

5. Der Mensch sieht, fühlt, riecht und schmeckt meinen Körper, aber mein Geist ist feiner als Äther und unbegreiflich für die Sinne. Mein Geist ist K r e d i t. Es bedarf keines Körpers, um sich zu offenbaren.

6. Ich belebe und verwandle alle Dinge. Ein geschickterer Chemiker als Berzelius und Gerhardt, verwandle ich weite Fluren, schweres Metall und brüllender Herden in Aktien von Papier. Und leichter als Knallgasbläschen, wenn der elektrische Draht sie treibt, tanzen und hüpfen an der Börse, meinem geheiligten Tempel, von Hand zu Hand Kanäle und Hochöfen, Fabriken und Bergwerke.

7. In den Ländern, wo die Bank herrscht, geschieht nichts ohne mich. Ich befruchte die Arbeit, ich presse die unwiderstehlichsten Kräfte der Natur in den Sklavendienst des Menschen und stelle ihm als mächtigen Hebel die Summe der erworbenen Wissenschaften zur Verfügung.

8. Ich umgarne die menschliche Gesellschaft mit dem goldenen Netz des Handels und der Industrie.

9. Der Mensch, so er kein KAPITAL hat, wandelt nackt durch das Leben, umgeben von wilden Feinden, die ausgerüstet sind mit allen Waffen der Marterung und des Todes.

10. Wenn er stark ist wie ein Stier, wird man die Last seiner Schultern vermehren, wenn er fleißig ist wie eine Ameise, wird man das Arbeitspensum verdoppeln, wenn er genügsam ist wie ein Esel, wird man seine Ration kürzen.

11. Was sind Wissenschaften, Arbeit und Tugend ohne KAPITAL? Eitelkeit und Jammer.

12. Denn ohne die Gnade des KAPITALS leitet die Wissenschaft den Menschen abseits in die Pfade des Wahnsinns, stürzen ihn Arbeit und Tugend in den Abgrund des Elends.

13. Weder Wissenschaft noch Tugend, noch Arbeit befriedigen den Geist des Menschen. Ich bin es, der die hungrige Meute seiner Gelüste und seiner Leidenschaften befriedigt.

14. Ich gebe mich hin und entziehe meine Gegenwart nach Wohlgefallen, ich lege keinerlei Rechenschaft ab. Ich bin der ALLMÄCHTIGE, der über die Dinge herrscht, so da belebt sind, und über die, so da unbelebt sind.

2. Der Auserwählte des KAPITALS

l. Der Mensch, dieser verdorbene Haufen Erde, kommt nackt zur Welt, um, gleich einer Gliederpuppe in einen Kasten eingeschachtelt, unter der Erde zu faulen, und seine Asche düngt das Gras des Feldes.

2. Und so ist es dieser Sack voller Stank, den ich auserkoren habe, mich zu vertreten. Mich, das KAPITAL, mich, das mächtigste Wesen unter der Sonne.

3. Ich erwähle meinen Erkorenen weder um seiner Intelligenz, noch um seiner Schönheit, noch um seiner Jugend willen, sondern weil es mir gerade gefällt.

4. Seine Dummheit, seine Laster, seine Häßlichkeit und sein Alter sind Beweise für meine unberechenbare Macht.

5. Die Menschen finden die Albernheit des Kapitalisten geistreich, sie versichern ihm, daß sein Genie der Wissenschaft der Pedanten nicht bedarf. Die Dichter bitten ihn, sie zu inspirieren, die Künstler warten auf seinen Knien auf seine Kritik, die Frauen schwören ihm, er sei ihr Ideal, die Philosophen deuten seine Laster zu Tugenden, und die Ökonomen entdecken, daß sein Nichtstun allein es ist, das alles in Bewegung setzt.

Weil ICH ihn zu meinem Auserwählten gemacht, erblicken sie alle im Kapitalisten die Verkörperung der Tugend, der Schönheit, des Genies.

6. Eine Herde von Lohnarbeitern arbeitet für den Auserwählten, während er ißt, trinkt, schäkert und schläft.

7. Der Kapitalist arbeitet weder mit der Hand noch mit dem Kopf.

8. Er hat Arbeitsvieh - Männer und Weiber - um das Land zu beackern, das Eisen zu schmieden, Stoffe zu weben; er hat Direktoren und Vormänner, um es zu regieren, er hat Gelehrte, um zu denken. Der Kapitalist weiht sich der Arbeit für die Latrine. Er ißt und trinkt, um Dung zu produzieren.

9. Ich überhäufe den Auserwählten mit beständigem Wohlbefinden. Denn was gibt es Bessere und Reelleres auf der Erde, als zu essen, zu trinken, zu schäkern und sich zu ergötzen? Der Rest ist nichts als Eitelkeit und Jammer.

10. Ich lindere die Leiden aller Art, damit die Erde schön und angenehm für die Auserwählten sei.

11. Das Gesicht hat sein Organ, der Geruch, das Gefühl, der Geschmack, das Gehör, die Liebe haben auch ihre Organe. Ich versage dem Auserwählten nichts, was sein Auge, sein Mund sowie seine anderen Organe begehren.

12. Die Tugend hat ein doppeltes Antlitz: die Tugend des Kapitalisten heißt Genießen, die Tugend des Arbeiters heißt Entbehren.

13. Der Kapitalist nimmt auf Erden, was ihm gefällt, er ist der Herr. Wenn er der Frauen übersatt ist, läßt er seine Sinne durch halbreife Kinder reizen.

14. Der Kapitalist ist das Gesetz. Der Gesetzgeber verfertigt Gesetze nach seinem Bedürfnis, die Philosophen passen die Moral seinen Sitten an . All sein Tun ist gerecht und gut. Jede Handlung, die seine Interessen verletzt, ist Verbrechen und wird bestraft.

15. Ich behalte den Auserwählten ein Glück vor, das den Lohnarbeitern unbekannt bleibt. Profit zu machen ist die erhabenste Freude. Wenn der Auserwählte Profit einstreicht, so verliert er seine Mutter, seine Frau, seine Kinder, seinen Hund und seine Ehre und bewahrt sich seinen Gleichmut. Keinen Profit machen ist dagegen das nicht wieder gutzumachende Unglück, für das der Kapitalist keinen Trost kennt.



3. Die Pflichten des Kapitalisten

1.Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt. Mit jedem Tage vermindere ich die Zahl meiner Auserwählten.

2. Ich gebe mich den Kapitalisten hin, ich verteile mich unter sie. Jeder Auserwählte erhält nur einen Teil des einzigen KAPITALS, aber er behält es nur, wenn er es vermehrt, wenn er es Profite tragen macht. Das KAPITAL zieht sich zurück von dem, der seine Gesetze nicht erfüllt.

3. Ich habe den Kapitalisten dazu auserwählt, daß er Mehrwert herausschlage - seine Mission ist es, Profit anzuhäufen.

4. Um frei und ungebunden sich dieser Jagd nach dem Profit hingeben zu können, entledigt sich der Kapitalist aller Freundschaftsbande. Wo es einen Gewinn einzustreichen gibt, kennt er weder Freund noch Bruder, noch Frau, noch Mutter, noch Kinder.

5. Es erhebt sich über jene nichtigen Abgrenzungen, welche der Haufen der Sterblichen ein Vaterland, in eine Partei einpferchen. Bevor er Preuße oder Franzose, Russe oder Pole, Engländer oder Irländer ist, ist der Kapitalist Ausbeuter. Er ist nur nebenbei Monarchist oder Republikaner, konservativ oder radikal. Das Gold hat eine Farbe, aber der Kapitalist hat dem Golde gegenüber keine Gesinnung.

6. Der Kapitalist streicht mit demselben Gleichmut das mit Tränen besetzte, das mit Blut befleckte, das mit Kot beschmutzte Geld ein.

7. Er bringt dem gemeinen Vorurteil kein Opfer. Er ist nicht Fabrikant, um gute Ware zu liefern, sondern um Waren zu fabrizieren, die fette Verdienste bringen. Er gründet nicht Aktiengesellschaften, um Dividenden an die Aktionäre zu verteilen, sondern um ihre Kapitalien an sich zu bringen, auf die sie kein Recht haben. Denn der kleine Kapitalist ist verdammt, zu verschwinden, verschlungen zu werden vom großen Kapitalisten. Das ist das Gesetz des KAPITALS.

8. Wenn ich einen Menschen zur Würde des Kapitalisten erhebe, so übertrage ich auf ihnen einen Teil meiner Allmacht über Menschen und Dinge.

9. Der Kapitalist sagt: Die Gesellschaft, das bin ich, die Moral, das ist mein Interesse.

10. Wenn ein einziger Kapitalist an seinen Interessen verletzt wird, so leidet die ganze Gesellschaft. Denn die Unmöglichkeit, das KAPITAL zu vermehren, ist das größte aller Übel - das Übel, für das es keine Entschädigung gibt.

11. Der Kapitalist läßt produzieren, aber er produziert nicht. Jede körperliche oder geistige Beschäftigung ist ihm untersagt. Sie würde ihn von seinem heiligen Berufe, Profite anzuhäufen, ablenken.

12. Der Kapitalist wird nicht zum metaphysischen Eichhörnchen, das sein Rad dreht und nur Wind mahlt.

13. Er kümmert sich nur wenig darum, ob die Himmel Gottes Ruhm verkünden; er stellt keine Untersuchungen darüber an, ob die Grille mit ihrem Hintern oder mit Ihren Flügeln zirpt, oder ob die Ameise ein Kapitalist ist.

14. Er kümmert sich weder um den Anfang noch um das Ende der Dinge, aber er läßt sie Profit eintragen.

15. Er läßt die von der Seuche der offiziellen Ökonomie Befallenen über Monometallismus und Bimetallismus deklamieren, aber er sackt ohne Unterschied alle Goldfüchse und Silberlinge ein, deren er habhaft werden kann.

17. Er erlaubt den Gelehrten, die dazu gerade gut genug sind, den Naturerscheinungen auf den Grund zu gehen, und den Erfindern, auf die Anwendung der Naturkräfte in der Industrie zu sinnen. Aber er ermächtigt sich schleunigst ihrer Erfindungen, sobald sie ausbeutungsfähig sind.

18. Er quält sein Hirn nicht ab mit der Untersuchung, ob das Schöne und das Gute ein und dasselbe seien, aber er leistet sich Trüffeln, die so gut zu essen sind, und häßlicher aussehen als der Abgang der Schweine.

19. Er klatscht Beifall den Reden über die "ewigen Wahrheiten", aber er verdient Geld mit Fälschungen, wie sie der Tag mit sich bringt.

20. Er spekuliert nicht über das Wesen der Tugend, des Gewissens und der Liebe, sondern über ihren Kauf und Verkauf.

21. Er untersucht nicht, ob die Freiheit an sich ein Gut ist; er nimmt sich alle Freiheiten und läßt dem Arbeiter nur den Namen derselben.

22. Er streitet nicht darüber, ob Recht vor Macht geht, denn er weiß, daß er alle Rechte hat, weil er das KAPITAL hat.

23. Er ist weder für noch gegen das allgemeine Wahlrecht, weder für noch gegen das beschränkte Wahlrecht; er kauft die Wähler des beschränkten Wahlrechtes und streut den Wählern des allgemeinen Wahlrechtes Sand in die Augen. Im Ganzen ist er mehr für das allgemeine Wahlrecht, weil es billiger ist. Denn wo er beim beschränkten Wahlrecht die Wähler und den Gewählten kaufen müßte, braucht er beim allgemeinen Wahlrecht nur den Gewählten zu kaufen.

24. Er mischt sich nicht in das Geschwätz über Freihandel und Schutzzoll ein; er ist abwechselnd Freihändler und Schutzzöllner, wie es gerade das Geschäft für ihn mit sich bringt .

25. Er hat kein Prinzip, nicht einmal das, kein Prinzip zu haben.

26. Der Kapitalist ist in meiner Hand eine eherne Rute, um die ungelehrige Herde der Lohnarbeiter zu lenken.

27. Der Kapitalist erstickt in seinem Herzen jedes menschliche Gefühl, er kennt kein Erbarmen. Er behandelt seine Mitmenschen härter als sein Lastvieh. Männer, Frauen und Kinder sind für ihn nur Piofiterzeugungsmaschinen. Er umgürtet sein Herz mit Eisen, auf daß seine Augen die Leiden der Arbeiter betrachten, seine Ohren ihren Wut- und Schmerzensschrei vernehmen können, ohne daß es ihn rührt.

28. Wie eine hydraulische Presse langsam sich senkt und die zu bearbeitende Fruchtmasse bis zur vollkommensten Austrocknung zusammendrückt, sie auf das kleinste Gewicht reduziert, so preßt und windet der Kapitalist den Arbeiter, bis er die Arbeit, welche den Muskeln desselben innewohnt, aus ihm herausgezogen hat.

29. Der Kapitalist, der den Arbeiter schont, verrät mich und sich selbst.

30. Der Kapitalist macht Männer, Frauen und Kinder zu Handelsartikeln, damit derjenige, der weder Talg, noch Wolle, noch irgendeine andere Ware besitzt, wenigstens seine Muskelkraft, seine Fähigkeit, sein Wissen verkaufen kann. Um sich in KAPITAL zu verwandeln, muß der Mensch vorher Ware werden.

31. Ich bin das KAPITAL, der Herr des Weltalls, der Kapitalist ist mein Vertreter. Vor ihm sind alle Menschen gleich, ohne Unterschied sind sie meiner Ausbeutung unterworfen. Der Tagelöhner, der seine Muskelkraft verdingt, der Ingenieur, der sein technisches Wissen ausbietet, der Kassierer, der seine Ehrlichkeit verkauft, der Volksvertreter, der seine Stimme verschachert, das Freudenmädchen, das seinen Körper preisgibt, sie alle sind für den Kapitalisten Ausbeutungsobjekte.

32. Er nötigt den Arbeiter, sich mit grober und verfälschter Nahrung zum Wiederersatz seiner Arbeitskraft zu behelfen, auf daß er sie billig verkaufen kann.

33. Er zwingt den Arbeiter, sich zu eigen zu machen die Askese des Einsiedlers, die Geduld des Esels, die Ausdauer des Ochsen bei der Arbeit.

34. Der Arbeiter gehört dem Kapitalisten, er ist sein Gut, seine Sache. In der Werkstatt, wo sich niemand darum zu scheren hat, wann die Sonne aufgeht und wann die Nacht beginnt, läßt er den Arbeiter durch hundert wachsame Augen beobachten. Denn weder mit einer Bewegung noch mit einem Wort darf derselbe seine Arbeit unterbrechen.

35. Die Zeit des Arbeiters ist Geld, jede Minute, die er verloren gehen lässt, ist ein Diebstahl, den er begeht.

36. Der Druck des Kapitalisten folgt dem Arbeiter wie ein Schatten bis in die Hütte. Denn der Arbeiter darf weder seinen Geist noch seinen Körper durch Belustigungen überanstrengen. Der Lohnarbeiter soll von der Werkstatt in seine Behausung gehen, sofort essen und sich niederlegen, auf dass er am folgenden Tage seinem Herren einen frischen und anspannungsfähigen Körper mitbringe.



4. Grundlehren der göttlichen Weisheit

l. Der Matrose wird vom Sturm überfallen, der Bergmann lebt zwischen Grubenfeuer und Erdsturz, den Fabrikarbeiter gefährdet das Räderwerk der Maschinen; überall drohen dem Lohnsklaven, der arbeitet, Tod und Verstümmelung. Der Kapitalist, der nicht arbeitet, ist vor jeder Gefahr geschützt.

2. Die Arbeit rackert ab und tötet, aber bereichert nicht. Man erwirbt nicht Vermögen dadurch, daß man selbst arbeitet, sondern dadurch, daß man andere arbeiten läßt.

3. Das Eigentum ist die Frucht der Arbeit und die Belohnung des Müßigganges.

4. Man presst nicht Wein aus einem Kiesel, noch Profit aus einem Leichnam; nur Lebende sind zur Ausbeutung zu gebrauchen. Der Henker, der einen Verbrecher abtut, betrügt den Kapitalisten um sein Ausbeutungsobjekt.

5. Das Geld und sein Ertrag haben keinen Geruch.

6. Durch seine Menge gleicht das Geld jede Schandtat aus.

7. Das Geld ist die Tugend des Besitzenden.

8. Wohltun trägt keine Zinsen.

9. Es ist mehr wert, wenn du dir beim Schlafengehen sagen kannst, ich habe ein gutes Geschäft gemacht, als: ich habe eine gute Tat begangen.

10. Der Kapitalist, der seine Arbeiter 14 von 24 Stunden arbeiten lässt, hat seinen Tag nicht verloren.

11. Schone weder den guten noch den schlechten Arbeiter, denn das gute wie das schlechte Pferd bedarf der Sporen.

12. Der Baum, der keine Früchte trägt, wird ausgerissen und verbrannt; der Arbeiter, der keinen Profit bringt, muß zum Hungern verurteilt werden.

13. Dem Arbeiter, der sich empört, gib Blei zu fressen.

14. Das Blatt des Maulbeerbaumes braucht mehr Zeit, um Seide zu werden, als die Arbeitskraft, um sich in KAPITAL zu verwandeln.

15. Im Großen stehlen und im Kleinen zurückgeben, heißt Philanthropie.

16. Die Lohnarbeiter an seiner Bereicherung mitarbeiten lassen, heißt Kooperation.

17. Den Löwenanteil von den Früchten der Arbeit nehmen, heißt Teilhaberschaft.

18. Der Kapitalist ist der Anhänger der Freiheit. Er gibt kein Almosen, denn das Almosen raubt dem Arbeitslosen die Freiheit, Hungers zu sterben.

19. Die Menschen sind Maschinen zum Produzieren und Konsumieren. Der Kapitalist kauft die einen und verkauft ihre Produkte an die anderen.

20. Der Kapitalist hat in seinem Mund zwei Zungen, eine, deren er sich beim Kaufen, eine andere, deren er sich beim Verkaufen bedient.

21. Alle Welt bestehlen, heißt niemanden bestehlen.

22. Ehre und Zartgefühl sind Gift beim Geschäft.

23. Mißtraue dem unehrlichen Menschen, aber vertraue dich nicht dem ehrlichen an.

24. Die Geldstücke sind mit dem Bild des Regenten oder der Republik ausgeprägt, weil sie wie die Vögel unter dem Himmel nur dem gehören, der sie wegfängt.

25. Die Fünfmarkstücke werden immer wieder aufgehoben, auch wenn sie in den Dreck fallen.

26. Du mühst dich ab um viele Dinge, du schaffst dir viele Sorgen, du möchtest ehrlich sein, du geizest nach Wissen, du buhlst um Stellen und Ehren. Und all dies ist doch nur Eitelkeit und Jammer, eines nur tut not: KAPITAL und wiederum KAPITAL.

27. Die Jugend verblüht und die Schönheit verwelkt, nur das Geld altert nicht, noch bekommt es Runzeln.

28. Das Gold ist die Seele des Kapitalisten, die Triebfeder seiner Handlungen.

29. Wahrlich, ich sage euch, es ist mehr Ruhm, eine mit Gold und Banknoten gefüllte Brieftasche zu sein, als ein Mensch, so reich beladen mit Talenten und Tugenden wie ein Esel, der zum Markt trabt.

30. Genie, Geist, Schamhaftigkeit, Ehrlichkeit und Schönheit existieren nur dadurch, dass sie einen Marktwert haben.

31. Tugend und Arbeit sind nur nützlich und einträglich, so sie der andere übt. Es gibt nichts besseres für den Kapitalisten, als essen, trinken und der Venus frönen. Nichts bleibt ihm so sicher, wenn das Ende seiner Tage gekommen, als das, was er buchstäblich genossen.

32. So lange der Kapitalist unter den Menschen weilt, die die Sonne erwärmt und bescheint, soll er genießen und der Freude leben. Denn man ist nur einmal jung, und niemand kann dem schlimmen und häßlichen Alter entgehen, das den Menschen beim Kopf erfaßt und ihm dem Tode zuführt.

33. In dem Grabe, wohin du gehst, wirst du nur Würmer finden.

34. Außer einem vollen Bauch, der fröhlich verdaut, und kräftigen, befriedigten Sinnen ist nichts als Eitelkeit und Jammer.



5. Ultima Verba*

1. Ich bin das KAPITAL, der König der Welt.

2. Ich schreite einher, begleitet von der Lüge, dem Neid, dem Geiz, dem Betrug und dem Mord. Ich trage den Krieg in die Städte und in die Familien. Wo ich vorüberziehe, säe ich Wut, Verzweiflung, Trostlosigkeit.

3. Ich bin der unerbittliche Gott. Ich fühle mich wohl inmitten der Zwietracht und der Leiden. Ich martere die Lohnarbeiter und schone nicht meiner Auserwählten, der Kapitalisten.

4. Der Lohnarbeiter vermag sich mir nicht zu entziehen. Und wenn er, vor mir her fliehend wie das gehetzte Wild, die Berge überschreitet, so findet er mich jenseits der Berge wieder, und wenn er, um sich vor mir zu retten, den Ozean durchmißt, so warte ich seiner an dem Ufer, da er landet. Der Lohnarbeiter ist mein Gefangener und die Erde ist mein Gefängnis.

5. Ich mäste die Kapitalisten mit einem schwerfälligen und stupiden Wohlstand. Meine Auserwählten sind physische und geistige Eunuchen. Ihre Nachkommenschaft geht zugrund in Blödsinn und Impotenz.

6. Ich überschütte die Kapitalisten mit allem, was wünschenswert ist, aber ich nehme ihnen jeden Wunsch. Ich belaste ihre Tafeln mit den appetitlichsten Genüssen, aber sie haben den Appetit verloren; ich schmücke ihre Betten mit schönen und jungen Frauen, aber die Liebkosungen derselben vermögen nicht ihre entkräfteten Sinne wiederzuerwecken. Alles in der Welt ist ihnen ekel, schal und unersprießlich - sie vergähnen ihre Leben. Sie sehen sich nach dem Nichts, und doch fürchten sie sich vor dem Tod.

7. Je nachdem es mir Vergnügen macht, und ohne dass es der Vernunft des Menschen gelingt, meine Gründe zu ermitteln, schlage ich auf meine Auserwählten los. Ich schleudere sie hinab in die Hölle der Lohnsklaverei.

8. Die Kapitalisten sind meine Werkzeuge, ich bediene mich ihrer wie einer tausendsträhnigen Peitsche, um die stupide Herde der Lohnarbeiter zu geiseln.

9. Ich bin der Gott, der die Welten bewegt und den Verstand der Menschen verwirrt.

10. Der Dichter des Altertums hat die Ära des Kapitalismus vorhergesagt. Er sprach: "Jetzt sind die Übel noch gemischt mit Gutem; aber eines Tages wird es weder Familienbande noch Gerechtigkeit noch Tugend mehr geben. Hades und Nemesis werden zum Himmel emporsteigen und das Übel wird ohne Heilmittel sein" *. Die verkündete Zeit ist gekommen: gleich den gefräßigen Ungeheuern der Meere und den Raubtieren der Wälder verschlingen die Menschen einander ohne Erbannen.

11. Ich lache über die Weisheit der Menschen. Arbeite, und die Not wird fernbleiben; arbeite, und deine Speicher werden gefüllt sein mit Lebensmitteln, - lehrte die alte Weisheit. Ich aber sage:

Arbeite, und Mangel und Elend werden dein treuer Begleiter sein; arbeite, und du wirst dein letztes Wirtschaftsstück ins Leihamt tragen.

13. Ich bin der Gott, der die Staaten umwälzt. Ich beuge die Großen unter mein Gleichmachungsjoch, ich breche die anmaßenden Individualitäten, ich bilde die Menschen für die Gleichheit vor. Ich schaffe die Form für die kommende kommunistische Gesellschaft.

14. Die Menschen haben Brahma, Jehova, Jesus und Allah aus dem Himmel verjagt, ich sterbe durch Selbstmord.

14. Wenn der Kommunismus Gesetz sein wird, wird die Herrschaft des KAPITALS, des Gottes, der die Generationen der Vergangenheit und Gegenwart verkörpert, zu Ende sein.

Das KAPITAL wird nicht mehr die Welt regieren, es wird der Sklave des Arbeiters sein, den es hasst. Der Mensch wird nicht mehr vor dem Werk seiner Hände und seines Geistes knien, er wird sich auf die Füße stellen und aufrecht stehend die Natur als souveränen Herrscher betrachten.

15. Das Kapital wird der letzte Gott gewesen sein.



V. Die Gebete des Kapitalisten

l. Das Gebet des Herrn

Unser Vater KAPITAL, der du bist von dieser Welt, allmächtiger Gott, der du den Lauf der Flüsse veränderst und Berge durchstichst, der du Erdteile voneinander trennst und Nationen zusammenkettest, Schöpfer der Waren und Quelle des Lebens, der du Königen und Untertanen, Arbeitern und Unternehmern befiehlst, dein Reich werde errichtet auf Erden.

Gib uns Käufer in Menge, die unsere Waren abnehmen, die guten wie die schlechten. Gib uns notleidende Arbeiter, die ohne Murren die härteste Arbeit und den niedrigsten Lohn annehmen. Gib uns Gimpel, die auf den Leim unserer Prospekte gehen.

Gib, dass unsere Schuldner ihre Schulden völlig an uns abzahlen. *

Führe uns nicht in das Zuchthaus, sondern befreie uns von dem Bankrott und verleihe uns ewige Renten. Amen!

2. Glaubensbekenntnis

Ich glaube an das KAPITAL, den Beherrscher der Körper und der Geister .

Ich glaube an den PROFIT, seinen eingeborenen Sohn, und an den KREDIT, den heiligen Geist, der von ihm ausgeht und in ihm angebetet wird.

Ich glaube an GOLD und SILBER, die, geschmolzen im Tiegel und zerhackt in der Münze, geschlagen im Prägstock, als klingende Münze zur Welt gekommen, aber, nachdem sie auf Erden gewandelt und zu schwer befunden wurden, hinabgefahren in die Keller der Bank, um als PAPIERGELD wieder aufzuerstehen.

Ich glaube an die RENTE, an die fünfprozentige, an die vierprozentige und an die dreiprozentige, sowie an die Notierungen des Kurszettels.

Ich glaube an das System der STAATSSCHULDEN, welches das KAPITAL versichert gegen das Risiko im Handel, Industrie und Geldgeschäften. Ich glaube an das PRIVATEIGENTUM, die Frucht der Arbeit anderer, sowie an seine Dauer bis ans Ende aller Zeiten.

Ich glaube an die Notwendigkeit der NOT, Lieferantin von Lohnsklaven und der Mutter der Mehrarbeit.

Ich glaube an die Ewigkeit des LOHNSYSTEMS, das den Arbeiter befreit von allen Sorgen des Besitzes.

Ich glaube an die Verlängerung des ARBEITSTAGES und die HERABSETZUNG der LÖHNE, sowie an die Verfälschung der Produkte.

Ich glaube an das geheiligte Dogma: BILLIG KAUFEN UND TEUER VERKAUFEN, und somit an die Grundsätze unserer allerheiligsten Kirche, der RECHTGLÄUBIGEN NATIONALÖKONOMIE. Amen!

3. Der englische Gruß (Ave Miseria)

Gegrüßet seist du, NOT, du bist voller Gnaden. Du erdrückst und bändigst den Arbeiter, du marterst seine Eingeweide durch unablässigen Hunger und verdammst ihn, sein Leben und seine Freiheit für ein Stück Brot zu verkaufen. Du brichst den Geist der Empörung und weihst den Proletarier, sein Weib und seine Kinder der Zwangsarbeit in den kapitalistischen Zuchthäusern. Heil dir, gebenedeite unter den Weibern!

Heilige Jungfrau, die du gezeugt hast den kapitalistischen Profit, sei gesegnet. Göttliche, die du marterst die erniedrigte Klasse der Lohnarbeiter, liebevolle und begnadete Mutter der Mehrarbeit, Erzeugerin der Renten, wach über uns und unsere Kinder. Amen!

4. Anbetung des Goldes

GOLD, wunderbare Ware,die du in dir trägst alle übrigen Waren.

GOLD, erstgeborene Ware, die du alle anderen Waren zu sich bekehrt,

GOTT, der alles zu wägen und zu messen weiß; GOLD, du vollkommenste, idealste Verkörperung des Gottes KAPITAL;

du, das edelste, großartigste Element in der Natur, du, das weder Wurm, noch Schimmel, noch Rost kennt;

GOLD, unabänderliche Ware, flammende Blume, glänzender Strahl, leuchtende Sonne, du stets jungfräuliches Metall, das du, den Eingeweiden der Erde, der ehrwürdigen Mutter aller Dinge, entrissen, dich abwendest, dich in den Geldschränken der Wucherer und in den Kellern der Bank vergräbst, und aus dem Versteck, da du aufgeschlichtet ruhst, deine Kraft auf gemeines, elendes Papier überträgst, auf dass es sie verdopple und verzehnfache; GOLD, träges Metall, das die Welt bewegt, vor deiner glänzenden Majestät beugen sich die lebenden Jahrhunderte und beten dich demütig an;verleihe deine göttliche Gnade den Getreuen, die dich anrufen, und die, um dich zu besitzen, Ehre und Tugend, die Achtung der Männer und die Liebe des Weibes ihrer Seele und der Kinder ihres Blutes preisgeben und vor der Verachtung ihrer selbst nicht zurückschrecken!

GOLD, allerhöchster, unüberwindlicher Gebieter, du ewig Siegreicher, vernimm unser Gebet!

Erbauer der Städte und Zerstörer der Reiche, Polarstem der Moral, der du die Gewissen trägst, der du den Nationen Gesetze vorschreibst und Könige und Kaiser unter dein Joch beugst, vernimm unser Gebet!

Du, der du die Gelehrten die Wissenschaft fälschen lehrst, der du die Mutter überredest, die Jungfräulichkeit ihres Kindes zu verkaufen, und den freien Mann zwingst, die Sklaverei der Fabrik auf sich zu nehmen, vernimm unser Gebet!

Du, der du die Entscheidungen der Richter und die Abstimmungen der Deputierten kaufst, vernimm unser Gebet!

Du, der du Blumen und Früchte hervorrrufst, welche die Natur nicht kennt, der du Laster und Tugenden verbreitest, der du die Künste und den Luxus ins Leben rufst, vernimm unser Gebet!

Du, der du die unnützen Tage des Müßgiggänger verlängerst und die Jahre des Arbeiters verkürzt, vernimm unser Gebet!

Du, der du den Kapitalisten in seiner Wiege zulächelst und den Proletarier schon im Schoß seiner Mutter mißhandelst. vernimm unser Gebet!

GOLD, unermüdlicher Wanderer, der du an Schurkereien und Gaunerkniffen Gefallen hast, erhöre uns. Dolmetscher aller Sprachen, gewandtester aller Kuppler, unwiderstehlicher Verführer, Eichmaß für Menschen und Dinge, erhöre uns. Bote des Friedens, Begünstiger der Zwietracht, der du Muße und Überarbeit verurteilst, Beistand der Tugend und der Korruption, erhöre uns.

GOLD, verflucht und angerufen in unzähligen Gebeten, verehrt von den Kapitalisten und geliebt von den Kurtisanen, erhöre uns.

Befreier von Gutem und von Übeln, Unglück und Glück der Menschen, Heiler der Kranken und Balsam für die Schmerzen, erhöre uns!

Du, der die Welt verzaubert und die menschliche Vernunft verwirrt, du, der die Häßlichkeit schön macht und Ungeschicklichkeit schmückt,

All-Friedensstifter, der die Schande und die Ehrlosigkeit achtenswert macht und den Diebstahl und die Prostitution zu Ehren bringst, erhöre uns!

Du, der die Feigheit mit dem Ruhm beladet, welcher der Tapferkeit gebührt, der der Häßlichkeit die Huldigungen zuwendet, welche der Schönheit gebührt, der der Hinfälligkeit die Liebe verschafft, die der Jugend gebührt, boshafter Zauberer, erhöre uns!

Dämon, der den Mord anstiftet und den Wahnsinn entfacht, erhöre uns! Fackel, die die Wege des Lebens erleuchtet, Führer und Beschützer und Heil der Kapitalisten, erhöre uns!



VI. Klagen Hiob Rothschilds, des Kapitalisten

KAPITAL, mein Gott und mein Gebieter, warum hast du mich verlassen? Was habe ich verbrochen, dass du mich von den Höhe des Besitzes hinabstürzest und mich erdrückst unter der Last der Armut?

Habe ich nicht gelebt nach deinem Gebot? Waren meine Handlungen nicht recht und gesetzlich?

Kannst du mir vorwerfen, dass ich je gearbeitet? Habe ich nicht alle Genüsse gekostet, welche meine Millionen und meine Sinne mir erlaubten? Habe ich nicht Männer, Frauen und Kinder Tag und Nacht bis zur Erschöpfung und darüber hinaus in meine Dienst gespannt? Habe ich ihnen je mehr als einen Hungerlohn gegeben? Hat mich die Not und die Verzweiflung meiner Arbeiter je gerührt?

KAPITAL, mein Gott, ich habe die Waren, die ich verkaufte, verfälscht, ohne mich darum zu kümmern, ob ich die Konsumenten vergifte. Bis auf die Haut habe ich die Gimpel gerupft, die auf den Leim meiner Prospekte gegangen.

Ich habe nur gelebt, um zu genießen und mich zu bereichern, und du hast meine tadellose Aufführung, mein des Lobes wertes Leben gesegnet, indem du mir gewährtest Frauen und Kinder, Hunde und Knechte, die Freuden des Leibes und die Freuden der Eitelkeit.

Und jetzt habe ich alles verloren und ich bin ein Ausgestoßener geworden.

Meine Konkurrenten freuen sich über meinen Ruin und meine Freunde wenden sich von mir ab; sie verweigern mir sogar Vorwürfe und unnütze Ratschläge, sie kennen mich nicht mehr. Meine Mätressen bespritzen mich auf der Straße mit den Karossen, die ich ihnen mit meinem Geld gekauft.

Das Elend legt sich um mich, gleich den Mauern eines Gefängnisses trennt es mich von der übrigen Menschheit. Ich bin allein und alles in mir und außer mir ist trübe.

Meine Frau, die kein Geld mehr hat, um sich zu schminken und ihr Gesicht zu verkleiden, erscheint von mir in ihrer ganzen Häßlichkeit. Mein Sohn, erzogen zum Nichtstun, begreift nicht einmal die Tragweite meines Unglücks – Idiot, der er ist! Die Augen meiner Töchter fließen wie zwei Bäche an der Erinnerung an die versäumten Heiratspartien.

Aber was sind die Leiden der meinigen gegen mein Unglück? Da, wo ich als Herr befohlen, jagt man mich fort, wenn ich mich als Untergebener anbiete!

Alles ist Kot und Stank für mich in meiner Hohle. Mein von der Härte meines Lagers zerschundener und von Wanzen und schmutzige Insekten zerbissener und zerstochener Körper findet keine Ruhe mehr, meine Seele kostet nicht mehr den Schlaf, der Vergessenheit bringt.

Oh, wie sind die Elenden glücklich, die von jeher nur Armut und Schmutz gekannt! Sie wissen nicht, was zart und lieblich ist, ihre dicke Haut und ihre abgestumpften Sinne empfinden keinen Ekel.

Warum mich das Glück kosten lassen, um mir nichts zu lassen als die Erinnerung, blinkender denn eine Spielschuld?

Besser wäre es gewesen, mich in Elend geboren werden zu lassen als mich zu verdammen, darin zu verkommen, nachdem du mich im Reichtum erzogen.

Was kann ich tun, um mein armselige Brot zu erwerben?

Meine Hände, die nur Ringe getragen und mit Banknoten zu tun gehabt haben, können keinerlei Werkzeug hantieren. Mein Hirn, welches sich nur damit beschäftigte, die Arbeit zu fliehen, von den Ermüdungen des Reichtums auszuruhen, die Langeweile des Nichtstuns loszuwerden und über den Ekel der Übersättigung hinwegzukommen, ist nicht fähig zu der Aufmerksamkeit, die erforderlich ist, Briefe abzuschreiben und Zahlen zu addieren.

Ist es denn möglich, Herr, dass du einen Menschen so erbarmungslos schlägst, der nie auch nur einem deiner Gebote ungehorsam war?

Oh, es ist schlecht, es ist ungerecht, es ist unmoralisch, dass ich die Güter verliere, welche die Arbeit anderer so mühsam für mich angehäuft hatte.

Wenn die Kapitalisten, meine ehemaligen Genossen, mein Unglück sehen, so werden sie erfahren, dass deine Gnade Laune ist, daß du sie gewährst ohne Vorliebe, und sie zurücknimmst ohne Ursache.

Wer wird dann noch an dich glauben wollen?

Welcher Kapitalist wird verwegen, sinnlos genug sein, dein Gesetz anzunehmen, sich im Nichtstun, im Prassen und Schlemmern zu verweichlichen, wenn die Zukunft so unsicher, so bedrohlich ist? Wenn der leiseste Wind, der an der Börse weht, die bestangelegten Vermögen fortbläst? Wenn nichts Bestand bat? Wenn der Reiche von heute der Bettler von morgen sein kann?

Die Menschen werden dir fluchen, Gott-Kapital, wenn sie meine Erniedrigung betrachten, sie werden deine Macht leugnen, wenn sie die Tiefe meines Sturzes ermessen, sie werden deine Gunst zurückweisen.

Um deines Ruhmes willen setze mich wieder in meine verlorene Position ein. Erhebe mich aus meiner Versunkenheit, denn mein Herz füllt sich mit Galle, und Flüche drängen sich auf meinen Lippen!

Wilder Gott, blinder Gott, stupider Gott! Hüte dich, dass die Reichen nicht endlich ihre Augen öffnen und bemerken, daß sie sorglos und unbewusst am Rande eines Abgrundes wandern! Zittre, daß sie dich nicht hineinwerfen, um ihn zu füllen, daß sie sich nicht mit den Kommunisten verbinden, um dich zu stürzen.

Doch welche Gotteslästerung stoße ich aus?

Mächtiger Gott, vergib mir diese törichten und verbrecherischen Worte. Du bist der Meister, der die Güter austeilt, ohne nach dem Verdienst zu fragen, und sie nach deinem Gefallen zurücknimmst. Du weißt, was du tust.

Du zerschmetterst mich in meinem Interesse, zu meinem Wohle prüfst du mich.

Oh, holder und liebenswürdiger Gott, schenke mir deine Gunst wieder! Du bist die Gerechtigkeit, und wenn du mich schlägst, so habe ich unbewusst irgendeinen Fehl begangen.

Oh Herr, wenn du mir meinen Reichtum wiedergäbest, so gelobe ich, deine Gesetze noch strenger zu befolgen. Ich werde die Lohnarbeiter mehr und mehr ausbeuten, die Konsumenten noch listiger betrügen, die Aktionäre noch vollständiger rupfen.

Ich krieche vor dir wie der Hund vor dem Herrn, der ihn prügelt. Ich bin deine Sache: dein Wille geschehe!



-------- Wortgetreue Abschrift bescheinigt Paul Lafargue.




Personenverzeichnis

Ministerpräsident Robert Arthur Salisbury (1830 – 1903) und sein Kolonialminister Joseph Chamberlain (1836 – 1914) waren Exponenten einer Politik der "splendid isolation" in Europa bei gleichzeitiger Expansion des britischen Empire in "freie Räume", gestützt auf eine Flotte, die den beiden zweitstärksten Seemächten doppelt überlegen sein sollte; Schatzminister Randolph Churchill (der Vater von Winston) (1849 – 1892) kritisierte diesen "two power standard" als "Luxusflotte".

Der von der anglikanischen Hochkirche zum Katholizismus übergetretene Kardinal Henry Edward Manning war ein Verfechter des 1870 von Pius IX. verkündeten Dogmas von der unfehlbaren Lehrautorität der Päpste.

Charles Dilke (1843 – 1911) propagierte das Bild vom "Greater Britain" in einer "täglich englischer werdenden Welt." Im Original steht statt Charles Dilke Samuel Morley.

Herbert Spencer (1820 – 1903), englischer Empirist und Darwinist, der den Entwicklungsgedanken auch auf organische, psychische und soziale Erscheinungen anwendet. Seine ethischen Auffassungen fundiert er soziologisch. Den Zweck des Staates sieht er in der Sicherung der Rechte und der Freiheit des Einzelmenschen.

Otto von Bismarck (1815-1898), von Friedrich Engels als "Herr von Schnaps und Kuvertpapier" bezeichnet, da er als Unternehmer auf seinen Gütern Spirituosen und Papier produzierte, vollzog als Ministerpräsident Preussens mit Kriegen gegen Dänemark (1864), Österreich (1866) und Frankreich (1870 – 71) die deutsche Einigung, ohne sich um Verfassung und Landtag zu kümmern.

Der jüdische Bankier Gerson von Bleichröder (1822 – 1893) beriet Bismarck bei dubiosen finanziellen Machenschaften (u. a. kaufte der Bankier für 11 Millionen Taler Eisenbahnaktien zur Finanzierung der preussischen Mobilmachung im Krieg gegen Österreich 1866.)

Der Begründer der Dynastie, Anschelm Rothschild (1744 – 1812), profitierte als "Fürstlich – Hessen – Hanauscher Hoffaktor" vom Verkauf hessischer Untertanen als Soldaten (z. B. nach Amerika), den sein Kurfürst Wilhelm IV. erfolgreich betrieb. Über seine fünf Söhne, die neben dem Frankfurter Stammhaus Banken in Wien, Paris und Neapel gründeten, konnte die Mutter bereits stolz schreiben: "Wenn meine Buben nicht wollen, gibt's keinen Krieg!". Mayer Alphonse Freiherr von Rothschild (1827 – 1905) vermittelte im Krieg 1870 die Bezahlung der französischen Reparationen an Deutschland.

Jean-Marie George Girard, baron de Soubeyran, (1828 - 1897) Enkel des napoleonischen "Herzogs von Rovigo", Savary. Jurastudium, Finanzpolitiker unter Napoleon III., Abgeordneter von Vienne, in der III. Republik Bonapartist und Anhänger Boulangers. Kaufte eine Zeitung und eine Eisenbahngesellschaft, gründete eine Bank und war an seinem Lebensende vollständig pleite.

Friedrich Alfred Krupp (1854 – 1902) baute den von seinem Vater Alfred übernommenen Industriebetrieb zu einer internationalen Rüstungsschmiede aus.

Der Industrielle Karl Ferdinand Stumm(1836 – 1901), Mitbegründer der deutschen freikonservativen Partei, beriet Wilhelm II. bei seiner arbeiterfeindlichen Politik.

Die Familie Dollfus stand in Mühlhausen an der Spitze eines Textilunternehmens.

Charles-Frédéric Dietz-Monnin (1826 - 1896), Elsässer, Industrieller, Vorsitzender der "Union des Fabricants" (Gesellschaft zum Schutz des geistigen Eigentums), Senator der III. Republik auf Lebenszeit.

Adolphe (1802 – 1845) und Eugène Schneider (1805 – 1875)gründeten durch die Übernahme einer Waffenfabrik ein Eisen- und Stahlunternehmen in Le Creusot.

Carl Wörmann (1813 – 1880) gründete in Hamburg ein gleichnamiges Handelshaus.

Im Kulturkampf, der 1871 mit dem "Kanzelparagraphen" (kein Kleriker durfte mehr in Ausübung seines Amtes staatliche Angelegenheiten in einer "den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise" behandeln) einsetzte, waren der preussische Abgeordnete Ernst von Eynern (1838 – 1906) und der Kölner Kardinal Philipp Krementz (1819 – 1899) unversöhnliche Gegner.

Der Ministerpräsident William Ewart Gladstone(1809 – 1898) wurde wegen seiner Autonomie-Zugeständnisse an den Führer der irischen Parlamentsgruppe Stewart Parnell (1846 – 1891) von Salisbury gestürzt.

Der Abgeordnete Eugen Richter (1815 - 1898) opponierte als Führer der liberalen Fortschrittspartei insbesondere gegen Bismarcks Innenminister Robert Victor Puttkamer (1828 – 1888).

Als preussischer Feldherr hatte Helmut Moltke (1800 – 1891) im Krieg 1870/71 die Franzosen vernichtend geschlagen.

Paul Déroulède(1846 – 1914),Gründer der chauvinistischen "Ligue des Patriotes", Dichter von Dramen, Kriegs- und Soldatenliedern, "der Papst der Patrioten, der sein Kreuz der Ehrenlegion im Blut französischer Kämpfer der Pariser Kommune gefischt hat" (Lafargue, „Der Patriotismus der Bourgeoisie“, 1906).

Arthur Ranc, französischer radikaler (liberaler) Politiker (1831 – 1908)

Paul Bert (1833 – 1866), Physiologe, zeitweilig Unterrichtsminister. Anhänger der Trennung von Staat und Kirche in Frankreich.

Ernst Häckel (1834 - 1919), Zoologe, Darwinist.

Louis Ménard (-Dorian)(1822 -1901), Schriftsteller und Altphilologe (Gräzist), ehemaliger Anhänger Blanquis.

Auguste Comte (1798 – 1857), einer der Begründer der Soziologie und der Denkrichtung des Positivismus, die von ihm und seinen Anhängern zu einer religionsähnlichen Ideologie entwickelt wurde.

Pierre Laffitte (1823-1903), Mathematikprofessor, Nachfolger Comtes als "Direktor des Positivismus". Politisch gehörte er zu den Republikanern um Jules Ferry und Léon Gambetta.

Michael Baumgarten (1812 – 1889), evangelischer Theologe, versuchte soziale Umwälzungen biblisch zu rechtfertigen, als Hochschullehrer seines Amtes enthoben, Reichstagsabgeordneter der Fortschrittspartei.

Rudolf Virchow (1821 – 1902), Mitbegründer und MdR der Fortschrittspartei und im Kulturkampf scharfer Kirchenkritiker.

Nikolaj Karlowitsch Giers (oder Girs) (1820 – 1895), russischer Außenminister.

Prof.Albert Hänel (1833-1918), 1867 – 1893 und 1903 – 1908 MdR, Gegner Bismarcks und einer der Führer der Fortschrittspartei im Reichstag.

Robert Giffen (1837 – 1910), Leiter des statistischen Amts im britischen Außenministerium.

Eduard von Hartmann (1842-1906), deutscher Philosoph, der auf der Basis empirischer Forschung eine Metaphysik entwickelte, in der das Absolute als das "Unbewusste" definiert wird. Hauptwerk: "Philosophie des Unbewussten", 1869.

Das Haus Baring war die älteste und zugleich größte Merchant Bank in der Londoner City mit erheblichem politischen Einfluß. So war etwa Thomas George Baring (1826 – 1904) britischer Generalgouverneur von Indien. Die Familie Baring brachte 1803 gemeinsam mit dem Amsterdamer Bankhaus Hope die Elf-Milliarden-Dollar-Anleihe unter, mit der die US-Regierung den Kauf von Louisiana – das heißt des gesamten Mississippi-Beckens – finanzierte. In den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ging die Bank nach ein paar Fehlspekulationen pleite. 

Die Familie Worms begann ihren Aufstieg in Saarlouis als Heereslieferant des Ancien Régime. 1727 gründeten sie das Bankhaus Worms & Cie in Paris, dessen Bedeutung erst mit dem Aufstieg der Rothschilds schwand.

Mit dem Prinzen von Wales ist gemeint der nachmalige König Edward VII (1841 – 1910), der erst nach dem Tod seiner Mutter, Queen Victoria, 1901 auf den Thron gelangte und sich die Zeit bis dahin als Lebemann vertrieb.

Cora Pearl (Eliza Emma Crouch), geboren in Plymouth als Tochter eines Musiklehrers, Ausbildung in Frankreich, Schauspielerin in London, später in Paris.
"Es war weniger ihr schauspielerisches Talent als ihre Erscheinung, welche die Männer scharenweise im Wetteifern um ihre Gunst Schlange stehen ließ. Einer ihrer großzügigsten Förderer war der Herzog von Rivoli, der ihr ein Leben in luxuriösem Stil ermöglichte. Später zählten eine Reihe Adliger, vor allem Prinz Napoleon, ein Vetter des amtierenden französischen Kaisers, zu ihren Protégés. Gefragt waren ihre allnächtlichen Bankette, an denen jeweils mindestens 15 Herren teilnahmen, und die allerhand angenehme Überraschungen für die vergnügungssüchtige Galane boten.

Zu ihren besten Zeiten besaß Cora Pearl 3 elegante Häuser, 60 Pferde und unzähliges Personal. Sie hielt sich nicht nur in Paris, wo sie neben allem anderen Engagement auch Bühnenauftritte absolvierte, auf, sondern reiste z.B. in die mondänen Badeorte, unter anderem auch nach Baden-Baden. Der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 und der Sturz des Kaiserreichs beendete Cora Pearls Karriere. Sie kehrte vorübergehend nach England zurück, erfuhr dort allerdings auch allergrößte Abneigung. Bis zu ihrem Tode 1886 lebte sie noch einigermaßen komfortabel aus dem Verkauf ihrer Besitztümer in einer vergleichsweise bescheidenen Pension." (Homepage der Stadt Baden-Baden)

Jöns Jacob Berzelius(1779-1848), schwedischer Chemiker. Entdeckte das Element Cer. Karl Friedrich Gerhardt (1816-1856), Physiker. Präzisierte die Begriffe Atom, Molekül, Äquivalent.

Jules Chagot (1801-1877)Industrieller, Besitzer der Kohlegruben von Blanzy (Saône-et-Loire/ Bourgogne), schuf 1834 für seine Arbeiter eine Kranken- und Unterstützungskasse und eine Pensionskasse (1854). Als Politiker Napoleon III. zuneigend, Bürgermeister von Blanzy und Saint-Vallier (bis 1877), Conseiller général des Departements Saône-et-Loire, und Mitglied der gesetzgebenden Körperschaft des Kaiserreichs.





Anmerkungen von Lafargue



*Wir bedauern, dass der beschränkte Raum es uns unmöglich macht, die bedeutenden Reden wörtlich wiederzugeben, die auf diesem Kongress gehalten wurden, an welchem die Spitzen der Wissenschaft, der Philosophie, der Religion, der Politik, der Finanz der Industrie und des Handels teilnahmen. - Wir verweisen den der englischen Sprache mächtigen Leser auf den von Herrn Spencer im April-Heft 1884 der "Contemporary Review" veröffentlichten Artikel "The Coming Slavery" (Die herannahende Sklaverei), in welchem dieser Philister von Philosoph Zellengefängnisse und Peitsche für die Beherrschung der niederen Klassen empfahl.

*Der Katechismus spielt hier auf eine Tatsache an, die in Frankreich passiert ist, und die seine Verfasser zweifelsohne in allen Ländern verallgemeinert sehen wollen. Man benutzte die in den Sparkassen deponierten Summen, um die auf 1200 Millionen angelaufene schwebende Schuld zu bezahlen. Bei dieser Gelegenheit machen wir auf den echt internationalen Charakter des Katechismus aufmerksam, der die Rechte und Pflichten des Proletariats ohne Unterschied des Landes und der Rasse formuliert.

**Ist in Frankreich geschehen. Die Verfasser sahen wahrscheinlich voraus, daß die Geschichte sich in anderen Ländern wiederholen werde, und wollten die sparenden Arbeiter darauf vorbereiten.

*Der Legat des Papstes spielt hier zweifelsohne auf den Satz im Buch der Könige an: "Und er (Joschija) zerstörte die Gemächer der  Tempeldienerinnen, die im Hause des Herrn waren, darinnen die Huren  Schleier webten." (2. Buch der Könige, Kap. 23, Vers 7) Im Tempel der Mylitta hatten Babylons Prostituierte ähnliche Quartiere.

*Die Verfasser der Predigt zeigen sich hier von einem Gedankengang August Comtes durchdrungen. Der Stifter des Positivismus prophezeite die Bildung einer höheren Frauenrasse, die von der Schwangerschaft und Zeugung befreit sein würde. Die Kurtisane verwirklicht das Ideal des berühmten Bourgeoisphilosophen.

*Letzte Worte, d. h. Summe aller Erkenntnis.

*Diese so treffende Prophezeiung der kapitalistischen Epoche steht in "Werke und Tage" von Hesiod, einem griechischen Dichter, der etwa 800 Jahre vor unserer Zeitrechnung lebte.

*Das Pater noster der Christen, redigiert von Bettlern und Vagabunden für arme Teufel, die beständig bis über die Ohren verschuldet waren, richtete an Gott die Bitte um Erlösung von den Schulden: Dimitte nobis debita nostra, sagt der lateinische Text. Als jedoch die Besitzenden und Wucherer sich zum Christentum bekehrten, stiessen die Kirchenväter den ursprünglichen Text um und übersetzten unverfroren debita = Schulden mit Schuld = Sühne. Tertullian, ein Kirchengelehrter und Großeigentümer, schrieb eine ganze Abhandlung über das Gebet des Herrn, um festzustellen, daß das Wort Schulden in dem Sinn von Sünden zu verstehen sei, die einzigen Schulden, welche den Christen erlassen werden. Die Religion des Kapitalismus, als ein Fortschritt gegenüber dem Katholizismus, muss nun die volle Bezahlung der Schulden verlangen, da der Kredit die Seele der kapitalistischen Betätigung ist.